Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Oktober 2021, Nr. 241
Die junge Welt wird von 2589 GenossInnen herausgegeben
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder > Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Kauf im Kiez! Zum jW-Kioskfinder >
Aus: Ausgabe vom 20.08.2021, Seite 2 / Ausland
Krieg in Afghanistan

Widerstand gegen Taliban

Afghanistan: Bewaffnete Gruppe formiert sich. UNO braucht Spendengelder für Bevölkerung. G20-Treffen gefordert
asdadad.jpg
Weltweite Solidarität mit Afghanen: Demonstration gegen die islamistische Machtübernahme am Mittwoch in Brüssel

In Afghanistan formiert sich Widerstand gegen die Taliban, die in den vergangenen Wochen weite Teile des Landes und am Sonntag die Hauptstadt Kabul eingenommen haben. Angeführt vom früheren Vizepräsidenten Amrullah Saleh und Ahmed Massud, dem Sohn eines berühmten Taliban-Gegners, bildet sich im Pandschirtal nordöstlich von Kabul eine Widerstandsbewegung. Der Gruppe hätten sich Soldaten und Spezialeinheiten der afghanischen Armee angeschlossen, erklärte Massud in einem Beitrag in der Washington Post am Mittwoch (Ortszeit). Bis zum Schluss werde er »an der Seite seines Volkes bleiben«, versichert Massud in einer online veröffentlichten Videobotschaft. Seine »Mudschaheddin-Kämpfer« seien »bereit, es erneut mit den Taliban aufzunehmen«. Das Pandschirtal gilt als Hochburg des Widerstandes und konnte nie von den Taliban eingenommen werden.

Nach Informationen der Zeitung La Repubblica will Italien wegen der Lage in Afghanistan einen Sondergipfel der »wichtigsten« Industrie- und Schwellenländer (G20) einberufen. Italien hat derzeit den Vorsitz der G20 inne. China hofft derweil auf eine gemäßigte Politik der militanten Islamisten in seinem Nachbarland. Außenamtssprecherin Hua Chunying verwies am Donnerstag in Beijing auf jüngste Zusicherungen der Taliban, eine offene und inklusive Regierung bilden zu wollen sowie die Rechte von Frauen zu achten. »Wir hoffen, dass die Taliban diese positiven Erklärungen wahr machen«, sagte die Sprecherin. In einem überraschenden Schritt stellte Beijing eine diplomatische Anerkennung der Taliban in Aussicht. Bereits am Mittwoch erklärte ein Außenamtssprecher: »Es ist übliche internationale Praxis, dass die Anerkennung einer Regierung nach ihrer Bildung erfolgt.«

Unterdessen haben die US-Regierung und die Notenbank den Großteil der afghanischen Währungsreserven eingefroren. Zudem erklärte der Internationale Währungsfonds (IWF), weil es momentan keine Klarheit über eine Anerkennung der afghanischen Regierung gebe, könne das Land bis auf weiteres nicht auf IWF-Mittel zugreifen; eine Erhöhung der Reserven von rund 450 Millionen US-Dollar war in Kürze geplant. Immer mehr Menschen in Afghanistan sind auf internationale Unterstützung angewiesen.

Der UNO fehlt es jedoch an dringend benötigten Spendengeldern, wie das UN-Nothilfebüro (OCHA) am Donnerstag in Genf berichtete. Benötigt würden für dieses Jahr mindestens weitere 700 Millionen Euro. Mehrere Länder haben nach der Machtübernahme der Taliban angekündigt, dass sie die Hilfszahlungen einfrieren werden. Auch Deutschland stoppte bereits seine Zahlungen. Für das laufende Jahr waren insgesamt 430 Millionen Euro zugesagt. Nach Angaben der Weltbank machten 2020 Hilfsgelder fast 43 Prozent des afghanischen Bruttoinlandsprodukt von knapp 20 Milliarden US-Dollar aus. Im zweiten Halbjahr werde der Bedarf wegen einer anhaltenden Dürre mit einer schwachen Weizenernte weiter steigen, warnte das Nothilfebüro. (dpa/AFP/jW)

Teste die beste linke, überregionale Tageszeitung. Jetzt an deinem Kiosk!

Die Tageszeitung junge Welt beschreibt in ihrer Berichterstattung die Ausbeutungs- und Machtverhältnisse klar und deutlich. Für alle, die sie verstehen wollen, lohnt sich der Gang zum Kiosk und ein Blick in die  junge Welt!

  • Leserbrief von Dr. Barbara Hug aus Schweiz (25. August 2021 um 12:25 Uhr)
    Zum Leserbrief von Volker Wirth: Die Schweiz findet in der jungen Welt oft eine einseitige Bewertung wegen der Banken, des Geldes etc. So sehr die reiche Schweiz und ihre wirklichen Mängel auch einer Kritik unterzogen werden müssen – vom Standpunkt der sozialen Gerechtigkeit im allgemeinen aus –, so wäre es doch an der Zeit, verschiedene Gesichtspunkte einmal genauer zu beleuchten. Die Neutralität, das föderative Prinzip, der Aufbau von unten in den Gemeinden – und nicht zuletzt der Standpunkt, dass die Schweiz keine Kriege führt. Gleichwohl ist sie ins Kriegswaffengeschäft stark verwickelt. Der deutsche Weg, der Weg der USA, das Heil nach Afghanistan zu bringen, ist abgrundtief gescheitert. Die Schweizer Absage, an dieser monströsen Katastrophe teilzunehmen, muss daher sehr hoch gewichtet werden. Wie die Berner Zeitung schreibt, zog der damalige Schweizer »Verteidigungsminister«, Bundesrat Samuel Schmid, die Reißleine (https://www.bernerzeitung.ch/afghanistan-wie-die-schweiz-ohne-blaues-auge-davonkam-541129986367).
  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (23. August 2021 um 13:10 Uhr)
    Der tadschikische Versuch, Widerstand zu leisten, verdeutlicht, dass Afghanistan ein pluri- bzw. multinationaler Staat ist. Zwar bezeichnen sich die Paschtunen, das größte Volk, selbst als »Afghanen« – aber ihre Sprache und die im Norden und im Zentrum des Landes gesprochenen Dialekte des Persischen bzw. Tadschikischen (in Form des »Dari-Kabuli« Lingua franca des Landes) sind schon zwei Paar Schuhe. Hinzu kommen die turksprachigen Usbeken und Turkmenen in den nördlichen bzw. nordwestlichen Gebieten an den Grenzen zu den gleichnamigen früheren Sowjetrepubliken. Aus Kämpfern dieser nördlichen Völker rekrutierte sich ja 2000/2001 die »Nordallianz«. Wie in Europa seit dem späten Mittelalter treten nationale Bewegungen in Südasien oft in religiösem Gewand auf: die Verwurzelung der Taliban-Bewegung im Volk der Paschtunen, von denen die Hälfte in Pakistan, vor allem in der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa, lebt, ist schon wiederholt erwähnt, aber dann nicht weiter thematisiert worden. Die Taliban haben in diesem Jahr die meisten tadschikischen, usbekischen, turkmenischen und persischen bzw. Aimak- und Hasara-Gebiete überrannt. Nur eben das Pandschirtal nicht und die zentralafghanische Bergwelt von Hasaristan oder Hasaradschat (Heimat der schiitischen Hasara). Einig waren sich zwar bis zum 15. August alle in der Ablehnung der westlichen Vorherrschaft. Ihnen jedoch sämtlich die paschtunische Herrschaft im fundamentalistisch-islamistischen Gewand aufzuzwingen, wird nicht gelingen. Was gerade zuende geht, ist die westliche Einmischung, das angebliche »Nation-Building« – bei dem aber die eigenen Erfahrungen mit mehreren Nationalitäten bzw. Religionen in einem Staat (Schweiz, Belgien, Italien, Spanien) konsequent missachtet wurden. Auch deshalb war die bisherige »Islamische Republik« ein Koloss auf tönernen Füßen. Nur in einem föderativen bzw. Bundesstaat kann Afghanistan fortbestehen – auch wenn Massud und Saleh jetzt vielleicht erfolglos sein werden.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Amir A. (20. August 2021 um 14:00 Uhr)
    Die nächsten Widerstandskämpfer, die dann als Terroristen verraten werden? Geht nicht der NATO auf den Leim, liebe junge Welt!
  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (20. August 2021 um 12:45 Uhr)
    Dem rund 20jährigen Invasionskrieg soll nun also ein Bürgerkrieg folgen. Und wer fördert und finanziert diesen?

Ähnliche:

  • Inhaftierte Taliban warten am 9. April auf ihre Entlassung aus d...
    05.09.2020

    Gespräche könnten beginnen

    Gefangenenaustausch zwischen afghanischer Regierung und Taliban fast abgeschlossen. UN-Diplomatin fordert schnelle Waffenruhe
  • Der Fortschritt dankt ab. Einheiten der UdSSR verlassen Afghanis...
    12.04.2018

    Gorbatschows Geschenk

    Vor 30 Jahren wurde in Genf der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan vereinbart. Der Krieg am Hindukusch wurde nicht zuletzt aufgrund westlicher Einmischung und finanzieller Unterstützung weiter geführt. Bis heute

Regio:

Mehr aus: Ausland

Die Buchlesewoche der Tageszeitung junge Welt vom 20. bis 23. Oktober. Alle Infos hier!