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Aus: Ausgabe vom 30.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Folk

Anderer Leute Schmerz

Die Kompilation »Straight Outta Caledonia« erinnert an den tollen schottischen Folkmusiker Jackie Leven
Von Frank Schwarzberg
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Ewiger Geheimtip: Jackie Leven

Es regnet, und ich bin an der Nordsee. Beste Voraussetzungen, um an Jackie Leven zu erinnern, diesen in jeder Beziehung Larger-than-life-Songwriter aus Schottland, der vor fast zehn Jahren mit 61 starb – am verdammten Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Er liebte den Regen und das Meer, und wenn beides zusammen einen passenden Anlass ergab, den Tag im Pub zu verschwenden, um so besser. Leven liebte die Menschen und kannte den Schmerz. Der Schmerz, Bars, Regen und das Meer bilden, poetisch veredelt, die Eckpfeiler der melancholischen Geschichten und Porträts in seinen Songs.

»Standing in Another Man’s Rain« heißt einer dieser Songs, in ihm wimmelt es von verletzten Frauen, von verständnislosen oder unverstandenen Männern. Der »rain« im Song bezeichnet eine kaum fassbare existentielle Verlorenheit, die notdürftig mit »ice-cold beer« in »Hamburg« und »some more French wine« in einem »train from Oslo to Bergen« betäubt wird. Er reimt sich auf »North Sea pain«.

»Manchmal glaube ich, mein Problem ist, ich bin zu empfänglich für anderer Leute Schmerz«, sagte er dem britischen Musikjournalisten Graeme Thomson 2007: »It really breaks me up.« Im Herzen sei er Sozialist, verriet er Rembert Stiewe in einer in der WDR-Mediathek auffindbaren »Rockpalast«-Folge von 2004. Er führte dies auf sein Aufwachsen in »a communist town in Scotland«, Kirkcaldy »in the kingdom of Fife«, zurück. Aber explizit politisch zu schreiben interessierte ihn nicht – Politik war ihm zu »unsexy«.

Levens Mutter war Romnja; »Gypsy Blood« (1979) heißt eine von insgesamt vier LPs, welche die Punk-New-Wave-Band Doll By Doll mit Leven als Frontmann aufnahm. Hawkwind, für die sie damals als Vorband auftraten, feuerten sie mitten in der Tour, weil sie Levens Truppe als »zu einschüchternd« empfanden.

Dann kam das Jahr 1983. Leven wurde in London überfallen, dabei fast getötet und verlor für zwei Jahre die Stimme. Er wurde depressiv, verfiel dem Heroin. Schließlich gewann er Stimme und Kontrolle über sein Leben zurück. Seine in den 90ern gestartete Solokarriere zählt mehr als 400 Songs und zahlreiche Alben, zu einem Großteil gespeist aus den zwei Jahren ohne Sprache, in denen er, wie er Stiewe sagte, »zu einer Kamera wurde«.

Als Einstieg für Neugierige (wer ihn kennt, hat eh alles) erscheint jetzt »Straight Outta Caledonia – The Songs of Jackie Leven«, eine Kompilation mit zehn Songs und einem langen Essay des Schriftstellers Ian Rankin im Booklet. Fans wird die Sammlung an Levens Liveauftritte in Deutschland erinnern, wo er ein loyales Stammpublikum hatte.

Im Mai 2010 sah ich ihn das letzte Mal: in Dortmund, zusammen mit seinem treuen, kongenialen Keyboard-Partner Michael Cosgrave. Zu hören gab es die so vertrauten, schwingenden Melodien, die sensiblen Texte, seinen wohltönenden Bariton, unprätentiöses, gleichwohl sehr gekonntes und raumgreifendes Gitarrenspiel. Ein Erlebnis.

»Ich verstehe nicht, warum er nicht bekannter ist«, schreibt Rankin. Eine sehr gute Frage.

Jackie Leven: »Straight Outta Caledonia – The Songs of Jackie Leven« (School Daze/Night School Records)

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