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Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Kolonialgeschichte

Alter Raub

Koloniale Kunstbeute: Götz Aly hat die Geschichte des in Berlin ausgestellten Luf-Bootes recherchiert
Von Burkhard Ilschner
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Das Luf-Boot beim Transport in den Ausstellungsaal im Obergeschoss des Humboldt-Forums (Berlin, 29.5.2018)

Dieses Buch ist kompromisslos – und mit jeder Seite, die man liest, wächst das politische und moralische Verständnis für diese Kompromisslosigkeit. Dieses Buch ist wichtig, weil es eine konsequente Antwort auf eine gut 100 Jahre alte Lebenslüge zu geben versucht.

Der Historiker Götz Aly hat ein Stück Familiengeschichte zum Anlass genommen, ein in der breiten Öffentlichkeit vergessenes – oder verschwiegenes – Kapitel kaiserlich-deutscher Kolonialverbrechen aufzuschlagen. Es ist das Buch zur gerade vollzogenen Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin, denn dort steht jenes titelgebende »Prachtboot«, das vor knapp 120 Jahren auf der Insel Luf, die zu den Eremiteninseln im Bismarck-Archipel (heute Papua-Neuguinea) gehört, entwendet worden ist.

Es soll, da sind sich alle Berichte einig, ein weltweit einmaliges Prachtstück sein – ein hochseetaugliches Doppelendauslegerboot mit zwei großen, viereckigen Segeln, konstruiert aus einem ausgehöhlten Einbaum von knapp 16 Metern Länge mit aufgesetzten Planken, geschaffen aus dem »am Feuer gehärteten Holz des Brotfruchtbaums« und beeindruckend vor allem durch seine aufwendige Bemalung und Verzierung: in seiner Ausstattung das Boot eines Häuptlings, in seiner Bauweise das Zeugnis einer jahrtausendealten Kultur und ihrer großräumigen, pazifischen Siedlungsgeschichte. Ein Boot, das eigentlich dorthin gehört, wo es geraubt worden ist.

Nur gut 30 Jahre lang, von den frühen 1880ern bis zum Ersten Weltkrieg, hatte die Kolonie Deutsch-Neuguinea Bestand, aber es waren Jahre, in denen skrupellose Plantagenbesitzer und Kaufleute Hand in Hand mit brutalen Militärs und kaiserlichen Beamten die südpazifische Inselwelt ausplünderten und große Teile der als »minderwertig« erachteten Bewohner ausbeuteten, versklavten, folterten und teilweise beinahe ausrotteten. Aufhänger des Buches ist, wie oben angedeutet, die Erkenntnis Alys, dass einer seiner Vorfahren als Militärgeistlicher der kaiserlichen Marine an dieser kolonialen Unterwerfung mitgewirkt hatte. Im Mittelpunkt steht zwar das seiner Herkunft wegen sogenannte Luf-Boot, doch beschreibt Aly – eindringlich und quellenmäßig gut belegt – nicht nur Wurzeln, Ablauf und Hintergründe dieses Raubes, sondern verknüpft dieses Einzelgeschehen mit vielen parallelen, aufarbeitenden Schilderungen über weitere Kolonialverbrechen im Südpazifik in dieser Epoche.

Der Stil – präzise beschreibend und scharf kritisierend – lässt erkennen, dass Aly von den Details seiner Recherchen nicht unberührt geblieben ist: Immer wieder verlässt er die sprachliche Ebene sogenannter Objektivität und zeigt, wenngleich verhalten und beherrscht, Betroffenheit und Empörung. Andere mögen sich daran stören – den Rezensenten nimmt es für den Autor ein, denn es ist Ausdruck jener Kompromisslosigkeit, die notwendig ist, um die koloniale Geschichte und ihre Folgen angemessen aufzuarbeiten.

Folgerichtig widmet sich Aly gegen Ende seines Buches der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – als momentaner Besitzerin nicht nur des Luf-Bootes, sondern von rund 65.000 weiteren kolonialen Beutestücken aus der Südsee –, ihrem derzeitigen Präsidenten Hermann Parzinger sowie der Staatsministerin Monika Grütters als amtierender Stiftungsratsvorsitzender. Ihnen und den hochrangigen Vertretern zeitgenössischer »Provenienzforschung« attestiert Aly den wiederholten Versuch, die »Rückgabe der musealisierten Objekte (...) zu zerreden«. Dagegen stellt er die unmissverständliche Forderung, die »Nachfahren der einst beraubten Schöpfer des Luf-Bootes, vertreten durch ihren Staat Papua-Neuguinea, (...) als Eigentümer« zu bestätigen.

Eigentlich gehörte eine Übersetzung dieses Buches in den Südpazifik, in die Hände eben jener Nachfahren – um ihnen zu zeigen, wie in Deutschland über ihr kulturelles Erbe diskutiert wird. Hierzulande könnte Alys Werk aber auch eine Mahnung sein, denn gut 100 Jahre nach Ende des deutschen Kolonialismus bereiten unter anderem deutsche Akteure neue Ausbeutungsprojekte in der Südsee vor, gieren nach dortigen Tiefseeressourcen: ein als »nachhaltig« etikettierter Angriff auf die in der pazifischen Kultur wurzelnde emotionale Verbundenheit, nach der die Menschen der See auch die Wächter der See sein müssen.

Götz Aly: Das Prachtboot: Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021, 240 Seiten, 21 Euro

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