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Aus: Ausgabe vom 17.08.2021, Seite 2 / Inland
Bildungspolitik

»Wir haben schon Jahre Probleme im Bildungssystem«

Berlin: Kampagne stellt mit Eltern, Schülern und Beschäftigten Forderungen für neue Schulpolitik. Ein Gespräch mit Philipp Dehne
Interview: Carmela Negrete
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Anfang Juni hatten nach eigenen Angaben bereits etwa 800 Menschen mit der Initiative in Berlin demonstriert

Ihre Initiative »Schule muss anders« hat eine Unterschriftensammlung begonnen. An wen richtet sich diese und was fordern Sie?

Bei uns sind Eltern, Schüler und Beschäftigte aktiv. Die Unterschriftensammlung möchte alle Beschäftigten an Berliner Schulen erreichen. Ziel ist, dass sich jeweils die Mehrheit der Mitarbeiter einer Schule hinter die vier Kampagnenforderungen stellt: mehr Zeit für Beziehungs- und Teamarbeit, Teams aus unterschiedlichen Berufen an allen Schulen, mehr Ausbildungs- und Studienplätze für Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter sowie eine unabhängige Beratungs- und Beschwerdestelle gegen Diskriminierung und für Teilhabe. An mehreren Schulen hat bereits eine Mehrheit des Personals die Petition unterschrieben. Für Schüler und Eltern wird es Ende August eigene Beteiligungsformate geben.

Laut Berliner Senat gehen in den nächsten acht Jahren etwa 40 Prozent der Berliner Lehrkräfte in Rente. Es müssen also rund 3.000 Lehrkräften jährlich eingestellt werden. Der Personalmangel ist bekannt, doch neue Lehrkräfte sind nicht leicht zu finden, da es nicht genügend gibt: Derzeit verlassen nur etwa 900 neue Lehrer Berliner Unis. Das ist ein krasses Missverhältnis. Es muss jetzt umgesteuert werden, damit wir endlich das Personal haben, das wir für eine gute, gerechte und inklusive Schule für alle brauchen.

Warum brauchen Schulen Teams aus unterschiedliche Berufen?

Schule ist viel mehr als Wissensvermittlung. Sie soll die Persönlichkeitsentwicklung fördern und jedem Kind die Unterstützungsmöglichkeiten geben, die es braucht. Das können Ergotherapeuten sein, die beispielsweise Bewegungsprobleme angehen. Oder auch Theaterpädagogen, Psychologen oder Gesundheitsfachkräfte für Schüler mit Einschränkungen. Nicht jede Schule braucht alle diese Gruppen, aber jede braucht einen Teil davon. Diese Stellen müssen zur Grundausstattung der Schule gehören.

Bezüglich der Stelle gegen Diskriminierung und für Teilhabe: Findet an Berliner Schulen Diskriminierung statt?

Viele Eltern, deren Kinder besondere Bedarfe haben, wollen, dass ihre Kinder in einer Schule mit Kindern ohne Einschränkungen lernen. Das ist ein Rechtsanspruch. Berlin behauptet offiziell, ein inklusives Bildungssystem zu haben. Viele Eltern müssen ihre Kinder aber in Förderschulen anmelden, weil sie an Regelschulen abgelehnt werden. Bei uns sind Eltern aktiv, die sich jedes Jahr mit verschiedenen Stellen und Gerichten rumschlagen, nur damit ihr Kind sein Recht auf gemeinsames Lernen erhält.

Wir brauchen eine unabhängige und gut ausgestattete Beratungs- und Beschwerdestelle, auch für den Bereich Antidiskriminierung. Zwei Antidiskriminierungsbeauftragte der Senatsbildungsverwaltung haben innerhalb von kurzer Zeit ihren Job gekündigt und dabei auf fehlendes Personal zur Unterstützung verwiesen. Das zeigt, wie dringend auch hier der Handlungsbedarf ist.

Ist die Unterschriftensammlung mit Absicht vor der Bundestagswahl im September geplant?

Wir wollen, dass unsere Forderungen in den neuen Koalitionsvertrag aufgenommen werden. Wir haben seit Jahren Probleme im Berliner Bildungssystem. Im Koalitionsvertrag werden die bildungspolitischen Leitlinien für die nächsten fünf Jahren festgelegt. Schule muss anders werden – und zwar jetzt!

Finden sich Ihre Forderungen auch im Wahlprogramm von Parteien wieder?

Nicht alle Forderungen sind da, aber es gibt mehrere Überschneidungen mit dem Programm der Partei Die Linke. Sie fordert konkret, dass 3.000 Lehrkräfte jährlich ausgebildet werden müssen. Die Grüne schreiben auch in ihrem Programm, dass man mehr Personal braucht, ohne zu konkretisieren, wie es geschehen soll. Die SPD ist sehr unklar, was das Thema angeht.

Die Probleme sind der »rot-rot-grünen« Regierung bekannt.

Ja, aber sie wurden bisher nicht so angegangen, dass die Schulen wirklich eine Verbesserung merken.

Sie rufen im August zu einer Demonstration auf. An wen richtet sie sich?

Wir treffen uns am 28. August vor dem Haus der Statistik in der Nähe vom Alexanderplatz und ziehen zum Roten Rathaus. Wir laden alle Berlinerinnen und Berliner, die sich für Bildung interessieren, alle Eltern, Schüler und Schulbeschäftigten ein, sich anzuschließen. Auch Mitarbeit in der Kampagne ist willkommen.

Philipp Dehne ist Mitbegründer der Kampagne »Schule muss anders«

schule-muss-anders.de

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