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Aus: Ausgabe vom 09.08.2021, Seite 12 / Thema
Nordirlandkonflikt

Lehrbuchhaft gequält

Vor 50 Jahren begannen die Internierungen der »Hooded Men« in Nordirland. Damalige Foltermethoden übernahmen die USA für ihre Verhöre
Von Dieter Reinisch
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Nordirland zeigt, dass Kolonialkonflikte nicht friedlich gelöst werden können. Die katholische Bevölkerung hatte unter heftigen Repressionen zu leiden (Demonstrierende werden von loyalistischen Paramilitärs festgehalten, Belfast, 31.1.1972)

Das Jahr 1971 war das Jahr, in dem sich der bewaffnete Konflikt im Nordosten der irischen Insel zu einem offenen Krieg ausweitete. In den späten 1960ern hatte sich eine Bürgerrechtsbewegung gebildet. Sie forderte für die katholische Minderheit die gleichen politischen, sozialen und kulturellen Rechte, wie sie die protestantische Mehrheit genoss. Von den nordirischen und britischen Regierungen wurde die katholische Bevölkerung diskriminiert. Die Gesetzgebung Nordirlands glich in vielen Bereichen jener Rhodesiens, wo die schwarze Bevölkerung gegenüber der weißen diskriminiert wurde. Die Bürgerrechtsbewegung setzte sich aus allen progressiven und liberalen Teilen des politischen Spektrums zusammen: Gewerkschafter, Republikaner, Sozialdemokraten, Kommunisten und selbst liberale Unionisten marschierten friedlich gegen die Unterdrückung.

Doch der Nordirland-Konflikt war nicht nur ein Kampf um Bürgerrechte. In ihm bestand der Kolonialkonflikt nach der Teilung Irlands im Dezember 1920 fort (siehe jW vom 23. Dezember 2020). Irland war die älteste Kolonie des zerfallenden British Empire, und die Londoner Regierung setzte alles daran, ihren Einfluss nicht zu verlieren. Und so zeigte sich auch in Nordirland einmal mehr, dass Kolonialkonflikte nicht friedlich gelöst werden können.

Die britische Regierung setzte ihre gesamte militärische Macht ein, um die Kontrolle über die Provinz zu behalten. Nach Überfällen auf katholische Arbeitergegenden und Vertreibungen der Bevölkerung wurde die britische Armee im Sommer 1969 nach Nordirland entsandt. Zunächst hoffte die Bevölkerung noch, dass die Soldaten den Frieden in der Provinz wiederherstellen würden. Doch die Armee einer Kolonialmacht kommt nie als neutraler Schlichter. Sie wurde geschickt, um an der Seite der Nordirland seit 1921 regierenden protestantischen Unionisten den Status quo zu erhalten. Die Einwohner der katholischen Ghettos waren heftigen Repressalien seitens der britischen Truppen ausgesetzt.

Zum Schutz der Bevölkerung in den urbanen Arbeiterslums in Belfast und Derry reorganisierte sich die zuvor marginale Irisch-Republikanische Armee (IRA). Bereits ein paar Jahre früher hatten sich auch die probritischen, loyalistischen Paramilitärs neu gegründet, um ihren Kampf gegen die Bürgerrechtsbewegung aufzunehmen. Der bewaffnete Konflikt, der zuerst im Zuge friedlicher Bürgerrechtsmärsche aufgelodert war, wuchs sich zu einem offenen Krieg aus, der ganze 27 Jahre lang bis 1998 fortdauerte, mehr als 3.500 Menschen das Leben kostete und von republikanischen Guerillas gegen den britischen Staat und seine bewaffneten Formationen sowie loyalistische Paramilitärs geführt wurde.

Koloniale Praxis

In den Anfangsjahren des Konflikts sah die britische Armee diesen Krieg selbst als Kolonialkonflikt an und reagierte dementsprechend. Viele der Offiziere, die nach Nordirland entsandt wurden, waren zuvor in den Kolonien außerhalb Europas gegen Aufständische im Einsatz: in Kenia gegen die Mau-Mau, in Südjemen während des Radfan-Aufstandes und in Malaysia im Kampf gegen den Kommunismus.

Eine der Methoden der modernen Kolonialkriege war die Internierung der einheimischen Bevölkerung in Lagern. Seit den Hungersnöten in Indien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten die Briten begonnen, Lager in ihren Kolonien zu errichten. Während der Hungersnöte sollte dies noch der einfacheren Nahrungsverteilung dienen. Doch rasch wurden die Lager Orte, in denen die kolonialisierte Bevölkerung weggesperrt wurde, um sie politisch zu kontrollieren. Erstmals systematisch wurden sie um die Jahrhundertwende in drei Kolonialkriegen eingesetzt: von den US-Amerikanern auf den Philippinen, von den Spaniern auf Kuba und von den Deutschen in ihrer südwestafrikanischen Kolonie.

Auch die Kolonialkriege in Irland waren davon geprägt, dass die britische Regierung politische Gegner internierte – nach dem Aufstand von 1916 wurde sogar ein Internierungslager für irische Republikaner in Wales errichtet. Nach der Teilung Irlands setzten die Regierungen in Dublin, London und Belfast Lager ein, um revolutionäre Republikaner ohne Anklage wegzusperren. Noch Anfang der 1960er Jahre waren Republikaner im Lager von Curragh westlich von Dublin interniert.

In Nordirland begann die Regierung am 9. August 1971 mit Internierungen im Rahmen der »Operation Demetrius«. Ab den frühen Morgenstunden wurden Hunderte Häuser durchsucht und überwiegend die katholischen und männlichen Bewohner zu Verhören weggebracht. In den ersten beiden Tagen internierte die britische Staatsgewalt 342 Personen. Insgesamt waren es 2.000 Personen, bis diese Politik im Dezember 1975 ein Ende fand. Genossen die Internierten anfangs den Sonderstatus politischer Gefangener, wurde ihnen dieser später entzogen. Ab 1976 wurden alle Aktivisten in den neuerrichteten H- Blocks als Kriminelle gefangengehalten (siehe jW vom 24. Oktober 2020 und vom 5. Mai 2021).

Im Gegensatz zur Gefängnisstrafe bedeutet Internierung Wegsperren ohne Anklage. Das war hier der Fall. Lediglich »Detention orders« (Haftbefehle) oder »Internment orders« (Internierungsbefehle) wurden von den Regierungen Nordirlands und Großbritanniens ausgestellt, mit denen Personen ohne Anklage in den Lagern festgehalten wurden.

Aus dem Schlaf gerissen

Michael Donnelly war einer der republikanischen Internierten, die im Zuge der ersten Verhaftungswelle im August festgenommen wurden. Da er aus Derry kam, wurde er in das nahegelegene Magilligan-Internierungslager gebracht. »Du hast es nie realisiert, dass du jetzt weggesperrt bist. Du dachtest immer: Das alles dauert jetzt nur noch ein oder zwei Tage, dann ist es wieder vorbei. Du wurdest nie angeklagt, nie vor einen Richter geführt, daher konntest du auch nichts wissen. Schließlich dauerte es bei mir viereinhalb Jahre, bis ich aus der Internierung entlassen wurde.«

Zu den ersten Internierten zählte auch John William Moore. Moore war 1945 in Gilford, Grafschaft Down, zur Welt gekommen. Ab frühester Jugend nannte er sich Seán. Mit 22 Jahren heiratete er in Lurgan, Grafschaft Armagh, Nuala McKerr. Das Paar bezog einen Bungalow in Bleary, nur wenige Kilometer außerhalb von Lurgan. Sie bekamen zwei Kinder, Tochter Dara und Sohn Seán Óg.

Nuala stammte aus einer republikanischen Familie, und bald nach der Hochzeit wurde auch Seán selbst politisch aktiv. Zusammen mit dem späteren Sinn-Féin-Politiker J. B. O’Hagan schloss er sich der Bürgerrechtsbewegung an. Es war der IRA-Veteran Art McAlinden, der ihn für die republikanische Bewegung gewonnen hatte. Nach deren Spaltung 1969/70 wählte er die Provisional IRA als politische Heimat.

An jenem 9. August 1971 wurden die Moores um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen. Ein halbes Dutzend Militärpolizisten brach in das Haus ein und verhaftete Seán. Er wurde in ein Fabrikgebäude in Lurgan gebracht, in dem die britische Armee stationiert war. Wenige Stunden später wurden Seán und seine beiden ebenfalls verhafteten Schwäger Barry und Gerry McKerr in das Lager Ballykinlar nahe der Stadt Newcastle in der Grafschaft Down gebracht.

Die Behandlung von Moore und den anderen Männern in Ballykinlar war brutal. Die Internierten mussten bis zur Erschöpfung Übungen durchführen – viele verloren das Bewusstsein: »Wir waren da in diesem Raum, und um mich herum kollabierten Männer, sie jammerten und schrien«, erinnerte sich Moore wenige Monate später vor Gericht.

In seiner Aussage schilderte ­Moore detailliert seine Internierung, die Verhöre und Folter. Für mehrere Stunden musste Moore immer wieder dieselbe Übung durchführen – ohne jegliche Unterbrechung: »Hände nach oben über deinen Kopf, Hände nach vorne vor deinen Körper, Hände hinter deinen Kopf und danach den Kopf nach unten beugen, bis er sich zwischen deinen ausgestreckten Beinen befand. So ging das immer weiter, ohne Pause, mehrere Stunden – immer dasselbe. Dabei standen wir in Reihen in diesem Raum.«

Während alle ohne Unterbrechung diese Übung machen mussten, wurden immer wieder einzelne von zwei Männern in Zivilkleidung weggeführt und verhört. »Ich muss noch betonen, dass du während all dieser Übungen deinen Kopf nie drehen durftest. Du musstest deinen Kopf immer gerade nach vorne gerichtet haben, und die Augen mussten ständig in Richtung ­Decke gerichtet sein«, sagt Seán. »Die Militärpolizei ging pausenlos zwischen den Reihen herum und kontrollierte, ob wir an die Decke sahen und nicht sonst irgendwohin. Taten wir das nicht, wurden wir mit einem Knüppel in den Rücken geschlagen. (…) Das ging so weiter. Ich weiß nicht, wie lange, wahrscheinlich einige Stunden, ich kann mich nicht an die Zeit erinnern. Wir wussten nicht, wie spät es war oder wo wir überhaupt waren. (…) Dann irgendwann senkte ich meinen Kopf hinunter, (…) und plötzlich gab es einen Knack in meinem Kopf, und ich wurde bewusstlos.«

Die Tortur ging so zwei Tage weiter, dann wurde Moore mit einigen anderen in einem Hubschrauber auf das Schiff HMS »Maidstone« geflogen. Die »Maidstone« war ein altes Rettungsschiff aus dem Zweiten Weltkrieg und lag im Hafen von Lough Belfast vor der nordirischen Hauptstadt. Neben den bekannten Internierungslagern Long Kesh und Magilligan war es ein schwimmendes Gefängnis für republikanische Aktivisten. Im Sommer 1969 war das Schiff nach Nordirland überstellt worden, um es als Quartier für die britische Armee zu benutzen. Zwischen August 1971 bis April 1972 waren hier schließlich 120 Männer interniert. Unter ihnen auch Seán Kennan, der Vorsitzende der Derry ­Citizens ­Defence Association. Keenan wurde unter den Internierten der IRA-Kommandant auf dem Schiff. Moore war sein Stellvertreter, wurde aber nach 17 Tagen als einer der ersten aus der Internierung entlassen.

Klage gegen London

Moore war innerhalb der IRA gut vernetzt. Vor seiner Internierung war er Kommandant einer kleinen, aber besonders aktiven IRA-Einheit in Nord-Armagh. Er arbeitete eng mit dem damaligen IRA-Chef Seán Mac Stiofáin zusammen. Die Republikaner beschlossen daher, Moores Fall vor Gericht zu bringen. Im Februar 1972 verklagte er mit Unterstützung der republikanischen Bewegung die britische Regierung. Die Hauptangeklagten waren der britische Verteidigungsminister und der Polizeichef von Nordirland. In einem Interview erklärte Moore 2015, dass dies ein »Test« sei, die Internierungen als rechtswidrig erklären zu lassen. Richter Rory Conaghan urteilte tatsächlich im Sinne Moores. Er erhielt Schmerzensgeld. Die Londoner Times berichtete, dass Moore 300 Pfund zugesprochen wurden – der damals höchstmögliche Schadensersatz.

Der Richter kritisierte einerseits, dass Moore 48 Stunden verhört wurde, ohne irgendeine Information zu bekommen, warum er verhaftet worden war, und anderseits seine »vorsätzliche unrechtmäßige und brutale« Behandlung während der Internierung. Moore und seine Familie hatten zu dieser Zeit bereits Nordirland verlassen. Sie zogen südlich der Grenze in die Stadt Dundalk, wo er weiterhin aktiv in der IRA blieb.

Die republikanische Bewegung hatte gehofft, mit dem Fall den Internierungen ein Ende setzen zu können. Dem war jedoch nicht so. Die britische Regierung ignorierte das Urteil des Bezirksgerichts von Armagh und setzte die Internierungen fort.

Gefügig machen

Wie Moore ging es Dutzenden, wenn nicht Hunderten politischen Aktivisten in den Sommer- und Herbstmonaten des Jahres 1971. Sie wurden durch Schläge, stundenlanges Stehen und Schlafentzug auf die unrechtmäßigen Verhöre durch zivile Beamte vorbereitet. Dadurch sollten sie gefügig gemacht werden. Jene, die sprachen, wurden oft als Informanten gewonnen, viele andere endeten für mehrere Jahre im Internierungslager Long Kesh, dem größten Lagerkomplex Nordirlands, dreißig Kilometer westlich von Belfast.

Doch 14 Aktivisten mussten noch viel unmenschlichere Behandlung über sich ergehen lassen. Einer von ihnen war Gerry McKerr, der Bruder von Seán Moores Ehefrau Nuala. McKerr stammte ebenso aus Lurgan und war aktiver Republikaner. Moore erinnert sich, dass er während der Verhöre in Ballykinlar immer wieder über Gerry gefragt wurde, der ebenfalls am 9. August interniert worden war. Zunächst kam er mit Seán und seinem Bruder Barry nach Lurgan. Als alle drei später nach Ballykinlar verlegt wurden, verlor Moore den Kontakt zu ihnen.

Seán Moore wusste damals nicht, dass Gerry bald nach der Überstellung aus Ballykinlar weggeflogen und an einen geheimen Ort gebracht worden war. Wie an 13 anderen veranstaltete die britische Armee an Gerry McKerr mehrere Versuche. Durch Folter wurden Methoden des Sinnesentzugs ausgetestet. Da sie vom Lager zum geheimen Ort der Folter mit Kapuzen gebracht wurden – wie es sich ähnlich vier Jahrzehnte später in Guantánamo wiederholte –, wurden sie als die »Hooded Men« bekannt.

Versuchskaninchen

Ein weiterer von ihnen war Michael Joseph Donnelly. Er stammt aus Derry, wurde 1948 geboren und hatte zur Zeit seiner Internierung ein einjähriges Kind. Er wurde ebenfalls vor Sonnenaufgang verhaftet und kam zunächst wie die anderen aus Derry ins Lager auf der Halbinsel Magilligan, rund 30 Kilometer außerhalb von Derry.

Nach zwei Tagen wurde er von dort weggebracht, erinnerte er sich in einem Gespräch im Jahr 2017: »Irgendwann am Morgen sind sie gekommen und haben mir eine Kapuze über den Kopf gestülpt. Sie brachten mich zu einem Hubschrauber und sagten, dass sie aufs Meer hinausfliegen und mich dort hinunterwerfen werden. So begann es also. Ich wurde die darauffolgenden neun Tage ununterbrochen von den Briten gefoltert: Extremer Lärm, Schläge, sie gossen Wasser über mich, und ich dachte, ich würde ertrinken.« Gefangene mit verbundenen Augen aus einigen Metern Höhe aus einem Hubschrauber zu werfen war eine gängige Methode der Briten, ihnen Todesangst einzuflößen.

Bereits vorher in Magilligan war die Situation hart, erinnert sich Donnelly. Die Gefangenen wurden verhört und geschlagen: »Du konntest nicht schlafen, denn du hast immer darauf geachtet, was passiert. Als dann die Folter begann, warst du bereits 24 Stunden oder mehr wach, ohne Schlaf. (…) Du konntest dich nicht mehr wehren.«

Drei Jahre nach den Ereignissen, im Juli 1974, veröffentlichten die beiden katholischen Geistlichen Denis Faul und Raymond Murray einen detaillierten Bericht mit ausführlichen Stellungnahmen von zwölf der gefolterten »Hooded Men«. Darin ist zu lesen, dass am 11. August zunächst ein Dutzend Internierte an einen geheimen Ort gebracht worden waren, später kamen zwei weitere dazu. An den 14 Gefangenen wurden systematisch acht Foltermethoden getestet:

1) Zunächst wurde ein Sack aus Jeansstoff über den Kopf gestülpt und um den Hals festgezogen, so dass der Gefangene kaum Luft bekam. Der Sack wurde den Gefangenen in den sechs Tagen der Folter nur selten abgenommen. Sofern das gemacht wurde, wurden sie mit grellem Scheinwerferlicht bestrahlt.

2) Die Gefangenen mussten fasst durchgängig auf Zehenspitzen stehen, ihre Fingerspitzen mussten die Wand berühren, und das Gesäß musste weggestreckt werden. Bei jeder Körperregung wurde der Gefangene geschlagen.

3) Die Gefangenen wurden nackt in einen olivgrünen Overall gesteckt, dessen Reißverschluss permanent offenblieb.

4) Die Gefangenen wurden ununterbrochen ­extremer Lautstärke ausgesetzt.

5) Sie wurden sechs Tage lang am Schlafen gehindert.

6) Die ersten fünf Tage erhielten die Gefangenen nur einige Tropfen Wasser, sonst nichts. Am letzten Tag erhielten sie eine kleine Schüssel Wasser, und ein trockener Brotklumpen wurde ihnen in den Mund geschoben, den sie aber aufgrund ihrer Körperhaltung nicht kauen konnten.

7) Die Gefangenen wurden extremer Hitze und extremer Kälte ausgesetzt.

8) Ebenso gaben die Gefangenen auch 22 verschiedene Formen direkter physischer Gewalt­anwendung durch das britische Militär an.

Einige, wenn auch nicht alle »Hooded Men« erinnern sich, dass sie Waterboarding ausgesetzt waren. Beim Waterboarding wird dem Gefangenen ein Tuch über den Kopf gelegt und Wasser darüber gegossen. Der Gefangene glaubt zu ertrinken, was zu einer enormen Angstsituation führt. Es ist eine verbreitete Form der Folter, die von den USA in ihrem »Krieg gegen den Terror« regelmäßig in Irak, Afghanistan und in Guantánamo angewendet wurde.

Bis heute leugnet die britische Regierung die Anwendung der Foltermethoden in Nordirland im Sommer 1971. Da es keine offizielle Anerkennung der Schuld gibt, ist der Ort, an dem es zu den Folterungen kam, bis heute nicht bestätigt. Faul und Murray schreiben in ihrem Bericht jedoch, dass es »keinen Zweifel gibt, dass zwölf Männer in der Militärbasis Shackelton bei Ballykelly« gefoltert wurden. Zwei weitere wurden im Verhörzentrum der britischen Armee in Belfast gefoltert.

Am 18. August wurden alle mit Hubschraubern in Gefängnisse verbracht. Donnelly kam ins Gefängnis Crumlin Road in Nordbelfast. Im dortigen C-Flügel blieb er weitere drei Monate ohne Anklage. Danach wurde er ins Long-Kesh-Internierungslager geflogen.

Vorbildfunktion

Viele Geheimdienste und Militärs studierten die Berichte von der sechstägigen Folter in Nordirland. Auf deren Basis entwickelte die US-Armee schließlich die fünf Foltertechniken, die sie in den CIA-Geheimgefängnissen und in Abu Ghraib nahe Bagdad anwandte. Am 13. Dezember 2012 veröffentlichte der US-Senat einen 6.700seitigen Bericht über Anwendung von Folter durch die CIA im »Krieg gegen den Terror«. Die Entwicklung dieser Foltermethoden war aufgrund der Tests an den 14 »Hooded Men« in Nordirland möglich geworden.

Die britische Regierung streitet bis heute die Anwendung von Folter in Nordirland ab. Doch bereits im Herbst 1971 gab es dazu die erste juristische Untersuchung. Am 2. März 1972 wurde daraufhin der Parker-Report veröffentlicht, der feststellt, dass die fünf Verhörtechniken »nicht heimischem Recht« entsprächen. 1976 hielt die Europäische Kommission für Menschenrechte fest, dass die fünf Verhörtechniken mit Folter gleichzusetzen seien. Die Kommission verwies allerdings an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR).

Zwei Jahre später urteilte der EGMR, dass die Techniken zwar »unmenschlich und ernie­drigend« seien und dadurch im Widerspruch zu Artikel 3 der Europäischen Konvention für Menschenrechte stünden, aber dennoch nicht mit Folter gleichzusetzen seien. Das war ein erster schwerer Rückschlag für die nordirischen Folteropfer.

Fast vier Jahrzehnte dauerte die weitere juristische Aufarbeitung. Viele der Opfer hatten vergeblich gehofft, dass die britische Regierung knapp 20 Jahre nach dem Ende des bewaffneten Konflikts bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Da nur eine europäische Regierung Urteile der obersten europäischen Gerichtshöfe anfechten kann, brachte die irische Regierung eine Klageschrift ein. Am 2. Dezember 2014 bat der damalige irische Außenminister Charles Flanagan im Namen der Regierung in Dublin den EGMR, das Urteil von 1978 zu widerrufen. Doch 2018 entschied der EGMR mit sechs zu einer Stimme, das Verfahren nicht nochmals aufzurollen, da keine neuen Beweise vorgelegt worden seien. 50 Jahre nach dem Beginn der Internierungen in Nordirland kämpfen die nordirischen Folteropfer wie jene im »Krieg gegen den Terror« immer noch um Gerechtigkeit.

Dieter Reinisch schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. Mai dieses Jahres zum 40. Todestag des IRA-Kämpfers Bobby Sands und zu den Hungerstreiks in den »H-Blocks«

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