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Aus: Ausgabe vom 07.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Wörterbuch des Teufels

Das Geräusch beim Reden

Nachwachsende Aphorismen: Neue Überraschungsfunde aus Ambrose Bierce’ nicht nachlassendem Nachlass
Von Peter Köhler
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»Buchgelehrsamkeit: Abschätziger Begriff der Trottel für Wissen, das ihre reuelose Ignoranz übersteigt«, Ambrose Bierce, »Wörterbuch des Teufels«

»Ich bin nicht Ambrose Bierce, dazu bin ich zu jung!« Mit diesen Worten begrüßt Markus Bomert aus der Tiefe seines überquellenden kleinen Büros den Gast, und dessen geschultes Auge erkennt sofort, dass Bomert um die 60 ist, aber fast 190 sein müsste, wenn er Bierce wäre. 1:0 für Bomert!

Seit drei Jahren arbeitet der seriös promovierte Amerikanist an der Universität Weinheim den Nachlass von Ambrose Bierce mundgerecht fürs deutsche Publikum auf (die junge Welt berichtete zuletzt am 16.2.2021). Von Anfang an rüttelten Zweifel an der Echtheit der von Bomert aus dem amerikanischen Englisch übersetzten Texte, die das berühmte »Wörterbuch des Teufels« über hundert Jahre nach dem Tod des Amerikaners aus dem Effeff ergänzen. Hat Bomert sie in Wahrheit selbst gebastelt?

Bomert sagt mit aller Kraft nein und zitiert freihändig eine der umstrittenen Definitionen: »Corona: Virus, das die Menschen mit Verschwörungstheorien infiziert, die nicht von ihm befallen sind.« Selbstverständlich schreibe Bierce nicht über Corona, aber heute, wo niemand mehr sich für alte, abgehangene Geschichten wie die Pest oder die Influenza interessiere, die einst die Gegenwart der Zeitgenossen komplett ausfüllten, müsse man aktuell sein, das sei man als redlicher Übersetzer den modernen Lesern schuldig, betont Bomert in einem einzigen langen Atemstoß.

Wir wiegen skeptisch den Kopf, weshalb Bomert eine weitere umkämpfte Definition auspackt: »Vorlesung: Akademische Veranstaltung. Ein bekannter Kniff hängt mit dem Smartphone zusammen: Das Erstsemester nimmt es mit in die Vorlesung, um den Vortrag mitzuschneiden; im zweiten Semester nimmt man es mit, um Musik zu hören; für den Rest des Studiums aber bleibt man zu Hause und daddelt den ganzen Tag.« Wir sind baff, aber Bomert verwahrt sich gegen den spitzen Vorwurf, das sei eine lupenreine Fälschung: Haargenau dieser Aphorismus beweise, dass man historisch vergilbte Texte aktualisieren müsse. Niemand wisse doch heute noch, was eine Tonwalze sei!

Aber haben Studenten vor über hundert Jahren eine Tonwalze in die Vorlesung mitgenommen? Unsere Vorbehalte kann Bomert nicht restlos wegblasen – ebensowenig die der Universitätsleitung. Sie hat eine Kommission eingesetzt, um zu klären, ob es sich um einen echt falschen Nachlass handelt.

Es ist nicht der einzige Kasus, der Bomert derzeit am Bein hängt. Er steht nicht nur in den inneren Fachkreisen in der Kritik, sondern auch draußen, wo ihn eine aufgeheizte Öffentlichkeit aufs Korn genommen hat. Definitionen wie: »Nerz: Pelz, an dem ein Tier befestigt ist« oder: »Schinken: In Tieren nachwachsender Rohstoff« haben Tierschützer und Vegetarier auf den Plan gepfiffen. Wegen der Satzes »Whisky: Trinkbar gemachtes Wasser« haben die städtischen Wasserwerke eine Anzeige gegen Bomert von der Leine gelassen. Auch die Kirche ist aufgewacht und droht mit Exkommunikation, nachdem sie das lesen musste: »Religiös: Erfüllt vom Bestreben, ein Leben ohne tiefere Bedeutung durch höheren Blödsinn zu adeln«, und sogar: »Christ: Straßenbeleuchtung im alten Rom«.

Wir können freilich den Verdacht nicht abschütteln, dass es hier nach Plagiat müffelt, dass Bomert womöglich echte Einträge aus dem originalen »Wörterbuch des Teufels« klaubt und umfrisiert. Er streitet es mit Händen und Füßen ab: »Bierce was unterschieben? Das habe ich als sein Übersetzer doch nicht nötig!«

Er steht nichtsdestoweniger auf ziemlich wackeligem Posten, und der Spielstand lautet nicht 1:0 für ihn, sondern eher 7:1 gegen ihn. Als hätte er gerochen, dass wir nicht überzeugt sind, schiebt uns Bomert nun mit der Nase voran aus seinem Kabuff. Doch wie immer steckt er uns ein paar Papiere zu. »Sind die denn garantiert fleckenrein?« wollen wir fragen, aber Markus Bomert hat schon die Tür hinter sich zufallen lassen.

Machen Sie sich also selbst ein Bild und lassen sich die folgende Auswahl auf der Zunge zergehen. Besonders empfehlenswert ist der Eintrag unter dem Buchstaben p.

Cannabis: Eine Droge, die irreparable Schäden im Gehirn ihrer Kritiker verursacht.

Dreifaltigkeit: Kunstvolle Ausprägung des Monotheismus; die christliche Rechenformel lautet: 1 + 1 + 1 = 1. Kritiker wenden allerdings ein, die korrekte Rechnung laute: 0 + 0 + 0 = 0.

Gehirn: Geheimnisvolle Substanz, die bei den meisten Menschen den Leerraum zwischen den Schädelknochen ausfüllt.

Information: Die Quelle des Missverständnisses.

Kollektivschuld: Hat gegenüber dem Patriotismus den Vorzug, in­existent zu sein.

Lemming: Tier, dessen selbstmörderischer Trieb die Vermutung nahelegt, man könne es Marktwirtschaft lehren.

Lyrik: In Verse gesetzte Prosa und deshalb doppelt schlecht.

Objektivität: Das beste Versteck eines Subjekts.

plagiieren: Denkweise oder Stil von Ambrose Bierce nachahmen, den man nie gelesen hat.

Rede: Bezeichnung für das Geräusch, das beim Reden entsteht.

Religion: Göttliche Komödie. Ein Placebo für eingebildete Kranke, die für philosophische Heilmittel zu schwach sind. Die Welterklärung für alle, die keine Welterklärung wünschen.

Revolution: Der Übergang vom Ancien Régime zur Restauration. Der französische Sonderweg in die Moderne, im Unterschied zum deutschen: Krieg.

Saurier: Die Krone der Schöpfung vor 65 Millionen Jahren.

Sportplatz: Tummelplatz jener unvollkommenen Menschen, die auf geistige Anstrengung verzichten, um sich der körperlichen zu weihen. Der Fan aber ist vollkommen, er verzichtet auch auf diese.

Unschuld: Vier Polizisten standen in New York wegen Mordes vor Gericht. Sie hatten den unbewaffneten schwarzen Einwanderer Amadou ­Diallo mit 41 Schüssen niedergestreckt, 19 davon, als er bereits am Boden lag. Das Gericht sprach die vier Polizisten von der Mordanklage frei. Der Grund: Sie waren unschuldig.

Wille, freier: Eine Chimäre, denn wäre der Wille wirklich frei, würden die Menschen viel mehr Böses tun.

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