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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Finanzhaie

Rentner wollen Geld

US-Pensionsfonds verklagen Vermögensverwalter Allianz Global Investors. Aktienkurs von Mutterkonzern abgesackt. Hohe Gewinneinbußen drohen
Von Steffen Stierle
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Soll ein paar Milliarden Euro in den Sand gesetzt haben: Der Vermögensverwalter der Allianz-Versicherung

Bislang sah es so aus, als würde die Allianz SE zu den großen Gewinnern der Coronapandemie gehören. Gastronomen, die sich gegen Betriebsschließungen versichert glaubten, zeigte der Münchener Versicherungskonzern im Shutdown die kalte Schulter. Ein Kurzzeittief in der Frühphase der Pandemie war so schnell überwunden. Milliardenschwere Aktienrückkäufe trieben den Kurs zusätzlich in die Höhe. Im Mai konnte der Vorstand einen Vorjahresgewinn von 10,75 Milliarden Euro, üppige Dividenden für die Aktionäre und ein zwölfprozentiges Gehaltsplus für die Führungsriege verkünden. Nun hat der Konzern allerdings einen mächtigeren Gegner als den Kneipenwirt von nebenan.

So hat sich das US-Justizministerium in einen Fall milliardenschwerer Schadenersatzklagen eingeschaltet und den Druck auf das im Deutschen Aktienindex (Dax) gelistete Unternehmen deutlich erhöht. Es geht um eine Reihe von Klagen, die Anleger sogenannter Structured Alpha Fonds – Hedgefonds des Tochterunternehmens Allianz Global Investors (AGI) – eingereicht hatten. Der Vermögensverwalter AGI wird für deftige Verluste während der Coronakrise verantwortlich gemacht. Zu den Klägern gehören laut US-Medienberichten unter anderem die New Yorker Metro und der Lehrer-Pensionsfonds im Bundesstaat Arkansas. Letzterer hatte demnach seine Anteile nach dem Crash mit einem Verlust von 774 Millionen US-Dollar verkauft. Das sind immerhin fünf Prozent der von dem Rentenfonds verwalteten 15 Milliarden. Die private Altersvorsorge ist für viele Anleger im Eimer. Alles in allem belaufen sich die Forderungen gegen die Allianz bislang auf rund sechs Milliarden US-Dollar.

Die Investoren werfen der in Frankfurt am Main ansässigen AGI vor, sich nicht an die eigenen Investmentrichtlinien gehalten zu haben. Das Unternehmen habe in der frühen Phase der Pandemie nicht angemessen auf die Marktentwicklung reagiert. Die Alpha Fonds sollten eigentlich in turbulenten Zeiten Stabilität in die Portfolios bringen. Das ist jedoch gründlich in die Hose gegangen – mit immensem Schaden für die Anleger. Laut den Klagen haben die Geldgeber eines der Hedgefonds einen Verlust von 97 Prozent erlitten. Zwei weitere Fonds hatte die AGI gänzlich liquidiert.

Das Justizministerium drängt nun auf die Herausgabe wichtiger Unterlagen und Informationen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die US-Wertpapieraufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) eine Untersuchung eingeleitet. Die Allianz verlautbarte am Sonntag routinemäßig, man wolle vollumfänglich mit den Behörden kooperieren. Als 2020 die ersten Klagen eingereicht wurden, hieß es noch, die Vorwürfe seien »unwahr und ohne Grundlage«.

Der potentielle Schaden für die Allianz ist enorm, das gibt der Vorstand unumwunden zu. So hieß es am Sonntag in der Münchener Konzernzentrale, es bestehe ein relevantes Risiko, »dass die mit den Structured Alpha Fonds verbundenen Angelegenheiten erhebliche Auswirkungen auf künftige Finanzergebnisse der Allianz-Gruppe haben könnten«. Jedoch sei es derzeit noch nicht möglich, »die konkreten finanziellen Auswirkungen, einschließlich möglicher Strafzahlungen, zuverlässig abzuschätzen«. Eine Rückstellung habe man daher nicht gebildet. Ein fragwürdiges Argument, schließlich lassen sich die finanziellen Folgen juristischer Auseinandersetzungen häufig nicht vorhersagen. Trotzdem sorgt auch die Allianz in solchen Fällen üblicherweise vor.

Nachdem die jüngsten Entwicklungen öffentlich wurden, setzte zu Wochenbeginn die Kapitalflucht ein. Der Aktienkurs gab am Montag um 7,76 Prozent nach. Am Nachmittag war das Wertpapier für 193,70 Euro zu haben, nachdem der Preis am Freitag noch bei 211 Euro gelegen hatte. Damit nähert sich der Kurs rasant dem bisherigen Jahrestiefpunkt vom Februar an, als das Papier für 186,52 Euro über die Theke ging. Mehrere Analysten, etwa von der New Yorker Großbank J. P. Morgan, gehen davon aus, dass die Einmischung des Washingtoner Justizministeriums den Kurs für lange Zeit belasten wird. Die Höhe des Schadens sei allerdings schwer abzuschätzen, heißt es in einem am Montag vorgelegten Analysepapier.

Die Vorwürfe gegen den Dax-Konzern rücken auch die jüngsten Erfolgsmeldungen aus dem Geschäftsbericht in ein anderes Licht. So waren die guten Ergebnisse aus dem vergangenen Jahr vor allem auf die Vermögensverwaltung zurückgegangen. Die AGI ist die kleinere von zwei Allianz-Töchtern in diesem Segment. Laut den Jahreszahlen war es hauptsächlich die deutlich größere US-Tochter Pimco, die die Gewinne eingefahren hat.

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin ( 5. August 2021 um 16:13 Uhr)
    Dieser Fall lässt unschwer erkennen, wohin die Odyssee der privaten »Altersvorsorge« künftig gehen wird. Und diese Kursabstürze werden die kleinen »Privatrentner« in allen kapitalistischen Ländern mit in den Abgrund reißen, sind diese kriminellen Vereinigungen doch sämtlich international »aufgestellt« und untereinander verbunden.

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