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Aus: Ausgabe vom 13.08.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

»Die BRD war ein unglaublicher Schock für ihn«

Ein neuer Dokumentarfilm widmet sich dem abenteuerlichen Leben des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Walter Kaufmann. Ein Gespräch mit Dirk Szuszies
Von Benjamin Trilling
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Großer Reisender: Walter Kaufmann vor bekannter Skyline

Am heutigen Freitag feiert Karin Kapers und Ihr Film »Walter Kaufmann – Welch ein Leben!« über den kürzlich verstorbenen Schriftsteller Walter Kaufmann Weltpremiere beim Jüdischen Filmfestival Berlin/Brandenburg. Weshalb fand Kaufmann im bundesdeutschen Feuilleton bisher kaum Beachtung?

Das finde ich auch erstaunlich. Nach dem Ende der DDR war er noch ein bekannter Autor. Danach musste er unter knallharten Marktbedingungen abermals versuchen, Fuß zu fassen. Er ist weiterhin kreativ geblieben, hat auch noch wahnsinnig viel publiziert. Nach seinem Tod war das Interesse wieder größer, es gab auch in der Presse viel Resonanz. Ich selbst bin westdeutsch sozialisiert. Und als wir Walter Kaufmann vor gut 20 Jahren kennenlernten, kannte ich ihn vor allem als Kritiker der jW und des Neuen Deutschland, der zu unseren Filmpremieren kam und immer hervorragende Rezensionen schrieb. Dass er ein großer Schriftsteller war, ist uns erst später klar geworden.

Beeindruckend ist ja auch seine Biographie. Ich nenne mal ein paar Stationen: Berlin, Duisburg, London, Sydney, wieder Duisburg, bevor er sich letztendlich für die DDR entschied. Wie lässt sich so ein Leben filmisch darstellen?

Wir wollten mit seinen Augen eine filmische Weltreise machen. Ein Abenteuer für sich: Meine Frau und ich wollten die Kamera einpacken – und los. Dann kam Corona. Die Grenzen waren geschlossen. Es wurde nichts mit Kuba, Japan, Australien, Israel, den USA. Wir erfuhren dann aber viel Solidarität in aller Welt, suchten und sprachen mit Kollegen, die vor Ort waren. Die fingen nach unserer Anleitung die Bilder ein, die wir brauchten. So wurde der Film am Ende tatsächlich noch realisiert.

Eine Station war Walter Kaufmanns Rückkehr aus Australien nach Duisburg. Dort blieb er nicht lange. Warum hat er sich gegen das Ruhrgebiet, wo er ja aufgewachsen war, und statt dessen für die DDR entschieden?

Die Passage ist auch in unserem Film sehr wichtig. Als er 1955 in dieses von früher nichts wissen wollende Wirtschaftswunder-Duisburg kam, klopfte er an dem Haus seiner Eltern an, also dort, wo er groß geworden war. Er wurde rüde, regelrecht gefühlskalt abserviert. In seiner alten Schule geschah das gleiche. Manche waren überrascht, dass es ihn überhaupt noch gab. Er wurde fast wie ein lebendiger Geist angeschaut. Vor der westdeutschen Wirklichkeit hat Walter Kaufmann kehrtgemacht, ist von dort mit Begeisterung in die DDR gegangen. Die BRD war ein unglaublicher Schock für ihn. Den Zorn darüber hat er sich bis zuletzt bewahrt.

Wie muss man sich gemeinsame Dreharbeiten mit Kaufmann vorstellen?

Er spricht im Film neben und mit anderen Menschen, darunter jemand, den er in Israel kennengelernt hat. Auch die Bürgerrechtlerin und Philosophin Angela Davis taucht auf. Kaufmann begleitete 1972 den Prozess in San José gegen sie. Ansonsten spricht Walter Kaufmann im Film: pur. Was er zu sagen hatte, haben wir in aller Ruhe gesammelt. Letztendlich ist die Fülle seines Lebens so unglaublich groß, dass wir uns auf die relevantesten Kapitel konzentrierten. Das waren seine Erlebnisse in den USA, die Bürgerrechtsbewegung, der nicht endende israelisch-palästinensische Konflikt und natürlich sein Leben in Australien. Sehr beeindruckt hat uns auch seine Reise nach Japan. Dort machte er Erfahrungen, die in Beziehung zum Atombombenabwurf in Hiroshima stehen. Mehr will ich hier nicht verraten. Walters Vermögen, menschliche Begegnungen literarisch umzusetzen, verschafft mir eine Gänsehaut.

Wie hat sich Kaufmann über die geschichtsrevisionistischen Tendenzen nach der »Wende« und den Rechtsruck der letzten Jahre geäußert?

Den Rechtsruck konnte er nicht verstehen. Er war in dieser Hinsicht verzweifelt wie ein junger Mensch. Dagegen hat er auch immer wieder angeschrieben. Vom Ende der DDR war er schockiert. Auf die »Wendezeit« hatte er eine andere Sicht als viele andere. Seiner Meinung nach wollten die Menschen 1989 einen anderen Sozialismus haben – aber nicht, dass er zusammenbricht. Davon war er überzeugt. Dass er Privilegien genoss, hat er nicht verheimlicht. In der DDR war er ein Exot. Den australischen Pass ließ man ihm, so konnte er in die weite Welt reisen. Er war frei, während für viele DDR-Bürger die westlichen Staaten unerreichbar blieben. Kaufmann meinte, eines würde er der DDR nie verzeihen: dass sie ihren Bürgern nie die Reisefreiheit gewährte. Er hat sich fast dafür geschämt, dass er aus der DDR raus konnte, andere aber nicht.

Dirk Szuszies hat gemeinsam mit Karin Kaper zahlreiche Dokumentarfilme gedreht. »Walter Kaufmann – Welch ein Leben!« hat am heutigen Freitag auf dem JFBB Weltpremiere, bundesweiter Kinostart ist der 30. September

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralph D. aus Gotha (13. August 2021 um 11:12 Uhr)
    Walter Kaufmann war ein wunderbarer Zeitgenosse und angenehmer Gesprächspartner. Meine Frau und ich freuten uns viele Jahre darauf, wenn wir ihn zum alljährlichen Autorentreffen des Ossietzky trafen. Manchmal saß er auch an unserem Tisch. Dann war es besonders schön, wenn auch Victor Grossman dabei war. Irgendwann begannen die beiden älteren Herren sich auf englisch zu verständigen, was sie natürlich nicht mussten, aber es beiden offensichtlich großen Spaß machte und dem Zuhörer auch. Um so mehr ist zu begrüßen, dass sein interessantes Leben jetzt verfilmt wurde und auf diese Weise auch ein breiteres Publikum seinen spannenden Weg nachvollziehen kann.
    Ralph Dobrawa, Gotha

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