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Aus: Ausgabe vom 11.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

»Das sind unfaire Kontinuitäten im System«

Eine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg widmet sich dem kolonialen Erbe. Ein Gespräch mit Xiyu Tomorrow
Von Fabian Lehmann
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Zeigen, was sonst unsichtbar bleibt: Die koloniale Vergangenheit in einer Kunstinstallation

Thema Ihrer Installation im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg ist das koloniale Erbe. Wie haben Sie das Thema künstlerisch aufgegriffen?

Es geht in meiner Arbeit um den Begriff des »Vermessens« in seinen unterschiedlichen Lesarten: das exakte Vermessen, aber auch das falsche Messen, also »sich vermessen«. Als Adjektiv bedeutet es aber auch, sich etwas herausnehmen, das nicht angemessen ist oder etwas Wagemutiges zu tun. Die Auslegung hängt vom Kontext ab: Man nimmt das, was bekannt ist und bezieht Position. Genau darum geht es mir. Ich möchte herauskitzeln, welche Haltung der oder die Betrachterin zu dekolonialen Fragestellungen hat, und auch daran erinnern, meine eigene Haltung zu überprüfen.

Sie haben es sich generell zur Aufgabe gemacht zu zeigen, was sonst unsichtbar bleibt. Würden Sie sagen, dass die deutsche Kolonialvergangenheit dazu gehört – dass sie für uns unsichtbar ist?

Das kommt darauf an, von welchen Kreisen wir sprechen. Es gibt aktivistische Kreise, in denen das Thema sehr präsent ist. Auch in manchen Institutionen ist das der Fall. Die Frage ist: Inwieweit erreichen diese Diskussionen eine Öffentlichkeit? Wenn ich mir die Geschichte Hamburgs angucke, die sehr eng mit der deutschen Kolonialgeschichte verwoben ist, bleibt das größtenteils unsichtbar. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig darauf aufmerksam gemacht wird, dass Handel im 19. Jahrhundert auch Kolonialismus bedeutete. Das wird selten explizit benannt. Wer ein Stück weiter denkt, kann darauf kommen. Aber man muss den Schritt selber gehen. Das finde ich schade.

Bevor Sie Künstlerin wurden, waren Sie in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Inwieweit prägt dieser Hintergrund Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte?

Diese Zeit hat mich sehr geprägt, weil ich viel sehen durfte: Wie Regierungen zusammenarbeiten oder wie Länder funktionieren, die eine ganz andere Infrastruktur haben als Deutschland. Und wie Menschen sich darin zurechtfinden. Im Studium hatte ich Kommilitoninnen, die einen chinesischen Pass hatten und nicht wie ich einen österreichischen. Mit dem gleichen Abschluss haben sie bei der Arbeit in einer Botschaft einen schlechteren Vertrag bekommen. Das sind unfaire Kontinuitäten im System. Diese Strukturen, die aus einer anderen Zeit kommen, in Frage zu stellen, war mir schon damals wichtig. Aber ich habe keine Möglichkeit gesehen, das zu kritisieren.

Sie verfolgen einen gesellschaftlichen Anspruch, sprechen konkret von der »Nutzbarmachung« von Kunst. Was kann denn die bildende Kunst leisten, wenn es um die deutsche Kolonialzeit geht?

Kunst entsteht im gesellschaftlichen Raum, mit Themen, die die Künste aufgreifen können, um sie Menschen näherzubringen, Diskussionen anzustoßen, die Diskurse weiterzuentwickeln. In meiner Arbeit geht es viel um die Fragen: Was ist gerecht? Wer hat das Sagen und wieso? Wie kann ich selbst einen Beitrag leisten? Es geht also um subjektive Handlungsfähigkeit. Ich wähle das Ausdrucksmittel der Kunst, aber es geht mir darum, etwas Gesellschaftliches zu zeigen.

Ausstellungen zur deutschen Kolonialvergangenheit gab es in den letzten fünf Jahren zahlreiche. Welche neuen Einsichten ermöglicht die aktuelle?

Ich glaube, dass es sich lohnt, sich mit dem Thema aus möglichst unterschiedlichen Blickwinkeln auseinanderzusetzen und wahrzunehmen, wie groß die Debatte ist. Ich glaube, nur so lässt sich herausfinden, was das für eine Diskussion ist und wo sich andocken lässt. Es ist auch interessant zu gucken, wie sich die ausstellerischen Konzepte zu diesem Thema entwickeln. Wie arbeiten Beteiligte of Colour und Institutionen, die oft weiß besetzt sind, zusammen? Ich finde es wirklich gut, dass ein Kunstgewerbemuseum Raum für solche Fragen gibt. Das hat eine andere Öffentlichkeitswirkung, als wenn ein ethnologisches Museum wie das Hamburger MARKK das macht.

Xiyu Tomorrow ist Künstlerin und an der Ausstellung »Colonial Heritage Revisited« mit einer Installation zur Kolonialzeit und ihren Nachwirkungen beteiligt.

Die Ausstellung »Colonial Heritage Revisited« im Freiraum des Museums für Kunst und Gewerbe läuft noch bis zum 15. August 2021. Der Eintritt ist frei

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