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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 8 / Inland
Klimaschutz und Energiewirtschaft

»RWE arbeitet daran, den Ort weiter zu zerstören«

NRW: Klimaschutzaktivisten planen Festival im von Kohlebergbau bedrohten Lützerath. Ein Gespräch mit Luis Diehl
Interview: Gitta Düperthal
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Klimaschutzaktivisten stellen ihren Protest gegen RWE in Lützerath vielfältig auf (20.7.2021)

Der Kohlekonzern RWE plant ab Oktober die Zerstörung des Ortes Lützerath. Vom 6. bis zum 15. August findet deshalb dort das Festival »Kultur ohne Kohle«, kurz Kuloko, statt. Was ist Ihr Anliegen?

Die Bundesrepublik muss ihren Beitrag leisten, den Treibhauseffekt auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Wir sind teilweise schon seit einem Jahr vor Ort, um die Klimakatastrophe klein zu halten. Wir werden ein Kulturfestival mit Theaterbühnen, Musik und Workshops machen. Es gibt die Konferenz für Klimagerechtigkeit, ein Klimacamp. Wir erwarten Menschen aus der Region und internationale Gäste. Wir akzeptieren nicht, dass der Ort abgerissen werden soll, um den Weg für RWE freizumachen, Kilometer um Kilometer die Kohle weiter abzubaggern.

Sie wohnen seit einem Jahr in Lützerath. Wie verhält sich RWE dort, um den nahegelegenen Braunkohletagebau Garz­weiler II auszubauen?

Im Ort stehen noch sieben Häuser, zwei sind von Aktivistinnen und Aktivisten bewohnt und eins vom Bauern Eckhard Heukamp. RWE zeigt Präsenz. Häuser, wo noch Leute ausziehen, oder die schon leer stehen, bewacht ein in Schichten vom Kohlekonzern eingeteilter Wachschutz rund um die Uhr. Einige wollen einfach nur ihre Arbeit hier tun, weil sie nicht arbeitslos sein wollen. Mit ihnen kommunizieren wir. Andere treten drohend auf, wollen zeigen, dass hier ihr Revier ist, uns einschüchtern: Als ich mit einer Freundin abends über die Felder ging, leuchteten sie uns an, fuhren neben uns her.

Es heißt, neue Bewohnerinnen und Bewohner seien zugezogen. Wie ist die Atmosphäre in Lützerath?

Bis zu 50 Aktivistinnen und Aktivisten arbeiten daran, den Ort groß, einladend und bunt zu machen. Auf der einen Seite geht es sehr lebendig zu, mit einer ständigen Mahnwache, Kunst und Kultur. Auf der anderen arbeitet RWE daran, den Ort weiter zu zerstören. Wir wollen, dass im Herbst viele Menschen kommen, um den Ort zu verteidigen und für Klimagerechtigkeit zu kämpfen. Im globalen Süden leiden die Menschen jetzt schon unter den Zerstörungen der Klimakrise, viele müssen fliehen. In der BRD geht es jetzt auch los mit Hochwassern und Toten. Viele Menschen haben alles verloren.

Haben Sie noch Hoffnung, den Ort retten zu können?

Ja, und dazu gibt es verschiedene Ansätze. Die Klage gegen die Enteignung von Eckhard sowie ein kleines Grundstück, das der Kirche gehört und noch nicht enteignet wurde. Die vielen Aktivistinnen und Aktivisten, die ein tolles Kulturprogramm vorbereitet haben, ziehen Aufmerksamkeit an. Immer mehr Menschen kommen. Sie wollen das Klima vor der Katastrophe retten oder fühlen sich mit dem Ort verbunden. So wird es für RWE schwieriger, den Ort platt zu machen, die dreckige Kohle weiter zu fördern.

Könnte es CDU-Kanzleranwärter Armin Laschet schaden, wenn er trotz seiner warmen Worte angesichts der Hochwasserschäden und der vielen Toten, einfach weitermacht, als wäre nichts geschehen?

Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat Laschet die Krise jahrelang weiter befeuert und denkt auch jetzt nicht an einen schnelleren Kohleausstieg – trotz Starkregen und Flutkatastrophe oder auch Dürre in Brandenburg. Bei der Bundestagswahl wird es ihm schaden. Klar ist, dass seine Worte nicht ernst genommen werden können. Er verweist darauf, dass angeblich alles schon geregelt sei. Wird hier aber bis 2038 weitergebaggert, kann die BRD das Ziel der Klimakonferenz in Paris definitiv nicht einhalten.

Was wollen Sie beim Kuloko ausrichten?

Wir wollen erproben, wie eine andere Gesellschaft mit einem solidarischen Miteinander funktionieren kann, statt dem nur auf Profite ausgerichteten kapitalistischen Wirtschaftssystem. Ich freue mich auf die Referentinnen, die Ökonomin und Klimaaktivistin Tonny Nowshin, die sich für Schwarze, Indigene und People of Color, einsetzt, die queer-feministische Klimaaktivistin Isadora Cardoso und die Regierungskritikerin Luisa Neubauer.

Luis Diehl ist Sprecher von »Kultur ohne Kohle«

https://kultur-ohne-kohle.de/

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