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Aus: Ausgabe vom 30.07.2021, Seite 5 / Inland
Mangelnder Katastrophenschutz

Der große Knall

Zwei Tote bei Chemieunglück: Im Leverkusener »Chempark« explodiert Tanklager einer Sondermüllverbrennungsanlage
Von Jan Pehrke
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Pures Gift: Schwarze Rauchsäule über dem Industriegebiet (Leverkusen, 27.7.2021)

Es war weithin sicht- und hörbar: Am Dienstag morgen ereignete sich auf dem Gelände des Leverkusener »Chemparks« eine Explosion, die zwei Menschenopfer forderte. Ein Beschäftigter schwebt in Lebensgefahr, 30 weitere wurden verletzt, zum Teil schwer. Einige mussten mit schweren Verbrennungen in eine Kölner Spezialklinik eingeliefert werden. Fünf Belegschaftsangehörige gelten als vermisst. Die Chance, dass sie noch leben, ist gering.

Die Detonation ereignete sich in dem Tanklager der Sondermüllverbrennungsanlage, in dem die Produktionsrückstände von Bayer, Lanxess und anderen auf dem Industrieareal ansässigen Firmen gesammelt werden, ehe sie in die Brennöfen kommen. Die drei hochgegangenen Tanks enthielten nach Angaben des »Chempark«-Betreibers Currenta neben Substanzen wie Wasser- und Lösungsmittelgemischen auch chlorierte Kohlenwasserstoffe, die das Nervensystem, Leber, Niere, Herz und Atemwege schädigen können. Sofort nach dem großen Knall entstand ein Brand. Die Feuerwehr arbeitete fieberhaft daran, die Flammen nicht auf einen vierten Tank mit 100.000 Litern hochentzündlicher, giftiger Abfallstoffe übergreifen zu lassen, was ihr letztlich gegen Mittag gelang.

Die Messgeräte des Geologischen Dienstes schlugen noch in 40 Kilometern Entfernung von der Unglücksstelle aus, eine solche Kraft hatten die Druckwellen. Eine Rauchsäule mit giftigen Stoffen stieg kilometerhoch. Die Behörden reagierten mit einer Warnmeldung der Kategorie »extreme Gefahr«. Die nächsten Wohnhäuser stehen noch nicht einmal einen Kilometer von dem »Entsorgungszentrum« entfernt. Neue Anlagen dürfen nach den Maßstäben der Seveso-III-Richtlinie gar nicht mehr so dicht an Siedlungen heranreichen. Die schreibt einen Abstand von mindestens 1.500 Metern vor.

Die Feuerwehr mahnte eindringlich, nicht in Kontakt mit den niedergehenden Rußpartikeln zu kommen und verschmutzte Gegenstände nicht selbst zu reinigen. Die Flocken erreichten teilweise Erbsengröße und fraßen sich durch die Schutzschicht von Autolacken. Das Landesumweltamt machte krebserregende Substanzen wie Dioxin, PCB und Furane in dem »schwarzen Regen« aus, wollte allerdings einen detaillierten Aufschluss über die Zusammensetzung erst nach einer genaueren Analyse geben. Es wiegelte ab nach der Devise: »Die Dosis macht das Gift.« Zur genauen Unfallursache wusste die Currenta noch nichts zu sagen. Die Untersuchungen liefen noch, hieß es. Die Kölner Staatsanwaltschaft hat unterdessen Ermittlungen gegen Unbekannt wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung und fahrlässiges Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion eingeleitet.

Wenig bekannt: Bereits in den Wochen zuvor hatten sich auf dem Areal des »Chemparks« zwei Störfälle »mit Produktaustritt« ereignet. Am 17. Juni gelangte Phosphortrichlorid ins Freie. Zwei Beschäftigte wurden dabei verletzt, einer von ihnen schwer. Auch im Entsorgungszentrum selbst war es immer wieder zu Zwischenfällen gekommen. Ein Beispiel: Im November 2012 waren rund sieben Kubikmeter der ätzenden Chemikalie Benzylchlorid entwichen.

Die erste Vorrichtung zur Sonderabfallverbrennung entstand 1967, die zweite 1976. Erbaut hat sie der Bayer-Konzern, der das ganze Gelände lange Zeit exklusiv nutzte. Später ging er dazu über, freiwerdende Flächen anderen Firmen anzubieten und eine eigene Gesellschaft für das Management des nunmehrigen »Chemparks« zu gründen: die Bayer Industry Services. Aus diesen wurde dann später die Currenta, an welcher der Global Player bis vor zwei Jahren 60 Prozent der Anteile hielt. Die übrigen 40 Prozent besaß seine ehemalige Kunststofftochter Lanxess. 2019 veräußerten beide Unternehmen ihre Beteiligung an die australische Investmentbank Macquarie, genauer: an MIRA, den Infrastrukturfonds des Geldhauses. Ein langfristiges Engagement stellte dieser nicht in Aussicht. »Wir gehen von einer Haltedauer von zehn bis zwölf Jahren aus«, so Deutschland-Chef Hilko Schomerus damals. Katastrophenschutz in den Händen von Finanzmaklern also. Den Leverkusener Multi beunruhigte das nicht. »Bayer erklärte auf Anfrage, man gehe davon aus, dass sich an den Sicherheitsstandards nach dem Verkauf nichts geändert habe«, vermeldete kürzlich die Rheinische Post. Und auch die Currenta versicherte, die Schutzmaßnahmen seien »nie heruntergefahren worden«.

Aber offensichtlich reichten schon die bestehenden nicht aus. »Dieser Beinahe-GAU zeigt einmal mehr, welche Gefahr von Produktion und Entsorgung chemischer Stoffe ausgeht, wenn diese der Profitmaximierung dienen«, konstatierte jüngst die Initiative »Coordination gegen Bayer-Gefahren«.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (29. Juli 2021 um 22:56 Uhr)
    Was heißt Beinahe-GAU? Wenn unbekannte Mengen an Dioxinen und PCB kilometerweit verteilt werden, ist das ein GAU. Beinahe-GAU nur deshalb, weil die Leute in der Umgebung nicht sofort tot umfallen? Man muss Bayer schon nachsehen, dass die Schutzmaßnahmen nicht heruntergefahren werden mussten, um so miserabel zu sein, wie sie sind. Wie sollte der Konzern sonst die Rücklagen für Glyphosat-Prozessvergleiche bereitstellen können? Durch Verzicht auf Profit bestimmt nicht.

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