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Aus: Ausgabe vom 17.08.2021, Seite 1 / Titel
Krieg in Afghanistan

Rette sich, wer kann

Afghanistan: Präsidentenpalast besetzt. Dramatische Szenen und Tote am Kabuler Flughafen
Von Jakob Reimann
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Verzweifelt versuchen Menschen, vor den Taliban zu fliehen. US-Soldaten haben Kontrolle verloren (vor dem Internationalen Flughafen Kabul, 16.8.2021)

Kabul ist gefallen. Afghanistans Präsident Aschraf Ghani ist am Sonntag abend ins Ausland geflohen. Kurz darauf besetzten die Taliban den Präsidentenpalast. In Kürze wollen sie das »Islamische Emirat Afghanistan« ausrufen, hieß es. Noch vor zwei Wochen hatte Ghani bekräftigt, er werde nicht »wie ein Feigling« das Land verlassen, so der afghanische Journalist Emran Feroz auf Twitter. Nun fühlen sich viele Afghanen verraten – nicht zuletzt, da er bei seiner Flucht noch vier Autos und einen Helikopter voller Geld stahl, meldet Reuters.

Berichten zufolge wurde die Hauptstadt ohne Gewalt eingenommen. Mittlerweile kontrollieren die Taliban 345 der 398 afghanischen Distrikte, wie die BBC ermittelte, und nahmen in nur zwei Wochen die meisten der 34 Provinzhauptstädte ein. »Der Krieg in Afghanistan ist vorbei«, erklärte ein Sprecher des Taliban-Politbüros am Montag gegenüber dem katarischen TV-Sender Al-Dschasira.

Mit Militärhubschraubern flogen die USA am Sonntag die letzten Botschaftsmitarbeiter aus, berichtete CNN, massenhaft Dokumente wurden verbrannt, und die US-Flagge, die dort bald 20 Jahre wehte, wurde eingeholt. Regierungen weltweit fliegen aktuell ihr Botschaftspersonal aus. Auch die deutsche Vertretung in Kabul ist geschlossen und Personal zum Flughafen eskortiert worden. Die Bundeswehr schickte mehrere A-400-M-Militärflugzeuge, um deutsches Personal in die usbekische Hauptstadt Taschkent und von dort mit Charterflügen in Sicherheit zu bringen. NATO und EU verkündeten – erwartbar –, eine Regierung unter Führung der Islamisten nicht anzuerkennen, während sich China am Montag zu »freundlichen Beziehungen« mit den Taliban bereit erklärte.

Unterdessen versicherten die Taliban, sie strebten einen »friedlichen Machtwechsel« an. Ausländern wollten sie die Wahl lassen, auszureisen oder im Land zu bleiben. Auch werde es »keine Rache« an Afghanen geben, zitierte die BBC einen Taliban-Sprecher. Aus eroberten Gebieten häufen sich hingegen Berichte über Vergeltungsmorde und andere Greuel, während sich in der Hauptstadt Panik breitmachte. In den sozialen Medien veröffentlichte Videos vom Kabuler Flughafen zeigen dramatische Szenen von Menschen, die sich in hoffnungslos überladene Flugzeuge drängen. Andere sollen von Militärmaschinen, an die sie sich verzweifelt festklammerten, aus großer Höhe in den Tod gestürzt sein, meldete dpa am Montag. Außerdem wurden laut US-Militärs sieben Personen am Flughafen getötet.

Kenner des Landes warnten seit Beginn der Großoffensive vor einer raschen Übernahme Kabuls durch die Taliban, die ihr Vorhaben offen angekündigt und sich für den Vormarsch seit Wochen hochgerüstet hatten, wie das US-Radionetzwerk NPR bereits Anfang Juni berichtete: »Wenn wir Kabul erreichen, werden wir als Eroberer kommen«, erklärte damals der nicht namentlich genannte zweithöchste Taliban-Kommandeur der Hauptstadtprovinz. Die Bundesregierung schien hingegen komplett überrascht und organisierte das nun angekündigte Ausfliegen des deutschen Personals ad hoc. Nach öffentlichem Druck forderten schließlich auch die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) am Sonntag abend, afghanische Ortskräfte, die vor Ort für die Bundeswehr tätig gewesen waren, zum Schutz vor den Taliban zu evakuieren. Noch Ende Juni hatten Union, SPD und AfD geschlossen gegen einen entsprechenden Antrag der Grünen gestimmt.

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  • Leserbrief von Ernst H. Brink aus Amesdorf (20. August 2021 um 13:18 Uhr)
    Menschenrechte, Demokratie, Sicherheit, Frieden – keinem dieser hehren Ziele sind die USA mit der Bundesregierung im Schlepptau auch nur einen Schritt nähergekommen. Wie auch? Mit Bomben schafft man keinen Frieden, und mit jedem unschuldigen zivilen Opfer spielte man nur den Taliban in die Hände. Nicht nur 59 deutsche Soldaten, 2.442 US-Soldaten und etwa 50.000 Taliban-Kämpfer haben in diesem sinnlosen Krieg ihr Leben gelassen, sondern auch über hunderttausend afghanische Zivilisten allein seit 2009. Der fast 20 Jahre währende Interventionskrieg in Afghanistan ist in einem Fiasko geendet. Die Taliban sind zurück an der Macht – stärker und besser bewaffnet als je zuvor. Dank der Übernahme des milliardenschweren Waffenarsenals der afghanischen Armee befinden sich nun Millionen Handfeuerwaffen, über tausend Schützenpanzer, eine größere Zahl Kampfhubschrauber und sogar eine Drohnenflotte in den Händen der Gotteskrieger. Da die USA und ihre Verbündeten nicht einmal fähig waren, einen halbwegs geordneten Übergang zu organisieren, müssen nun Zigtausende Afghanen, die für westliche Organisationen gearbeitet haben, um ihr Leben fürchten. Es ist mehr als erbärmlich, dass die Bundesregierung nicht einmal für die rechtzeitige Evakuierung der von ihr sogenannten Ortskräfte gesorgt hat – obwohl sie dazu in einem Antrag der Fraktion Die Linke im Bundestag bereits vor Wochen aufgefordert wurde. Haben Merkel, Maas, Kramp-Karrenbauer und Seehofer die Realität in Afghanistan konsequent verdrängt, oder war ihnen das Schicksal dieser Menschen egal? Wie dem auch sei – beides wäre ein hinreichender Grund für sie alle zurückzutreten.
    Nun gilt es, aus dem Desaster die Konsequenzen zu ziehen. Die Bundesregierung hat in der Afghanistan-Krise komplett versagt und in Verkennung der realen Lage offensichtlich keinerlei Notfallpläne für Evakuierungen gemacht. Die Linke hat zuletzt im Juni vergeblich in einem Antrag die dringende Evakuierung der Ortskräfte gefordert. Es ist eine Schande, dass nach wochenlanger Untätigkeit und Blockade jetzt Tausende Helferinnen und Helfer in dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan im Stich gelassen werden und um ihr Leben bangen müssen. Dies zeigt das totale Versagen der Bundesregierung. Nicht der militärische Abzug aus Afghanistan war falsch, sondern der Krieg, in dem Zehntausende Afghanen und auch Tausende Soldaten aus den NATO-Staaten sinnlos gestorben sind, darunter 59 aus Deutschland. Der Afghanistan-Einsatz zeigt nachdrücklich: Demokratie und Freiheit können nicht mit Panzern und Bomben oktroyiert werden. Nach der Kapitulation der von der NATO ausgebildeten und aufgerüsteten afghanischen Armee und Flucht der vom Westen unterstützten afghanischen Regierung ins Ausland ist die islamistische Terrorgruppe der Taliban eine hochgerüstete Streitmacht mit modernstem Kriegsgerät.
    Besonders arrogant ist dann der Auftritt von Herrn Röttgen bei Maischberger, als er zu Herrn Gysi sagt: »Über die Evakuierung der Ortskräfte entscheidet nicht ein Antrag der Fraktion Die Linke im Bundestag, sondern die Regierung.« Diese Arroganz der Macht kann nun vielen afghanischen Helfern das Leben kosten. Für dieses arrogante Versagen der Bundesregierung gilt nur eins: am 26. September die Richtigen wählen!
    • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (22. August 2021 um 17:10 Uhr)
      Werter Herr Brink, Ihre moralische Empörung vermag ich voll zu verstehen und uneingeschränkt zu teilen, jedoch sei mir dennoch eine Bemerkung gestattet. Niemand hatte jemals die Absicht, »Menschenrechte, Demokratie, Sicherheit, Frieden« und dergleichen nach Afghanistan »zu bringen«. Solche medialen Ammenmärchen sollten Sie nicht auch noch (indirekt) weiterverbreiten und ebensowenig sich selber zumuten ...
  • Leserbrief von Gerd Weißmann aus Regesbostel (19. August 2021 um 11:13 Uhr)
    Acht Fehler der deutschen und der NATO-Politik. Fehler 1: NATO-Mitglieder haben nichts aus den Erfahrungen der ehemaligen Sowjetunion bei deren Afghanistan-Einsatz gelernt. Fehler 2: Die USA haben die Taliban anfangs als Kombattanten gegen die Sowjets benutzt und unterstützt. Fehler 3: NATO-Mitglieder haben anstatt Hilfen für die Menschen in Afghanistan an erster Stelle Waffen zum Einsatz gegen diese gebracht. Fehler 4: NATO und Verbündete haben plan- und hilflos 20 Jahre in Afghanistan Krieg geführt – zur Rohstoffsicherung? Fehler 5: NATO hat »kopflos« die Besetzung und Strangulierung Afghanistans beendet. Fehler 6: Deutschland hat völlig falsch die Hilfsgelderzahlung für Afghanistan beendet und damit ein Mittel der »Steuerung« verloren. Fehler 7: Deutschland, mitverantwortlich für das Töten von unzähligen Zivilisten, bringt im ersten Rückführungsflug von betroffenen Menschen sieben Personen außer Landes – beschämend! Fehler 8: Deutsche PolitikerInnen haben das Deutsche Grundgesetz und die Bibel vergessen: Du sollst nicht Töten – und die Bundeswehr dient der inneren Verteidigung! Zitat aus dem Grundgesetz: »… wenn ihr Staatsgebiet mit Waffengewalt von außen angegriffen wird oder ein solcher Angriff droht …« Die Lüge der SPD, damals Gerhard Schröder, Bundeskanzler, und Joseph Fischer, Außenminister 2002 bis 2005: Zitat vom damaligen Verteidigungsminister Peter Struck: »Die Sicherheit der BRD wird auch am Hindukusch verteidigt.«
  • Leserbrief von Stanislav Sedlacik aus Weimar (19. August 2021 um 11:08 Uhr)
    Der Sowjetisch-Afghanische Krieg dauerte zehn Jahre, und es war ein Stellvertreterkrieg zwischen den Supermächten. Die Mudschaheddin wurden militärisch ausgebildet und materiell von den USA und ihren Verbündeten unterstützt. Die CIA lieferte z. B. 1985 hochmoderne »Stinger«-Raketen an die Mudschaheddin, und somit war es mit der Lufthoheit und einem schnellen Sieg für die Sowjetarmee vorbei. Nachdem sich Russland 1992 als Nachfolgestaat der UdSSR mit den USA auf die Einstellung der jeweiligen Militärhilfe geeinigt hatte, war es mit der prorussischen Regierung in Kabul vorbei. Die Taliban hatten bis 1996 mit Unterstützung der USA die Kontrolle über die wichtigsten Regionen und Städte des Landes übernommen. Überraschend wurden die Taliban 2001 durch den von den USA ausgerufenem Krieg »Operation Enduring Freedom« (Operation andauernde Freiheit) gegen den Terrorismus besiegt. Wissen muss man, dass es vorher in Afghanistan einen Streit um die TAP-Pipeline von den kaspischen Gasfeldern Turkmenistans über Afghanistan bis zum Arabischen Meer gab. Es gab zwei Bewerber, den US-amerikanischen Energiekonzern Unocal und die argentinische Gesellschaft Bridas. Bridas hatte gegenüber dem Konkurrenten Unocal den Vorteil, dass sie keine Mittel aus internationalen Geldinstituten benötigte, und konnte ohne jede Voraussetzung sofort mit dem Bau der Pipeline beginnen. Die Unocal hätte von der Weltbank ohne eine international anerkannte Regierung in Kabul kein Darlehen für das Projekt bekommen. Die Taliban wurden von nun an von den USA und der NATO bekämpft und hatten somit kein Geld für »Stinger«-Raketen und Panzerabwehrlenkwaffen wie z. B. die »Freie Syrische Armee«. Die USA behaupten, die Taliban erhalten Spendengelder aus allen Teilen der Welt, vor allem aber aus der Golfregion, und diese wären höher als die Einnahmen aus dem Drogenhandel, aber über die Höhe gibt keine überprüfbaren Angaben. Auch nicht, was den Bundeswehr-Einsatz angeht, denn Kritiker sagen, es waren mehr als die angegebenen 12,5 Milliarden Euro, denn nicht alle Kosten sind offengelegt worden. Das Geschäft mit dem Krieg ist ein blutiges, doch höchst profitables für die Hersteller von Waffen, Ausrüstung etc. und ihre Aktionäre. Wie konnte es sein, dass die Taliban mit Kalaschnikow und selbstgebastelten Bomben die hochgerüsteten und ausgebildeten Armeen von USA und NATO besiegten? Die Geschichte zeigt, dass Kriege nur mit politischen Armeen gewonnen werden. Die Überzeugung der Kämpfer, für eine gerechte Sache zu kämpfen, gibt ihnen trotz überlegenen Feindes die Kraft zum Sieg. Der unpolitische Berufssoldat hat gegen solche Kämpfer keine Chance.
  • Leserbrief von E. Rasmus aus Berlin (19. August 2021 um 10:50 Uhr)
    Der Konfliktforscher Mohssen Massarrat sagt zu den 700 Milliarden US-Dollar, die der Afghanistan-Krieg gekostet haben soll: »Diese Ausgaben seien aber nicht nur Verluste, sondern auch Gewinne zum großen Teil für den militärisch-industriellen Komplex der USA. ›Insofern ist dieser Einsatz für den militärisch-industriellen Komplex nicht gescheitert, sondern war sehr gewinnbringend.‹ Gescheitert sei der Einsatz für die ›moralischen Werte des Westens‹, unterstreicht der Wissenschaftler« (https://snanews.de/20210818/warum-kabul-kampflos-an-taliban-fiel-3271702.html). Eine interessante Einschätzung. Ja, Rüstung braucht Absatz, und der ist der Krieg, egal wo und mit welchen Mitteln. Da ging es nie um Demokratie und Menschenrechte. Ich glaube seit Anbeginn, dass der 11. September eine Selbstinszenierung war. Der »Fall Gleiwitz« ließ grüßen. Allerdings musste man sich einer anderen Dimension bedienen, um weltweit als Märtyrer zu erscheinen und Vasallen zu finden.
  • Leserbrief von Klaus Röther aus Halle (18. August 2021 um 13:21 Uhr)
    Wer hätte gedacht, dass der Motorradfahrer Struck sich doch noch als Visionär erweist? Eine bärtige Mopedgang hat den selbsternannten Systemdesignern ihre Grenzen aufgezeigt und auch unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt. Es ist offenbar doch nicht so schwer, sich aus den Klauen der Herren der Welt zu befreien. Nur Mut, Deutschland. Geostrategisch ist das Ausmaß dieses Desasters für den Wertewesten nicht hoch genug einzuschätzen. Wenn überhaupt Terroristen in Afghanistan zu jagen waren, dann stammten sie aus dem feudal-faschistischen Saudi-Arabien, made by CIA nicht ausgeschlossen. Der chaplinesk salutierende Sleepy Joe hat, gewollt oder nicht, eine richtige Entscheidung getroffen, die Vasallen jaulen verstört auf. Es bleibt zu hoffen, dass wir von weiteren System-Change-Operationen verschont bleiben. Wie geht es eigentlich Herrn Guaidó in Venezuela?
  • Leserbrief von Matthias Bartsch aus Lichtenau (18. August 2021 um 13:09 Uhr)
    Die Verteidigung der Sicherheit am Hindukusch (für wen auch immer) war und ist ein politischer Offenbarungseid sondergleichen. Das Handeln der angeblich aufgeklärten Welt und ihrer politischen Profis macht einfach nur traurig, wütend, verzweifelt – und tödlich ist es auch. Krieg und Gewalt sind bekanntlich immer bloß die Fortsetzung gescheiterter Politik mit anderen Mitteln.
    Dabei ist eine Frage in der Tat ganz generell zu beantworten: Sollten wir uns von dem »westlichen Helfersyndrom« nicht endlich verabschieden? Sollten wir also unsere fürwahr humanistische Verantwortung nicht endlich weniger durch das weltweit »vor Ort« geübte Aufoktroyieren westlicher Werte und Konditionen als allein bestmögliche Grundlage für Freiheit, Sicherheit und Lebensqualität wider jedwede kulturelle Kriterien einsetzen wollen, mithin deutlich aufmerksamer, differenzierter betrachten und zuhören, infolgedessen wirkliche und nachhaltige Hilfe anbieten? Zumal auch »wir im Westen« so wertestabil und konsequent demokratisch nicht sind.
  • Leserbrief von Klaus Thiede (18. August 2021 um 13:05 Uhr)
    Vor zwei Tagen haben die Taliban in Afghanistan die Hauptstadt Kabul und damit die Macht in diesem Land erobert. Zumindest für unsere Bundesregierung (und wohl auch die US-Regierung) kam diese Entwicklung sehr plötzlich, war angeblich nicht absehbar. Aber da muss man schon sehr ignorant sein, wenn man eine solche Entwicklung nicht zumindest als eine denkbare Möglichkeit mit einkalkuliert hat. Was haben denn die Bundeswehr-Soldaten berichtet, als sie vor rund zwei Monaten aus Afghanistan abgezogen wurden? Haben die ihre Gegner auch dermaßen unterschätzt? Oder hat man die gar nicht befragt – und sich statt dessen ausschließlich auf die qualitativ hochwertigen Berichte der deutschen (und US-amerikanischen) Geheimdienste verlassen?
    Inzwischen dürfte doch wohl jedem/jeder klar sein, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik seit zwanzig Jahren systematisch belogen wurde. Die Bundeswehr war dort, um Krieg zu führen, nicht um afghanische »Sicherheitskräfte« auszubilden. Oder aber, wenn man den eigenen Lügen geglaubt hat, dann ist diese Bundeswehr nicht einmal dazu in der Lage, innerhalb von zwanzig Jahren wenigstens so viele »Sicherheitskräfte« so gut auszubilden, dass sie den Taliban-Kämpfern wenigstens für ein paar Tage Widerstand leisten können. Statt dessen sind diese »Sicherheitskräfte« mit den ihnen übergebenen modernen Waffen ohne jeden Umweg zu den Taliban übergelaufen. Das spricht Bände über die Qualität dieser Ausbildung! Und natürlich gibt es in der Bundesregierung keinerlei Überlegungen dazu, wie man all die Menschen, die zwanzig Jahre lang der Bundeswehr Hilfe und Unterstützung vor Ort gegeben haben, schnell in Sicherheit bringen kann. Dafür fühlte man sich nicht zuständig! Im Gegenteil: noch vor wenigen Tagen gab es Abschiebungen in Richtung Afghanistan! Die Bundesregierung hat ja schon öfter mal in ihren Einschätzungen danebengelegen. Es war aber bisher kaum vorstellbar, dass der Dilettantismus so weit geht, dass man der eigenen Propaganda so sehr glaubt, dass man von der nackten Realität geradezu überrascht und überrannt wird. Warum sind ein solch überforderter Außenminister und eine über alle Maßen unfähige Verteidigungsministerin immer noch im Amt?
  • Leserbrief von Eva Ruppert aus Bad Homburg (18. August 2021 um 12:38 Uhr)
    Der »Fluch der bösen Tat«: An das Zitat aus Schillers »Wallenstein« muss man denken angesichts der augenblicklichen aussichtslosen Situation deutscher Beteiligungen an Kriegseinsätzen – nicht nur in Afghanistan. Mitten im bundesdeutschen Wahlkampf ein außenpolitisches Debakel! Angeblich hatte kein Verantwortlicher der Bundesregierung, einschließlich der Geheimdienste, mit einer solchen Situation in jenem schwer zu regierenden Land gerechnet. Wirklich niemand? Mit der Ausrufung des Krieges gegen den Terror hatte er begonnen, der Einmarsch von NATO-Truppen aus mehr als 40 Ländern. Unter der »rot-grünen« Bundesregierung wurde damals die Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan beschlossen. Zur angeblichen »Stabilisierung« des Landes. Und noch am 26. Januar 2012 stimmte der Bundestag der Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte am Einsatz der »Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe« (ISAF) zu. Größere militärische Operationen mit deutscher Beteiligung und zahlreichen Opfern begannen (»Enduring Freedom«). Deutschland wurde »am Hindukusch verteidigt«. Schon 1990 war eine heftige Debatte über Kriegseinsätze der Bundeswehr »out of area« entbrannt. Seit 1998 unterstützen auch die Grünen solche Einsätze. 1999 nahm die Bundeswehr zum ersten Mal in ihrer Geschichte an einem verfassungsmäßig und völkerrechtlich umstrittenen bzw. nicht legitimierten Krieg, dem Kosovo-Krieg, teil. In treuer NATO-Partnerschaft lässt sich jeder Kriegseinsatz als »humanitärer« Einsatz begründen. Verfassungsrechtlich im Sinn des Grundgesetzes Artikel 26 stellt die NATO-Intervention völkerrechtlich einen Angriffskrieg dar, der verfassungsrechtlich nicht gedeckt ist. Wir alle wissen: Kriege werden nie aus »humanitären« Gründen geführt. Es geht immer um handfeste, konkrete Interessen, um Sicherung von Ressourcen, um Bodenschätze. Auch in Afghanistan. Da gibt es einen großen Reichtum an Rohstoffen: Kupfer, Eisen, Lithium und Gold, auch Metalle der seltenen Erden. Mit dem verspäteten und hochgefährlichen Ausfliegen von deutschen und ausländischen an den Einsätzen Beteiligten ist in der Endphase des bundesdeutschen Wahlkampfs eine schwierige Situation entstanden. Und was machen die Spitzenkandidaten? Sie sorgen sich um neue Flüchtlingsströme, die man möglichst von Deutschland fernhalten will. Es darf kein zweites 2015 geben! Flüchtlinge sollen möglichst in den Nachbarländern untergebracht und versorgt werden. Jetzt ist es zu spät, die Fluchtursachen zu bekämpfen. Es geht den Kanzlerkanzlerkandidaten einzig um ihre Existenz. Der 1. September steht als Menetekel vor der Tür. Die Friedensbewegung, die gerade an Stärke gewinnt angesichts massiver Kriegsdrohungen, mahnt:
    Deutschland raus aus der NATO, NATO samt amerikanischen Atomraketen raus aus Deutschland! Frieden mir Russland und China!
  • Leserbrief von Klaus P. Jaworek aus Büchenbach (18. August 2021 um 12:22 Uhr)
    Auf den FC Bayern München, da kann man sich irgendwie immer verlassen, wenn es um Erfolg gehen soll. Auf unsere Regierung, die ja bekanntlich auch noch von uns gewählt wurde, kann man sich nicht so ganz verlassen, egal, ob es um das Klima, um die Pandemie oder gar um Afghanistan geht; Scheitern ist da meist vorprogrammiert und in! Die »Schuldigen« scheinen immer überall zu sitzen, nur nicht da und dort, wo sie eigentlich sitzen sollten, nämlich in Berlin, im Regierungsviertel.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roger S. aus Roger Schwerdt / Gristow (17. August 2021 um 17:57 Uhr)
    Der Dichter und Dramatiker Peter Hacks brachte schon zu Lebzeiten die Rolle des »amerikanischen Einparteiensystems mit zwei rechten Flügeln« in einem trefflichen Couplet auf den Punkt: »MORDOR. Zwischen zwei Weltgewässern liegst du da, Heimstatt des Terrors, Mordamerika«.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Rudi E. aus Langenhagen (17. August 2021 um 13:37 Uhr)
    Man hat den Eindruck, als kämen die US-Amerikaner und deren deutsche Vasallen plötzlich aus dem Muspott. Die Situation sei völlig falsch eingeschätzt worden, ist die lapidare Erklärung eines BRD-Außenministers, die so was von peinlich ist und einen schlimmen Offenbarungseid einer gescheiterten Politik darstellt. Man könnte auch sagen: alles wie gehabt. Wäre man defätistisch, wäre der Spruch angesagt: »Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.« Als die USA 1973 voller Häme Vietnam verlassen mussten, hinterließ die Weltmacht mit angemaßten demokratischen Werten ein von ihr brandgeschatztes und in die Steinzeit zurückgebombtes Land, die Schäden hatten apokalyptische Ausmaße. Bei den Kriegsverbrechen, die die USA dort unter der Zivilbevölkerung begingen – »Operation Phoenix« nur als ein Beispiel –, verdiente Washington das Prädikat eines Schurkenstaates. Nicht anders verlief es mit dem Irak und letzlich mit Afghanistan. Auch hier wiederholten sich die Greueltaten einer Militärmacht, ohne dass sie daraus irgendwelche Erkenntnisse für die Zukunft gezogen hätte. Was sagt uns das? Die USA fallen in ein Land ein, zerbomben es, töten zu Hunderttausenden Zivilisten und haben keinen Plan für die Zukunft des von ihnen heimgesuchten Landes. Schlimmer indes ist, dass die BRD in ihrem blinden Gehorsam zu den USA – und vor allem völlig unkritisch – die gleichen Fehler begeht. Die jetzige Situation einer versuchten Evakuierung zeigt einmal mehr die Unfähigkeit eines Landes auf, mit einer Lage fertig zu werden, die es selbst zu verantworten hat. Zu hoffen wäre, dass die sogenannten Volksparteien CDU/CSU, SPD und FDP ihre Quittung erhalten. Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahlen ist der Zeitpunkt mehr als günstig.
  • Leserbrief von Wilfried Schubert aus Güstrow (17. August 2021 um 11:47 Uhr)
    Das gilt nicht nur für den Kabuler Flugplatz. In dem schwer gebeutelten, 26 Millionen zählenden Vielvölkerstaat besiegen 60.000 Taliban 10.000 Militärs der NATO und ihrer Partner sowie die 350.000 Mann zählende afghanische Armee. Man bedenke, ein Taliban vertreibt sechs bestens ausgerüstete Gegner. In 20 Jahren konnten die USA und die NATO das Land nicht befrieden. 240.000 Tote, ein ungeheurer Blutzoll, den der Krieg kostete. Seit 2001 ist im Rahmen von »Enduring Freedom« die Bundeswehr dabei. Beim von Oberst Klein 2009 befohlenen Luftangriff in Kundus kamen über 100 Taliban, Zivilisten und Kinder um. Ob in Afghanistan, Libyen, Irak oder Syrien, die USA und die NATO sind unfähig, friedlich Probleme zu lösen. Statt dessen brachten sie allzuoft Tod, Leid und Chaos. Krieg ist ein untaugliches Mittel, um Probleme zu lösen. Die deutschen Kosten für den Kriegseinsatz belaufen sich auf 12,5 bis 47 Milliarden Euro. Auf Anfrage teilte der Bundesrechnungshof am 19. Mai 2021 keine konkrete Zahl mit. Nur: »Eine allgemeingültige Definition von Einsatzkosten besteht nicht.« Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer. Vor 20 Jahren schworen die USA Rache für die Anschläge vom 11. September. Jetzt schwören die Taliban Rache für die Vertreibung von der Macht. Fast 20 Jahre nach dem NATO-Einmarsch herrschen dort wieder die Radikalislamisten.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Rudi E. aus Langenhagen (17. August 2021 um 13:48 Uhr)
      Ja, Herr Schubert, wie recht Sie haben. Die Geschichte wiederholt sich – und stets mit den gleichen Konsequenzen. Sie erwähnen Syrien und den Irak. Schauen Sie nur weiter zurück in die Vergangenheit. Bereits in Korea und in Vietnam haben die USA mit brutaler Logik gezeigt, worauf es ihnen ankommt: in einem Land alles ohne Konzept zu zerstören und ihm die Segnungen US-amerikanischer Art aufzuoktroyieren. Dinge, die knallhart gescheitert sind. Gott sei dank.
  • Leserbrief von Wolfgang Goertz aus Potsdam-Babelsberg (17. August 2021 um 11:30 Uhr)
    … und es geht weiter so! Wenn nur Dilettanten in der Bundesregierung agieren und ihr Wissen mit einem Vakuum vergleichbar ist, geht es weiter bergab. Und die nächsten Dilettanten stehen Schlange, um sich als Versager zu profilieren. Dabei wäre alles so einfach, wenn sie ernsthaft die Geschichte studieren würden, aber dazu fehlt es eben an der Fähigkeit. Mit Grauen sehe ich die nächste Aktion entstehen, wenn sie sich weiter aufwiegeln und an Russland messen wollen. Scheiß Westen!
  • Leserbrief von Ulrich Guhl aus Strausberg (17. August 2021 um 07:33 Uhr)
    Dass sich in so kurzer Zeit die »westlichen Errungenschaften« in Afghanistan in Luft auflösen, kann nur den überraschen, der jemals an solche Errungenschaften geglaubt hat. Aber die Niederlage ist so unglaublich blamabel, dass alle westlichen Regierungen, die sich an dem völkerrechtswidrigen Verbrechen dieses Krieges beteiligt haben, vor Scham abtreten müssten. Nun hoffen ich – naiv, wie ich manchmal eben bin –, dass sich wenigstens wieder in Berlin, London, Paris oder Warschau so etwas wie Restverstand einschaltet. Wohin einen blinde Treue zur Abenteuerlust der USA führen kann, ist ja nun offensichtlich. Wie kann noch irgend jemand glauben, dass Kriege an der Seite des US-Imperialismus, der sich noch nie freiwillig an gleichwertige Gegner herantraute, sondern stets bettelarme Entwicklungsländer überfallen hat, um am Ende auch da Prügel zu beziehen, irgendein gutes Ende nehmen können? Die, die immer davon redeten, mit den USA auf Augenhöhe agieren zu wollen, haben nun tatsächlich auf Augenhöhe mit ihnen krachend verloren. Gratuliere! Wäre es nicht an der Zeit, über die Renaissance eines politischen Begriffs nachzudenken, der heute völlig aus dem Sprachgebrauch der westlichen Politiker und ihrer medialen Lakaien verschwunden ist und mit dem ich noch aufgewachsen bin – nämlich dem Begriff »friedliche Koexistenz«? Haben die Kriegshetzer in den westlichen Hauptstädten wirklich noch Lust auf einen Krieg mit Russland oder China? Werden wir von Verrückten regiert? Auch das Schicksal der afghanischen Hilfskräfte sollte selbst für den verbohrtesten Transatlantiker in Westeuropa eine Warnung sein. Es glaubt doch niemand ernsthaft, dass deutsche, britische oder französische Soldaten etwas anderes für die USA sind als Hilfskräfte, die man für die eigenen Ziele verheizt und am Ende im Stich lässt, wenn alles in Trümmern liegt! Friedliche Koexistenz mit China und Russland ist das Gebot der Stunde – dann hätte die afghanische Katastrophe sogar noch etwas Gutes erbracht. Falls noch Restverstand vorhanden ist.

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