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Aus: Ausgabe vom 07.08.2021, Seite 1 / Titel
Waldbrände in der Türkei

Schuld sind die anderen

Türkei: Waldbrände außer Kontrolle. Präsident Erdogan macht PKK verantwortlich. Lynchmorde an Kurden
Von Emre Sahin
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Unfähiger Krisenmanager: Recep Tayyip Erdogan

Als der österreichische Journalist Joseph Roth 1928 ins faschistische Italien reiste, stellte er fest, Reisende im Land hätten es so bequem, wie es nur »im Rahmen einer Diktatur möglich ist«, und für Einwohner sei es so unbequem, »wie es nur im Rahmen einer Diktatur möglich ist«. An Aktualität haben seine Worte auch nach mehr als 90 Jahren nichts eingebüßt: Während in der Türkei der Tourismus boomt, zwischenzeitlich Ausgangssperren für Einwohner verhängt werden, damit internationale Reisende ihre Ruhe haben, versuchen die Bewohner an der Ägäis- und Mittelmeerküste vergeblich, gegen die verheerenden Waldbrände zu kämpfen.

Seit dem 28. Juli sind im Land in mehreren Provinzen mehr als 200 Waldbrände ausgebrochen, die schlimmsten seit 13 Jahren. Acht Menschen sind bisher ums Leben gekommen, etwa 100.000 Hektar Wald dürften den Flammen zum Opfer gefallen sein, schätzte Doganay Tolunay, Forstingenieur an der Universität Istanbul, gegenüber dpa am Donnerstag. Am Freitag erklärte Bekir Pakdemirli, Minister für Land- und Forstwirtschaft, dass es noch 13 Brände in sechs Provinzen gebe, die nicht unter Kontrolle gebracht worden seien. Betroffen seien davon die Städte Mugla, Antalya, Adana, Aydin, Isparta und Denizli.

Dass die Löscharbeiten so schleppend laufen, dürfte zwar einerseits ähnlich wie in Griechenland und Italien an extremer Hitze, Trockenheit und starken Winden liegen. Andererseits trug auch die Inkompetenz der AKP-Regierung dazu bei: Sie hat in ihrer knapp 20jährigen Herrschaft keinerlei Vorbereitungen getroffen, das Land hat bis vor einigen Tagen nur drei geliehene veraltete Löschflugzeuge gehabt. Als einziger G20-Staat hat die Türkei noch immer nicht das Pariser Klimaabkommen ratifiziert. Staudämme, Hochhäuser, Brücken und Privatisierungen haben in der Türkei und in Kurdistan ganze Landschaften zerstört.

Schuld sind laut AKP jedoch immer die anderen: Besonders die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) wird von der Regierung verantwortlich gemacht. Am Mittwoch wiederholte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die Behauptung, wonach die PKK hinter den Bränden stecke. Familien »mit Verbindungen zur PKK« seien festgenommen worden. Auch beschwerte er sich über die kemalistische Oppositionspartei CHP, die die AKP für die Katastrophe verantwortlich gemacht hatte. In Russland und den USA etwa würde die Opposition in solchen Situationen hinter ihrer Regierung stehen, während sie in der Türkei »Terror« verbreitete.

Angesichts der Hetze Erdogans ist es nicht überraschend, dass es seit Tagen zu Lynchmorden an Kurden kommt. In verschiedenen von Bränden betroffenen Provinzen errichteten Bürger Straßensperren, um Kurden »ausfindig« zu machen. Dabei kam es in den vergangenen Tagen zu Kollateralschäden durch die Faschisten: In der Türkei erhalten Autokennzeichen Nummern in der alphabetischen Reihenfolge der Provinzen. Im Glauben, Kurden aus Diyarbakir (Kurdisch: Amed) erwischt zu haben – Nummer 21 –, lynchten Faschisten Türken aus der westlichen Provinz Denizli, die die 20 hat.

Auch leitete die Generalstaatsanwaltschaft am Donnerstag Ermittlungen gegen die Internetkampagne unter dem Hashtag »Help Turkey« ein, weil sie das Land als schwach dargestellt und »Angst« verbreitet habe. Die Regierung startete dagegen umgehend die Kampagne »Strong Turkey«, was sie jedoch nicht davon abhält, selbst um internationale Hilfe zu bitten.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 7. August 2021 um 21:48 Uhr)
    Wie moralisch verkommen muss man in Brüssel eigentlich sein, um einen solchen menschenverachtenden Massenmörder, Kultur- und Umweltzerstörer zum hochdotierten Söldner und Türsteher der EU im mörderischen Abwehr- und Abschottungskrieg gegen all die Flüchtlingsströme anzuheuern, welche diese verlogene EU mit ihrer imperialistischen Ausbeutungspolitik und die »westliche Allianz« mit ihren konzertierten Zerstörungen (»humanitäre Missionen«) in jenen Ländern erst geschaffen haben?

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