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Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 16 / Sport
Fußball

»Der europäische Fußball hängt am Tropf autokratischer Regime«

Die Wüstendynastie Katar soll 2022 die WM ausrichten. Dagegen regt sich Widerstand. Ein Gespräch mit Dietrich Schulze-Marmeling
Von Frank Willmann
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Schuften und sterben: Arbeiter auf einer Baustelle in Katar

Warum sollten wir die WM 2022 in Katar boykottieren?

Für mich steht die Frage der Menschenrechte im Vordergrund, die im Emirat mit Füßen getreten werden. In Katar herrscht keine Gewaltenteilung. Das Land wird seit 1971 von der Dynastie Al Thani regiert – man hat die WM an eine Familie vergeben. Öffentliche Kritik am Herrschaftshaus ist verboten. Es existieren vielfältige Formen männlicher Vormundschaft, Frauen werden stark diskriminiert. Für Homosexuelle ist Katar eines der gefährlichsten Reiseländer der Welt. Die rund 2,5 Millionen Arbeitsmigranten leben oft unter sklavenähnlichen Bedingungen. Der Islam wahhabitischer Prägung ist Staatsreligion. Der Religionsaustritt beziehungsweise der Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion gilt als ein Kapitalverbrechen und kann theoretisch mit der Todesstrafe geahndet werden.

Wer unterstützt Ihren Aufruf? Erreichen Sie Profifußballer mit Ihrer Idee?

Das Gros der Unterstützer besteht aus Einzelpersonen. Mittlerweile haben sich aber auch etwa 50 Faninitiativen angeschlossen und vereinzelt auch Vereine aus dem Amateurbereich. Eigentlich wollten wir erst im Spätherbst 2021 so richtig durchstarten. Aber dann kamen der Flug der Bayern nach Doha, die Pro-Boykott-Entscheidungen einiger norwegischer Profiklubs und die Meldungen über viele Tote auf den WM-Baustellen in Katar.

Der durchaus kritische Journalist Ronny Blaschke ist gegen einen Boykott und fordert »mehr Realpolitik«.

Ich schätze Ronny sehr, aber in Sachen Katar verstehe ich seine Position nicht. Sie erscheint mir etwas naiv. Eine Ablehnung des Mittels des Boykotts könnte ich noch verstehen. Aber manchmal kippt mir das in Richtung eines regelrechten Werbens für den Austragungsort. Wenn ich es richtig beobachte, besteht »Realpolitik« in Sachen Katar vor allem darin, auch die kleinste Reform im Emirat zu einer Revolution hochzujazzen und zu den Rückschlägen zu schweigen.

Sind Sie mit dem DFB im Gespräch, oder macht der weltgrößte nationale Fußballverband einen großen Bogen um die Initiative?

Bislang gibt es noch keinen Kontakt zum DFB. Wenn die Meldung stimmt, dass der Verband bei Qatar Airways um eine Partnerschaft ersucht hat, wird es auch schwierig, einen Konsens zu finden. Vielleicht ist dieses Ersuchen ein Hinweis darauf, dass den Verband arge finanzielle Pro­bleme plagen. Der europäische Fußball hängt am Tropf autokratischer Regime – siehe die Hauptsponsoren der EM 2021. Katar ist ein wichtiger Geldgeber. Der Preis, den der europäische Fußball hierfür zu zahlen hat: das Sportwashing abnicken und beim Thema Menschenrechte nie so konkret werden, dass sich die Geldgeber ärgern.

Gab es seitens der FIFA Versuche der Beeinflussung? Schließlich ist eine WM eine riesige Gelddruckmaschine.

Kurz nach dem Start der Kampagne gab es eine Kontaktaufnahme durch einen mit dem Thema Menschenrechte befassten Mitarbeiter der FIFA. Aber eher aus der mittleren Ebene. Wir haben dann vereinbart, dass wir ihm für seine Chefs einen Fragenkatalog schicken. Es waren vier- bis fünf harmlose Fragen. Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Und auf die Antworten warten wir noch heute.

Wie reagiert die deutsche Politik auf »Boycott Qatar 2022«? Haben Sie das Gefühl, von bestimmten Kreisen als nützliche Clowns missbraucht zu werden?

Nein, bislang nicht. Ich sehe das Problem eher bei Leuten, die gemeinhin als Menschenrechtsaktivisten firmieren, sich aber bereitwillig in den Dienst von FIFA und Katar stellen. Die Menschenrechtspolitik der FIFA hat die Funktion eines Sichtschutzes, hinter dem dann intensiv mit Autokraten gekuschelt wird. Bei Leuten wie Sylvia Schenk, vielen bekannt als Aktivistin bei Transparency International, habe ich den Eindruck, es gehe ihr nicht in erster Linie um Menschenrechte, sondern darum, politische Großereignisse auch in autokratisch regierten Ländern zu ermöglichen. Die Nationalmannschaft macht eine harmlose »Human-Rights-Aktion«, die kritisiert wird, weil nicht der Stein des Anstoßes, Katar, genannt wurde. Aber für Frau Schenk ist schon diese Aktion zuviel – weil Mensch mit dem Plädoyer für Menschenrechte Katar assoziieren könnte. Geht’s noch?

Fanclub Nationalmannschaft, powered by Coca-Cola, McDonald’s und Saudi Arabian Airlines – ist das die Zukunft des deutschen Fußballs?

Ja, das könnte die Zukunft sein. Wenn’s nicht bereits die Gegenwart ist. Kritische Journalisten und Fans sollten hier nicht mit Störfeuer sparen. Zum Fanclub Nationalmannschaft: eine furchtbare Einrichtung. Ich bin Mitglied dieses Zusammenschlusses – weil Mensch anders nicht an Tickets kommt. Das ist Kundenbetreuung im Dienste der Sponsoren, nutz- und phantasielose Giveaways eingeschlossen.

Sind Nationalmannschaften überhaupt noch zeitgemäß?

Ich schwanke da etwas. Fußball ist und bleibt eine janusköpfige Angelegenheit. Nehmen wir mal die letzte EM: Du erlebst Szenen der Verbrüderung und internationalen Solidarität, namentlich unter den Spielern – und dann wieder übelsten Nationalismus, Chauvinismus, ja Rassismus. Ich war aber auch nur in meiner Kindheit ein Fan der deutschen Elf. 1974 konvertierte ich zu den Niederländern. 2010 und 2014 habe ich ein bisschen mit den Deutschen »gefiebert«, weil ich den Fußball gut fand und nicht wollte, dass die alten Geister zurückkehren – hier das Spiel betreffend.

Brauchen wir einen neuen, unabhängigen deutschen Fußballverband?

Manchmal denke ich: ja. Was der Verband auf jeden Fall benötigt: ganz viel Unruhe an vielen Fronten.

Dietrich Schulze-Marmeling ist Sachbuchautor. 2011 wurde sein Werk »Der FC Bayern und seine Juden« zum Fußballbuch des Jahres gewählt. Gemeinsam mit Bernd Beyer hat er die Initiative »Boycott Qatar 2022« ins Leben gerufen.

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