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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 16 / Sport

Den Ball beschmutzt man nicht

Von André Dahlmeyer
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Keine FIFA-Fans: Der Diego (r.) und sein Lebensretter (2005)

Einen wunderschönen guten Morgen! Kaum hatte Mexikos Nationaltrainer Gerardo Daniel »Tata« Martino mit seiner Auswahl am Sonntag (Montag, MESZ) das Finale des 26. Concacaf Gold Cup gegen die USA verloren, fielen die schlechtgelaunten Tintenpisser der argentinischen Presse über ihn her wie hungrige Wölfe, die sich an frischem Aas laben. Er hatte es schon wieder getan, so die einhellige Meinung, ein Finale verloren, und das auch noch gegen die USA.

Ziemlich heuchlerisch, die Monopolmedien der Silberländer waren mit den USA immer im Bett, aber sie sind halt so gestrickt – wenn man irgendwie nach unten treten kann, lassen sie sich nie lange bitten. Diego Armando Mara­dona bemerkte Anfang des Jahrtausends etwas vereinfachend, die Argentinier seien »alle Stieffellecker der Yanquees«. Konkret meinte er genau die Medien, von denen ich spreche. Sie haben ihr Geld immer zu einem Teil mit Propaganda gegen Maradona gemacht, alles, was dunkle Haut hat, ist ihnen suspekt, und als Fidel Castro »D10S« das Leben rettete, nachdem der 2000 im uruguayischen Punta del Este, der Sex- und Drogenspielwiese reicher Argentinier, vorübergehend bereits klinisch tot gewesen war, wurde das nicht besser. Genau diese Medien werden Jahr um Jahr in den USA für angeblich investigativen Journalismus prämiert, vielleicht, weil sie den Plan Cóndor, mit dem die US-Behörden in den 70er/80er Jahren alles Linke in Lateinamerika verfolgten, auf ihre Art weiterführen.

Natürlich waren sie auch an der Dopingkampagne gegen Maradona bei der WM 1994 beteiligt. Der Maestro wurde danach Antiamerikaner, Anti-FIFA und eigentlich Antialles. »Ich möchte nicht dramatisieren«, hat er damals gesagt, »aber sie haben mir die Beine abgeschnitten.« Ein Maradona hätte sie alle noch auf dem Rumpf hüpfend erledigt. Als er, der mehrmals in seinem Fußballerleben pleite war, sich mehr und mehr auf die FIFA einschoss, den größten transnationalen Konzern der Welt mit Kongressen und Konten in allen Steueroasen der Welt, wurde sein Zitat »Den Ball beschmutzt man nicht!« weltberühmt. Nun wurden sogar Linke, die den angeblichen »Sonnenschein des kleinen Mannes« (Fußball) bis dato tausendprozentig abgelehnt hatten, mitunter weich wie ranzige Butter. Schließlich hatte sich »Maradroga« (wie ihn die argentinischen Monopolmedien nennen) nach dem Che auf den Arm auch noch Fidel unten aufs Bein tätowieren lassen. Fürderhin war es dem Maestro eine schiere Freude sogenannte Schurkenstaaten zu unterstützen. Er tat das aus seinem privaten Revolutionsstützpunkt in Dubai, denn seiner Meinung hatte Argentinien ihn ja ausgewiesen.

Maradona fühlte sich nicht als Weltbürger, sondern als Migrant »sans papier«, und das nicht nur in Dubai, sondern weltweit. Immerhin, dort konnte er am Laden an der Ecke einkaufen gehen, ohne erkannt zu werden, und tat das auch. Carlos Alberto »Apache« Tévez berichtete aus seiner Zeit in ­China ähnliches. Wie er es genossen hätte, einfach mit seiner Frau und seinen drei Töchtern U-Bahn zu fahren und shoppen zu gehen. Niemand habe ihn belästigt. Solche Leute sind wahrlich nicht zu beneiden. Sie spielen Fußball, werden aufgrund ihres Talents rasch berühmt, sind Millionäre, bevor sie die Schule beendet haben (weil sie die in der Regel nicht beenden), müssen allen Familienangehörigen ein Haus bauen (zum Vergleich: wenn meine Exschwiegermutter eine schnöde Geburtstagsfeier veranstaltete, kamen nur enge Verwandte, etwa 200) und verlieren, ob sie wollen oder nicht, jeden Kontakt zur Realität.

Diego Maradona fressen seit knapp neun Monaten die Regenwürmer. Würde er noch leben, wäre er jetzt für Martino in die Bresche gesprungen. Beim Messi-Klub Newell’s Old Boys kickte Maradona mit dem Bielsista ­Martino zusammen. Fuerza, Tata! ­Hasta ­siempre, Diego!

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