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Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 11 / Feuilleton
Comic

Ein halbes Leben

Heimliche Hommage an den Vater: Guy Delisles Comic »Lehrjahre«
Von Frank Schäfer
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Macken, Sorgen, Physiognomien: Guy Delisle benötigt nur wenige Striche

Guy Delisles Comicreportagen sind wache, detailreiche, den kruden Alltag ausleuchtende Erkundungen des kulturell Andersartigen. Er war in Birma, Jerusalem, Shenzhen und Pjöngjang. Der Vorteil seiner Bücher, für ideologische Quadratschädel schwer zu ertragen, ist der Umstand, dass ihm politische Grundsatzdebatten egal sind. Er beobachtet und zeichnet mit, was er sieht, immer in dem Bewusstsein, dass sein Wirklichkeitsausschnitt auch nur einer unter vielen ist.

So hat seine skrupulöse Beschreibung des profanen Lebens in der Hauptstadt Nordkoreas nicht den Zweck einer wohlfeilen Abrechnung mit Führerkult, Militärautokratie und medialer Gleichschaltung. Das ist sie am Rande auch, aber all das wird überdeckt von der Verstörung, die das Andere bei ihm auslöst. Auf Delisles Frage, wo denn hier die Behinderten seien, er sehe nämlich keine, antwortet ihm sein behördlich bestellter Schatten: »Es gibt keine. Wir sind eine sehr homogene Nation, und alle Nordkoreaner kommen stark, intelligent und gesund zur Welt.« Man wiegt sich nach der Lektüre nicht in der scheinbaren Sicherheit, die andere Kultur verstanden zu haben. Das Fremde wird hier eher noch fremder.

Sein neues Buch »Lehrjahre« gehört zumindest indirekt auch in diese Reihe. Mit einem Unterschied: Delisle kann sich nicht so einfach dem Situativen aussetzen und ins pralle Menschenleben greifen, weil er hier in seine eigene Vergangenheit reist, in die 80er nämlich, als er drei Sommer lang in der großen Papierfabrik seiner Heimatstadt Québec jobbte. Er muss sich hier also viel mehr auf Erinnerungen verlassen. Erstaunlicherweise merkt man das dem Buch nicht an, was für das Gedächtnis, die Recherche oder die produktive Phantasie des Autors spricht.

Delisle zeichnet sehr plastisch die Arbeitsprozesse nach, integriert Exkurse über die Architektur des mächtigen Fabrikgebäudes und über die Geschichte der Papiergewinnung, beschreibt die Rituale dieser Arbeitswelt, die rudimentäre Zeichensprache, ohne die eine Kommunikation in der lauten und weitläufigen Werkshalle nicht möglich ist, und nicht zuletzt den derben männerbündischen Witz im Pausenraum. »Dem dicken Simon hab’ ich’s neulich in der Dusche besorgt.« »Haha.« »Kannst ihn fragen … Er hat sich nach der Seife gebückt und zack! … Die Gelegenheit habe ich genutzt! Direkt in die Poperze.« »Blödsinn!« »Na los, frag ihn, wenn du mir nicht glaubst! Warte, ich ruf’ ihn her!«

Mit besonderer Aufmerksamkeit bedenkt Delisle seine ehemaligen Kollegen. Er profiliert sie mit wenigen, aber sicheren Strichen, skizziert ihre unterschiedlichen Physiognomien, aber auch ihre Macken und Sorgen. Bemerkenswert ist einmal mehr, dass ihm sein eckiger, wenig naturalistischer Cartoonstil dabei gar nicht im Weg steht. Die Reduktion zwingt zur Konzentration auf das sprechende Detail. Und so gelingt ihm hier eine gut ausgeleuchtete Innenansicht dieses speziellen Fabrikarbeitersoziotops.

Durch die erzählerische Grundkonstellation, den langen Blick zurück in die eigene Vergangenheit, sind Delisles »Lehrjahre« leicht sentimentalisch gestimmt. Er weiß darum und steuert gegen, stenografiert eher nebenbei und sehr lakonisch die eigene Sozialisation mit: die erste scheiternde Mädchengeschichte, die Genese des Künstlers bis zum Besuch der Schule für Animationsfilm. Seine Privatgeschichte liefert hier vor allem den Rahmen. Aber immerhin auch das Leitmotiv.

Delisles Vater, der schon lange getrennt lebt von der Familie, arbeitet als technischer Zeichner in der Fabrik. Mehrfach sieht ihn Guy auf dem Gelände vorbeiflanieren. Einmal trifft er ihn in dessen Wohnung, »weil es sich für einen Sohn gehört, seinen Vater zu besuchen«. Die Szene ist ein Paradebeispiel für eine gescheiterte Kommunikation. Dad hält Monologe, der Sohn schweigt gelangweilt und peinlich berührt, nach zwei Stunden hat er genug und verschwindet wieder.

Einmal allerdings besucht er ihn auch an seinem Arbeitsplatz – und hier, in dem Umfeld, das sie verbindet, läuft es etwas besser. Im Epilog löst der Autor mit seinem Bruder die Wohnung des kürzlich Verstorbenen auf. Delisle geht Rührungsmomenten aus dem Weg, aber diese Szene ist herzzerreißend. Beim Aufräumen stößt er auf die eigenen Comics, die er ihm regelmäßig geschickt hat, und im letzten Panel liest er seine Widmung: »Für meinen Vater / Dein Sohn / Guy«.

Erst jetzt offenbart sich die Intention dieses Buchs. Es ist eine subtile Hommage an seinen Vater, dem er sich, wie im Leben, nur indirekt nähern kann, eben durch die einfühlsame, liebevolle Schilderung der Papierfabrik, in der Delisle sen. »sein halbes Leben« verbracht hat. Und das ist erst richtig traurig.

Guy Delisle: Lehrjahre. Aus dem Französischen von Heike Drescher. Reprodukt, Berlin 2021, 142 Seiten, 20 Euro

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