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Aus: Ausgabe vom 03.08.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Es steht geschrieben

Erinnerung spricht: Alfons Cerveras »Die Farben der Angst« holt die Verbrechen der Zeit nach dem Spanischen Krieg zurück
Von Stefan Gärtner
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Auf einer Mauer in Barcelona: Ein Poster des faschistischen Generals Franco

Es passiert ja häufiger, dass Klischees in die Realität finden, und wer ohne Arg und Vorwissen Alfons Cerveras »Die Farben der Angst« in die Hand bekommt, mag sich in den Sozialkunde- oder Geschichtsunterricht einer Reformoberschule der sozialdemokratischen Ära zurückversetzt sehen: Auf dem Titel entbieten zwei Knirpse dem von der Fassade lachenden General Franco den Faschistengruß; das Verlagssignet ist ein roter Stern; es setzt gleich sechs Mottos, eines bedeutungsschwerer als das andere (»Im Echo meiner Tode / gibt es noch Angst«), und aus dem Spanischen ist das übersetzt von Erich Hackl, was, bewahre, nichts Schlechtes ist, aber für eine gewisse instruktive Schwere steht, wie sie, hätte man früher gesagt, betroffen macht.

Man muss den »Farben der Angst« ein wenig Zeit lassen. Gleich zu Beginn stirbt eine Großmutter, und es regnet in Strömen, aber eine unfreiwillige Parodie auf Aufarbeitungsliteratur ist das Buch, das keine Gattungsbezeichnung trägt, dann doch nicht. Das Prinzip der Erzählung, die vom faschistischen Terror der Jahre nach dem Spanischen Krieg handelt, auf dem Dorf in der Gegend von Valencia, ist das der Polyperspektive: Die Vorgänge, wie Angela Merkel sagen würde, also die Drohungen, Folterungen, Gewalttaten, verübt von den Siegern an den Besiegten, den »Roten«, werden immer wieder aufs neue erzählt und immer wieder von jemand anderem, mithin immer wieder anders, doch immer wieder gleich. Was damals war, ist lange her und genausolang beschwiegen worden. Und jetzt kommt die Enkelin eines einst nach Frankreich Emigrierten und beginnt zu fragen, und alle (oder wenigstens die Opfer) erzählen; und dass Faschismus keine Meinung ist, sondern ein Verbrechen, mag die Moral des Buches sein, dass sich zwar à la longue ein wenig in seinem Bauprinzip verstrickt und die Befürchtung, es doch ein bisschen zu gut mit dem Erzählen übers Böse zu meinen, beinahe noch bestätigt. Aber die gleichwie Kurzecksche Repetitionsprosa, indem sie Literatur sein will und nicht bloß Report und Protokoll, umgeht die Pathosfalle, die ja auch Lakonie und Diskretion aufzustellen vermögen, und bringt Erinnerung zu einem Sprechen, das die Balance zwischen Mündlichkeit und Überformung hält und dem Doppelsinn des Wortes »Geschichte« nachspürt.

Das Thema des Buches ist dabei weniger das, was geschehen ist, sondern das, von dem so viele nicht wussten, dass es geschehen ist. Gleich diesen Nachgeborenen erfährt der deutsche Leser, aus einem Land mit weltberühmter »Erinnerungskultur« stammend, von Verbrechen, die ihm neu sind und neuer jedenfalls als die Dichotomie von Erinnern und Vergessen, von der die protokollierende Enkelin nicht weiß, inwieweit sie als Dialektik zu fürchten ist; Verbrechen, die in ihrer scheußlichen Materialität und ohne die großen Namen und Schauplätze, also diesseits von Auschwitz und Mengele, faschistischen Terror ins Fassbare zurückführen, und das bedeutet: ins Unfassbare.

Literatur daran ist, dass die Erinnerung, wie Motto Nummer vier mitteilt, aus demselben Stoff wie die Tatsachen ist (Manuel Talens) und Literatur die Tatsache, die sich dem Erinnern zugleich verdankt und es ermöglicht. Das mag eine banale Erkenntnis sein, mit der sich auch noch der Literaturkurs bestreiten lässt, wie die isolierten Gedanken, die das Buch bereithält, keine für Originalitätspreise sind (»… weil es Erinnerungen gibt, die bei denen, die sie leugnen, zur Blindheit führen«). Doch was geschrieben steht, das ist nicht aus der Welt, und solange der Faschismus in der Welt bleibt, soll auch das in ihr bleiben, was er bedeutet und was, in jedem Verstand, nicht zu vergessen ist: »Aus dem Schweißbrenner schoss eine blaue Flamme. Viele Jahre später habe ich in einem Roman gelesen, dass der Tod blau ist. Ich weiß nicht, ob das stimmt, weil ich nie gestorben bin, aber ich weiß, dass ich an jenem Abend in der Kaserne gern tot gewesen wäre, als man mir die Hände verbrannte. Wie alt ich damals gewesen bin? Acht oder neun, genau weiß ich es nicht.«

Alfons Cervera: Die Farben der Angst. Aus dem Spanischen von Erich Hackl. Verlag Bahoe Books, Wien 2020, 200 Seiten, 20 Euro

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