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Aus: Ausgabe vom 20.08.2021, Seite 6 / Ausland
Angriff auf Jesiden

Grünes Licht für Ankara

Sindschar: Keine internationalen Reaktionen nach türkischen Angriffen auf Jesiden
Von Nick Brauns
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Miliz für den Schutz der Glaubensgemeinschaft: Mitglieder der Sindschar-Widerstandseinheiten in Umm Al-Dhiban (29.4.2016)

Auch zwei Tage nach einem türkischen Luftangriff auf ein Krankenhaus in der nordirakischen Sindscharregion fehlen weiterhin jegliche internationale Reaktionen auf dieses Kriegsverbrechen eines NATO-Staates. Die türkische Luftwaffe hatte das Krankenhaus im Ort Sikeniye am Dienstag nachmittag zweimal bombardiert. Ein weiterer Luftschlag erfolgte, als Retter zur Bergung der in den Trümmern Verschütteten herbeieilten. Bei den acht Toten, die am Mittwoch unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt wurden, handelt es sich nach Angaben des Autonomierates von Sindschar um Krankenhauspersonal sowie um vier Milizmitglieder der Sindschar-Widerstandseinheiten (YBS).

Die in einem ehemaligen Schulgebäude eingerichtete Krankenstation wurde von den YBS verwaltet, stand aber auch der örtlichen Bevölkerung offen. Die Bombardierung erfolgte nur einen Tag nach einem türkischen Drohnenangriff auf einem Marktplatz der Stadt Sindschar, bei dem der YBS-Kommandant Said Hassan sowie dessen Neffe ums Leben gekommen waren. Ein weiterer in dem getroffenen Wagen sitzender hochrangiger YBS-Kommandant wurde verwundet und in das am folgenden Tag bombardierte Krankenhaus gebracht. Nach YBS-Angaben überlebte er auch diesen zweiten Anschlag innerhalb von 24 Stunden.

Die YBS waren nach dem genozidalen Angriff der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) auf die von Jesiden bewohnte Sindscharregion im Jahr 2014 gebildet worden, um die verfolgte Glaubensgemeinschaft nicht mehr schutzlos und in Abhängigkeit von äußeren Mächten zu lassen. Guerillakämpfer der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die durch ihr Eingreifen bereits 2014 Zehntausenden Jesiden die Flucht vor dem IS ermöglicht hatten, leisteten anfangs Ausbildungshilfe. Aus Ankaras Sicht handelt es sich daher bei den YBS um einen Ableger der PKK, doch die jesidische Miliz ist von der kurdischen Guerilla organisatorisch unabhängig.

Seit 2017 gehören die YBS den ansonsten aus schiitischen Milizen bestehenden Volksmobilisierungskräften (PMU) an, die vom Irak zum Kampf gegen den IS aufgestellt wurden. Damit werden die YBS als Teil der irakischen Streitkräfte von Bagdad besoldet. Als Kommandeur der 80. Brigade der PMU stand der getötete Oberst Hassan im Kontakt zu den von Iran unterstützten schiitischen PMU-Milizen.

Zum Zeitpunkt des Angriffs auf sein Fahrzeug war er auf dem Weg zu einem Treffen mit dem irakischen Ministerpräsidenten Mustafa Al-­Kadhimi, der an diesem Tag eine Gedenkveranstaltung in Kocho im Süden von Sindschar besuchte. Allein in diesem Ort hatten IS-Kämpfer im August 2014 rund 800 Jesiden massakriert. Der von Bagdad nicht anerkannte Autonomierat von Sindschar bezeichnete die türkischen Angriffe am Mittwoch als »ein neues Glied in der Kette des Völkermordes«. Ankara sei zwar der Aggressor, doch erfolgten die Angriffe auf die Jesiden mit internationaler und regionaler Zustimmung. So kontrolliert die US-Armee den Luftraum über dem Nordirak. Khadimis Büro ließ ohne Nennung der Türkei lediglich verlauten, der Nationale Sicherheitsrat des Irak »verurteile die Militäraktionen« in Sindschar.

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