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Aus: Ausgabe vom 31.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Auf falscher Spur

Verschwörerisches Gewurschtel: Olaf Arndts Roman »Unterdeutschland«
Von Kai Köhler
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Moderne Herrschaftstechnologie oder einfach nur ein großer Roboter?

Ungeklärte Morde im Jahr 2022, die ungeklärt bleiben; ein Ermittler, der vom Geheimdienst auf eine falsche Spur gelenkt wird; oben am Berliner Himmel eine angeblich virenverbreitende Wolke, die der Rechtfertigung eines Notstands dient; im Untergrund der nahen Zukunft eine riesige Tunnel- und Röhrenwelt, von den Diensten kontrolliert. Dazu eine verwirrende Vielzahl von »Sicherheits«-Experten, die über die besten Methoden zur Kontrolle der Bevölkerung beraten, eine entsprechende Menge an neuartiger Unterdrückungstechnologie und nicht zuletzt die herausragende Geheimdienstspezialistin, die sich zur Überraschung aller zur ­Finanzverwaltung versetzen lässt: weil, wer die Geldströme kontrolliert, gegen jeden was in der Hand hat.

Wer auf Verschwörungstheorien empfindlich reagiert, wird dieses Buch hassen. Nun ist es aber doch so, dass bei allem Unsinn, der in dieser Hinsicht auf dem Meinungsmarkt ist und zu Recht abgelehnt wird, man ohne die Rede über Verschwörungen nicht auskommt. Sogar wer Kritik an der amtlichen Version der Anschläge vom 11. September als Verschwörungstheorie ablehnt, vertritt selbst eine (nämlich, dass den Angriffen eine Verschwörung der Leute um Osama bin Laden voranging). Wie aber sieht das literarische Weltbild in diesem Roman aus?

Am Anfang steht eine Herausgeberfiktion. Die Autorengruppe BBM/VD habe angeblich kollektiv Selbstmord begangen; vermutlich wurde sie liquidiert. Aus immerhin 12.000 verstreuten Manuskriptseiten und 482 Laptopdateien mit nachträglich manipulierter Datierung sei – als erster und einziger Band der Reihe »Fragmente« – der vorliegende Roman zusammengestellt worden. Tatsächlich gleicht das Ergebnis einer bewusst gebauten Ruine. Kein Handlungsstrang findet seinen Abschluss, kein Ereignis ist zuletzt zufriedenstellend erklärt. Viele Angaben bleiben widersprüchlich.

Das wird Leser enttäuschen, die vor allem wissen wollen, wer die Verantwortung für die zu Beginn anfallenden Leichen trägt. Doch ist darin das begründet, was in dem Roman realistisch ist. Es gibt nicht das eine Machtzentrum der bösen (Bill Gates! Unterirdische Reptiloiden!). Vielmehr gibt es ein Gewurschtel unterschiedlicher Handlungsträger, die zwar alle die Perfektionierung kapitalistischer Herrschaft zum Ziel haben, aber untereinander konkurrieren. Arndt hat sich genau damit beschäftigt, welche technischen Mittel für diesen Zweck entwickelt werden. Unter den neuartigen »Personenkon­trollgeräten« nennt er etwa »Perzeptive-Energie-Projektile«. Die PEP erzeugen keine sichtbaren Verletzungen, bringen aber verhaltenslenkende Wirkstoffe in die Blutbahn. Bald werden auch Maschinen mit künstlicher Intelligenz mitspielen. Im Roman gibt es schon ein selbstlernendes Tesla-Fahrzeug, das die »Robotergesetze« ein wenig überschreitet und bereits herausgefunden hat, wie es den menschlichen Chef besänftigen kann. Auf der Rückfahrt kauft es Aalrauchmatjes, »drei Gebinde à 900 Gramm … Das sollte als Ausgleich für die zwei Toten reichen.«

Wie liest sich das? Mal mit Freude über die klugen Einfälle, mal mühsam. Manches wirkt überladen: immer noch eine Wendung, ein kleiner Witz dazwischen, ein kaum verständliches Wort. Ein ausführliches »Glossar« im Internet hilft manchmal weiter und führt oft zu neuen Fragen. Die Fülle an kulturgeschichtlichen Anspielungen verwirrt eher, als dass sie dem Geschehen eine weitere Dimension verleihen würden. Manche Ansätze sind so gut, dass man gerne ihre Konsequenzen erfahren würde. Wenn etwa Hans Falck, der am ehesten eine Hauptfigur ist, bei CivEx arbeitet, der privatisierten Nachfolgeorganisation der Berliner Kriminalpolizei, so wartet man gespannt auf die Folgen der Privatisierung. Nichts kommt nach, die Idee ist verschenkt.

Wunderbar beschrieben ist jedoch, wie Falck durch sein Neukölln läuft, das nicht mehr seines ist; wie die Leute, mit denen er zuviel säuft, sich nicht für politische Veränderungen interessieren, wie andere Personen mit dem neuen Sicherheitsregime bestens zurechtkommen. Gelungen ist, wie Arndt zeigt, dass sich die offen autoritären Forderungen des Bürgerbündnisses »Wir sind Berlin« von scheinbar progressiv-humanen Ansätzen nur im Vokabular unterscheiden. Statt davon, sich beim Durchgreifen nicht mehr von einer »völlig antiquierten Rechtsordnung« hindern zu lassen, ist dann eben die Rede von nur milden Eingriffen oder Fürsorge. Die Praxis unterscheidet sich nicht.

Arndts Roman nur da zu loben, wo er politisch klar analysiert, würde allerdings dem Ganzen des Buchs nicht gerecht. Das Überbordende, Unkontrollierbare gehört dazu wie die Vermischungen von Tier und Mensch, Mensch und Maschine, von denen immer wieder die Rede ist. Sie alle haben mit Herrschaftstechnik zu tun wie auch mit einem Ungreifbaren, ­Anarchischen, das sich der Kontrolle immer wieder entzieht. Dieses Verhältnis ist eine Stärke, insofern das Buch die bevorstehenden Mittel staatlicher Herrschaft als sowohl herrschaftssichernd wie auch neue Widersprüche erzeugend begreift. Arndts souveränes literarisches Spiel mit diesen Widersprüchen deutet eine Position der Stärke an. Der notwendige nächste Schritt wäre, eine linke Subjektposition für den Kampf unter den absehbaren Bedingungen technisch erweiterter staatlicher Kontrolle zu finden.

Olaf Arndt: Unterdeutschland. Verlag Mox und Maritz, Bremen 2020, 520 Seiten, 19,80 Euro

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