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Aus: Ausgabe vom 05.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Wider den Nebel des Vergessens

Anmerkungen zum 50. Todestag des Dichters Georg Maurer
Von Michael Mäde
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»Die Wellen schwatzen mir zu schnell, sagt die zarte Trauerweide« – Von wem stammt’s? Ja, Heiko?

Man findet immer Anzeichen, wenn sich über Dichtern der Nebel des Vergessens zusammenzieht. Es hat dann meist länger keine Neuveröffentlichung gegeben. Der Dichter war – vielleicht im Schulunterricht – mal (manchmal auch öfter) Opfer eines größeren Missverständnisses geworden, und der herrschende Kritikermainstream konnte schon zu Lebzeiten mit dem Künstler wenig, zuweilen gar nichts anfangen. Kommt er dann noch aus dem Osten des Landes und war nachweislich Sozialist, ist der weitere Umgang mit ihm weitgehend vorgezeichnet.

Auf Georg Maurer, geboren am 11. März 1907 in Siebenbürgen, verstorben am 4. August 1971 in Potsdam, treffen einige dieser »Kriterien« zu. Die letzte Neuveröffentlichung, sie datiert aus dem Jahre 2007, ist dem Verleger Peter Hinke und Eva Maurer, der Herausgeberin und Witwe des Autors, zu verdanken. Mit dem Gedicht »Der Schreitbagger« und dessen Interpretation (»was wollte der Dichter uns damit sagen?«) ist so mancher Schüler in der DDR ordentlich gepiesackt worden. Und ja, der Mann war nicht nur Lyriker und Essayist, sondern auch noch bekennender historischer Materialist und Sozialist. Und ja, im Westen dieses (nun wieder zusammengenagelten) Landes begegnete man ihm meist mit Unverständnis, Ignoranz oder einer gehörigen Portion Abneigung. Dies galt auch für Dichterkollegen. So hatte 1971 Gregor Laschen Maurer eine »neoklassizistische Lyrik« und »selbstgefällige Gespreiztheit« attestiert, was so ungefähr das Blödeste ist, was man dem Dichter vorwerfen konnte.

Aber es war Georg Maurer, der den »Dreistrophenkalender« schrieb – nicht nur eine Betrachtung der Jahreszeiten, eine von Optimismus geprägte lyrische Anschauung von Mensch und Natur: »Die Wellen schwatzen mir zu schnell, / sagt die zarte Trauerweide / und webt mit grünen Fäden hell / an ihrem langen Kleide.« Oder: »Zum Ziehen braucht das Pferd die Brust, / der Ochse seine Felsenstirne. / Der Mensch hat nicht genug an seinem Hirne, / der Hintern blieb ihm unbewußt.« Die Lyriksammlung war in der DDR ein Verkaufsschlager. Georg Maurer war seit 1955 Dozent, später Professor am Institut für Literatur »Johannes R. Becher«, wo er maßgeblichen Einfluss auf die Autoren der sogenannten Sächsischen Dichterschule wie Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch, Heinz Czechowski oder Karl Mickel hatte. Der Autor Helmut Richter charakterisierte Maurers Lehrmethode so: »Er praktizierte eine Methode, die freilich nur der praktizieren kann, der die Dichtung aus mehreren 1.000 Jahren überschaut. Er entnahm der schier unerschöpflichen großen Tasche (…) Buch um Buch und umstellte die Gedichte seiner Kursanten mit Beispielen wie mit großen Spiegeln.« Hier wären wir bereits beim lyrischen Verfahren des Dichters. Maurers elementarer Bezug zu Sprache, Natur und Menschheit ist dabei von entscheidender Bedeutung. Er konnte in einem einfachen, alltäglichen Vorgang Welthaltigkeit erschließen, statt eine »bewußte weltanschauliche Aussage zu forcieren«. Es ist hier nicht hinreichend Raum, die Entwicklung dieses Poeten auch nur grob nachzuzeichnen. Maurer hat vor allem in seinen letzten Schaffensjahren eine lyrisch dialogische Form entwickelt, die Prosaelemente enthält, die aber im Kern lyrisches Sprechen bleibt und die es ihm gestattete, selbst abstrakte Gedanken lyrisch zu »übersetzen«, zu veranschaulichen. Dabei schlug er, sprachlich ausgearbeitet, einen hohen Ton an, der klassische Traditionen nicht verleugnet, aber neu aufbricht, zuweilen volksliedhafte Elemente aufnimmt und – nicht zuletzt aus dieser Spannung – eine unverwechselbare Eigenheit gewinnt.

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»Die Sprache der Dinge ist nun glücklicherweise unendlich«: Georg Maurer (1907–1971)

Maurers entscheidende Entwicklungjahre als Dichter und seine beharrlichen Entdeckungen fallen in eine Zeit ernsthaftester Anstrengung in der DDR, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, die tatsächlich eine qualitativ neue, komplexe Gemeinschaft von Menschen darstellen sollte. Wir kennen das (vorläufige ) Ergebnis dieser Anstrengung und haben mit den Folgen täglich umzugehen. »Die Sprache der Dinge ist nun glücklicherweise unendlich« – dazu schrieb der Schriftsteller Max Walter Schulz: »Ein einziger solcher Satz, nachprüfbar am Werk, reicht hin, einen Großen unter den Dichtern und den Lehrern dessen, was uns gemäß ist, auszuweisen.«

Den Schatz dieser Dichtung verfügbar zu halten bleibt eine wesentliche Aufgabe linker, sozialistischer Kulturpolitik. Und sie ist, wie so einiges, bisher unerledigt.

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  • Leserbrief von Reinhard Schmiedel aus Weimar (11. August 2021 um 13:10 Uhr)
    Der wachen Umsicht unserer phantastischen jW sei gedankt für dieses Albumblatt an einen Lebensoptimismus gebenden sozialistischen Dichter. Mir wurde seinerzeit Georg Maurer allerdings nicht im Original zum Begriff, sondern durch die inhaltsvollen Liedkompositionen von Paul Dessau nach seinem Dreistrophenkalender, erschienen, exemplarisch gut gespielt, durch den wunderbaren Pianisten Walter Olbertz und Sylvia Geszty, Jola Koziel, Annelies Burmeister, Peter Schreier, Vladimir Bauer, Siegfried Vogel auf einer 1969 als Nr. 37 der legendären Reihe »Unsere Neue musik« erschienenen Eterna-Schallplatte. Neben dem inhaltsvollen Booklettext von Fritz Hennenberg kann man auch die in jeweils gleicher dreistrophiger Form verfassten Gedichte nachlesen. Im Kontrast dazu überrascht Paul Dessaus aufgerauhte kompositorische Interpretation, die aus jedem Gedicht eine spannende aphoristische Geschichte werden lässt.
    Am Artikel von Michael Mäde fand ich zudem besonders schön, dass der Schriftsteller Max Walter Schulz genannt wird. Vor allem sein antifaschistischer Nachkriegsroman »Wir sind nicht Staub im Wind«, aber auch dessen zweiter, im August 1968 handelnder Teil »Triptychon mit sieben Brücken« fesseln mich heute noch inhaltlich und durch ihre spannende Erzählweise. Sie sollten dem drohenden Vergessen entrissen werden. Meiner Ansicht nach schreien sie nach theatraler und filmischer Umsetzung.

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