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Aus: Ausgabe vom 09.08.2021, Seite 7 / Ausland
Hiroshima und Nagasaki

Wichtiges Detail »vergessen«

Gedenken an Opfer der US-Atombomben: Japans Premier übergeht in Rede nuklearen Abrüstungswillen. Noch immer nicht alle Opfer unterstützt
Von Igor Kusar, Tokio
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Verbeugung in Gedenken an die Opfer, aber kein Bekenntnis zu einer atomwaffenfreien Welt: Premier Suga am Freitag in Hiroshima

Am Freitag hat sich der Abwurf der US-Atombombe über Hiroshima zum 76. Mal gejährt, an diesem Montag derjenige über Nagasaki. Bei der Friedenszeremonie vor Ort ist es üblich, dass der japanische Premierminister eine Rede hält. Nun hat Amtsträger Yoshihide Suga, der seit fast einem Jahr regiert, vielfach bewiesen, dass Reden nicht seine Stärke sind. Versprecher gehören zu den Markenzeichen des Liberaldemokraten. Doch niemand in Japan erwartete, dass bei einer so wichtigen Veranstaltung, bei der an die insgesamt rund 210.000 Toten erinnert wird, die einem der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte zum Opfer fielen, der oberste Politiker gleich eine ganze Seite überblättert und dabei nicht einmal bemerkt, dass seine Rede nur noch wenig Sinn ergibt. Die Reaktionen auf diesen Lapsus waren in Japan dann auch heftig. Tomoko Tamura von der Kommunistischen Partei nannte dies »unredlich und beschämend«, und Oppositionspolitiker Ichiro Ozawa, Urgestein der japanischen Politik, meinte, Suga habe überhaupt nicht verstanden, worum es bei der Zeremonie gehe.

Sieht man sich die ausgelassene Stelle genauer an, ist man fast geneigt zu glauben, Suga habe seine Rede wegen des sensiblen Inhalts absichtlich zurechtgestutzt, auch wenn er sich im Anschluss dafür entschuldigte. Die beiden wichtigsten Sätze des ungelesenen Teils lauten nämlich sinngemäß: Japan ist das einzige Land, das im Krieg von Atombomben zerstört wurde und weiß deshalb – mehr als andere Nationen – um die Grausamkeit von Atomwaffen. Es ist die Mission Japans, eine atomwaffenfreie Welt zu erreichen. Reden solchen Inhalts werden von japanischen Politikern immer mal wieder geschwungen. Doch die Rolle eines Brückenbauers kann Japan nicht erfüllen, schon alleine deshalb nicht, weil es unter dem sogenannten US-Atomschirm liegt. Suga weigert sich auch strikt, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten, der am 22. Januar dieses Jahres in Kraft trat, wie er in der anschließenden Pressekonferenz am Freitag bekräftigte. Bisher haben diesen mehr als 50 Staaten ratifiziert. Die 47 Tonnen waffenfähiges Plutonium, die Japan besitzt, würden für 6.000 Atombomben reichen.

Auch die bis heute andauernde Diskriminierung von Atombombenopfern (die sogenannten Hibakusha) deutet nicht darauf hin, dass sich das offizielle Japan und große Teile der Bevölkerung des Leidens dieser Menschen wirklich bewusst sind. Insbesondere in den ersten Jahrzehnten nach 1945 hatten die Atombombenopfer und ihre Nachkommen Nachteile beim Heiraten und bei der Arbeitssuche, die vor allem durch Vorurteile über Strahlenkrankheiten und ihre angebliche Übertragbarkeit ausgelöst wurden. Außerdem sind noch immer nicht alle Opfer offiziell anerkannt. Erst vergangenen Monat gelang es einer Gruppe von 84 Menschen, die schwere Folgen durch den radioaktiven Niederschlag (den sogenannten Schwarzen Regen) erlitten hatten, nach über 40jährigem Kampf, den Prozess am Obergericht von Hiroshima zu gewinnen und die offizielle Anerkennung und damit Zugang zu medizinischer Unterstützung zu erhalten. Vielleicht war Suga am Freitag tatsächlich nicht zum Heucheln aufgelegt.

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