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Aus: Ausgabe vom 30.07.2021, Seite 2 / Inland
Pandemie und Schule

»Die Versäumnisse sind nicht nur coronabedingt«

Angst vor Infektionen: Unruhe bei Schülern, Lehrern und Eltern vor Unterrichtsbeginn in Brandenburg am 9. August. Ein Gespräch mit Günther Fuchs
Interview: Gitta Düperthal
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Lehrerin und Schüler in einer Oranienburger Schule (21.1.2021)

Der Schulbeginn in Brandenburg am 9. August naht. Lehrerinnen, Schüler und Eltern blicken dem Schulstart mit Unruhe entgegen. Hat die Politik angesichts wieder steigender Coronainfektionszahlen in den Schulen ausreichend vorgesorgt?

Wenn die Schulen jetzt wieder öffnen, wird es vermutlich wieder Infektionsgeschehen geben. Viele Lehrkräfte sind geimpft. Das ist gut so, auch um die anderen zu schützen. Die Teststrategie muss fortgesetzt werden. Im Herbst wird die Lage wohl erneut schwierig. Die Pandemie ist nicht vorbei, die vergangenen Monate wurden nicht wirklich genutzt, um die Schulen sicherer zu machen. Luftfilter sind wichtig, werden aber voraussichtlich nicht schnell zur Verfügung stehen. Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte werden wieder in Quarantäne müssen.

Wie bewerten Sie es, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) für Kinder und Jugendliche keine Impfempfehlung ausgesprochen hat?

Erziehungsberechtigte werden sich von Ärzten beraten lassen und für ihre Kinder entscheiden müssen. Die Stiko spricht nur für über 16jährige die Empfehlung aus. Die Impfung ist insgesamt ein Angebot. Wir haben sehr dafür geworben, dass Erzieherinnen und Lehrer es in Anspruch nehmen. Es gibt keine Impfpflicht. Es gibt Maßnahmen wie Masken und Abstand. Das eigentliche Problem ist aber: Wir werden wieder in sehr volle Klassen kommen, also in dieselbe Situation wie vor der Pandemie. Der Schnitt liegt in Brandenburg bei 22 Schülerinnen und Schülern. In der Uckermark sind es nur etwa 17 Schülerinnen und Schüler, in anderen Regionen aber ungefähr 30. Wir bräuchten kleinere Klassen und Lerngruppen; mehr Zeit für die Schülerinnen und Schüler, um soziale Defizite und in der Pandemie entstandene Lernrückstände auszugleichen. Nur so können Fehlentwicklungen der vergangenen Zeit aufgeholt werden. Wir brauchen mehr Lehrkräfte, mehr sozialpädagogische und therapeutische Kompetenz. In Brandenburg gibt es auf 10.500 Schülerinnen und Schüler nur einen Schulpsychologen! Als Lehrkräfte wird man Quereinsteiger einstellen müssen, die für den Unterricht nicht genügend ausgebildet sind. Die Eltern sind nicht nur wegen der Auswirkungen der Pandemie besorgt, sondern auch wegen der Lernbedingungen.

Hat die von SPD, CDU und Grünen gebildete Brandenburger Landesregierung nicht genug vorgesorgt?

Die Versäumnisse in der Schulpolitik sind nicht nur ­coronabedingt. Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es zu volle Klassen und überbordende Lehrpläne. Die Pandemie macht dies wie unter einem Brennglas sichtbar. Die Landesregierung in Brandenburg ist, was lang- und mittelfristige Lösungen betrifft, ähnlich schlecht aufgestellt wie die in anderen Bundesländern auch. Wir brauchen mehr Räume und Lehrpersonal. Kindgerechtere Schulen müssen geschaffen werden. Klar gilt es, dafür zu sorgen, dass die Schulen offenbleiben und gesichert sind. Wichtig ist aber auch, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, um soziales und kognitives Lernen zu optimieren. Das ist eine Herkulesaufgabe.

Was ist speziell in Brandenburg das Problem?

Im sogenannten Speckgürtel von Berlin gibt es übervolle Klassen mit etwa 30 Kindern. Nun baut dort auch Tesla, es gibt weiter Zuzug von jungen Familien. In diesen Klassen wird das Infektionsgeschehen hochgehen. Trotzdem stellt man mit diesen vollen Klassen die alte Normalität einfach wieder her. Auch dort wollen Kinder in kleinen Gruppen unterrichtet werden. Außerdem gibt es Schwierigkeiten, Lehrkräfte zu motivieren, etwa in die Uckermark, die Lausitz oder nach Rathenow zu kommen. Wir brauchen einen Aufbruch. Den kann ich bei dieser Landesregierung nicht feststellen.

Es geht also nicht nur darum, Wechselunterricht während der Pandemie einzurichten?

In vollen Klassen ist das Risiko hoch, dass es wieder zu Schulschließungen kommt. Wechselmodelle sind eine hohe Belastung für alle Beteiligten, nicht nur wegen des sogenannten Homeschoolings. Aus der Pandemie können wir grundsätzlich lernen. Je kleiner die Klassen, desto effektiver wurde gelernt. Da sollten wir ansetzen. Es braucht grundsätzlich mehr Lehrkräfte, es muss mehr ausgebildet werden.

Günther Fuchs ist Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in ­Brandenburg

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