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Aus: Ausgabe vom 29.07.2021, Seite 8 / Ansichten

Rassisten des Tages: Ganz viele Deutsche

Von Emre Sahin
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Augenkrebs bei einem dubiosen Feiertag im Oktober in Hoppegarten

Das Geschäft mit den Motivationscoaches boomt: Überall gibt es Workshops, die unter Phrasen wie »Vom Müssen zum Wollen« laufen. Teilneh­merinnen und Teilnehmer rufen dann im Chor: »Ich bin ein Gewinner!« und fühlen sich – schwupps! – wie Popeye nach dem Spinatessen, nur um nach zwei Tagen wieder der oder die alte zu sein. Ganz selten schaffen es einzelne vielleicht im Anschluss des Seminars nach Thailand und streicheln einen Tiger oder so.

Schon länger werden diese Coaches kritisiert, Pseudowissenschaften zu betreiben. Nun hat auch Patrick Moster, Sportdirektor des Bunds Deutscher Radfahrer, der Branche keinen Gefallen getan. Am Mittwoch rief er bei den Olympischen Spielen Radprofi Nikias Arndt zu: »Hol die Kameltreiber, hol die Kameltreiber, komm!« Damit meinte er zwei Sportler aus Eritrea und Algerien, die sich vor Arndt befanden. Nach Kritik gab Moster zu Protokoll, er habe unter Stress gestanden und wollte Arndt motivieren. Aha.

Auf Twitter machen sich allerlei Nutzer über den Funktionär lustig. Doch es soll sich hier nicht an Individuen abgearbeitet werden, die wie Moster oder Jens Lehmann beim Rassistischsein ertappt worden sind und sich dann »aufrichtig« entschuldigen, um ihre Jobs zu behalten. Alle paar Wochen kommt es zu einem größeren Rassismuseklat, alle paar Stunden findet er anonym auf der Straße statt.

Etwa »Racial Profiling« durch Bullen, die fragen, ob das »tatsächlich« mein Fahrrad sei. Oder eher banal durch Bekannte, die immer noch glauben, es sei ein Lob, uns zu sagen, dass wir »integriert« und »nicht wie die anderen« seien. »Wie die anderen« bedeutet z. B., im Jogginganzug im Wettbüro (bin ich aber auch, nur habe ich länger nichts gewonnen). Nur ein Tip: Zweimal überlegen vor dem Sprechen. Dann können auch wir Nichtweißen vielleicht mal sagen: »Mensch, Achim. Du sprichst aber gut Deutsch.«

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  • Leserbrief von Marco aus St. Ingbert ( 3. August 2021 um 00:54 Uhr)
    Die Überschrift und das Foto zu dem Artikel – Deutschland-Fahnen, versehen mit der Bildunterschrift »Augenkrebs (...)« – halte ich für unpassend. Es wird die Nachricht transportiert, wer sich positiv zu Deutschland bekennt (nur durch Schwenken einer schwarz-rot-goldenen Fahne) ist ein Rassist/Nationalist. Dabei haben viele Menschen der Arbeiterklasse nicht die Möglichkeit, ein kosmopolitisches Leben zu führen (bzw. sie wollen das auch nicht). Sie sind in ihrer Heimat verwurzelt, was zu einem positiven Bezug führt, der nicht automatisch rassistisch/nationalistisch sein muss. Für viele ist das Bekenntnis zum eigenen Land außerdem ein Ausdruck dafür, dass hier Demokratie stattfindet (bzw. stattfinden sollte). Damit haben sie nicht unrecht, denn Demokratie braucht ein »Demos« (griechisch Volk), eine klar definierte demokratische Körperschaft. Die Frage, die gestellt werden muss, ist, in welchem Deutschland wollen wir leben? Einem sozialistischen und antifaschistischen, das Frieden und Arbeit garantiert? Oder einem kapitalistischen Deutschland, in dem der Staat im Interesse des Monopolkapitals handelt? Ich halte es für einen schweren politischen Fehler, das Thema Heimat den Rechten kampflos zu überlassen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (29. Juli 2021 um 12:28 Uhr)
    Schönes Beispiel: Bei einer mutmaßlichen versuchten Vergewaltigung in Leer wird in allen Berichten zu dem Vorfall, die ich stichprobenartig durchgesehen habe, erwähnt, dass es sich bei den Verdächtigen um Syrer und Iraker handelt. Bei den seriöseren Medien erwähnt man es immerhin erst beiläufig weiter unten im Artikel und schreibt es nicht in die Schlagzeile. Bei der Meldung, dass im Falle der getöteten Bianca S. (der Leichenfund im Bunker in Oranienburg) der Exfreund des Opfers festgenommen wurde, musste ich erst einige Recherchearbeit investieren, um etwas über den ethnischen Hintergrund des mutmaßlichen Täters zu finden. Es wird nirgends erwähnt, aber in einem Artikel wurde immerhin sein sehr »biodeutsch« klingender Name erwähnt, so dass man es sich dann selbst zusammenreimen kann. Und da soll man sich noch wundern? Wenn (nur) Kriminalität von Nichtdeutschen ständig mit ethnischer Herkunft in Verbindung gesetzt wird? Da muss man nun wirklich kein Fachmann sein, um zu verstehen, dass das eine Form von Konditionierung ist, dass den Leuten da beigebracht wird, bei »Iraker« oder »Syrer« an »Vergewaltigung« und »Messermord« zu denken. Es ist ohnehin skandalös, »dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten« (Zitat Pressekodex) mittlerweile völlig gang und gäbe ist, obwohl das eigentlich nur gemacht werden soll, wenn ein »begründetes öffentliches Interesse« besteht. Dass man mittlerweile gänzlich darauf sch..., ist ganz offensichtlich ein Zugeständnis an die rassistischen »Lügenpresse«-Schreier, in der irrigen Annahme, man würde somit diesen Ressentimentschürern den Wind aus den Segeln nehmen, weil die ja dann nicht mehr behaupten können, die Presse würde »Ausländerkriminalität« verschweigen. Klasse! Die müssen mittlerweile auch gar nicht mehr selber die Ressentiments schüren, das übernehmen die vermeintlich seriösen (Mainstream-)Medien für sie.
  • Leserbrief von Raimon Brete aus Chemnitz (29. Juli 2021 um 10:06 Uhr)
    Mit großer Freude verfolge ich die Olympischen Spiele und habe vor den Leistungen der Sportlerinnen und Sportler aus der ganzen Welt Hochachtung. Mit Bestürzung habe ich die begleitende Äußerungen von Herrn Moster, Funktionär des Sportbundes, an der Rennstrecke vernommen. Blanker Rassismus und zutiefst menschenverachtend. Seine spontanen und emotionalen Äußerungen lassen auf ein verfestigtes strukturelles rassistisches Denken dieses Mannes schließen. Aus Gedanken werden Worte und aus Worten Taten. Im Interview gab sich DOSB-Präsident Hörmann mit der »billigen« und formalen Entschuldigung zufrieden und wollte keine Konsequenzen daraus ziehen. Da haben aber sowohl Sportler als auch viele Menschen energisch widersprochen und den DOSB zum Handeln »getragen«, also moralisch gezwungen. Der BDR-Präsident Scharping will noch bis nach den Spielen über mögliche Reaktionen und vielleicht über Maßnahmen nachdenken. Welche den Rassismus tolerierende Offenbarung eines Sportfunktionärs und SPD-Politikers! Rassismus beginnt im Alltag, und dem muss rasch sowie entschieden begegnet, er darf nicht durch Nichtstun befördert werden. Schnelles, angemessenes und deutliches Handeln ist angesichts der Rechtsentwicklung in Deutschland dringend notwendig!
  • Leserbrief von Katinka aus Berlin (28. Juli 2021 um 21:56 Uhr)
    Super Text, klasse Titel! Die Beschreibung des sogenannten Alltagsrassismus trifft. Warum gibt es diese Bezeichnung, »Alltagsrassismus«? Rassismus und Diskriminierung dürfen nichts Alltägliches sein!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ralf S. aus Gießen (28. Juli 2021 um 19:59 Uhr)
    Stand jetzt, früher Abend am Mittwoch, kommt der sogar damit durch. Die DOSB-Führung hat sich mit einem Gespräch zufrieden gegeben und glaubt, dass er im kommenden Turnierverlauf nicht weiter in ähnlicher Weise auffallen werde. Ja, ach! Natürlich wird er sich jetzt hüten und sein rassistisches Vokabular im Zaun halten, das ihm ja offensichtlich ohne jede Hemmung von den Lippen kam, immerhin hat er es nicht nur einmal gesagt, wo ihm danach – ach, der Arme! Er stand ja so unter Stress – vielleicht hätte gewahr werden können, was er da gerade gesagt hat, nein, völlig natürlich kam es ihm zweimal von den Lippen, und ich bin fest davon überzeugt, dass er bis zu dem Zeitpunkt, als ihm jemand sagte, dass er sich aber ordentlich in die Scheiße gesetzt hat, keinen einzigen Gedanken daran verschwendet hat, dass er da was Bedenkliches von sich gegeben hatte. Und dann das Bedauern und die Entschuldigung, die sich ziemlich unverhohlen so liest, dass nicht die Äußerung das Problem war, sondern nur, dass blöderweise ein Mikro in der Nähe war und er dabei ertappt wurde. Er meinte ja, so was »dürfe nicht passieren«, ja in der Tat, es sollte nicht passieren, dass sich der eigene Rassismus in so ekelhaft vulgärer Art und Weise vor aller Welt offenbart, wo man doch ansonsten, wenn man »unter sich ist« nicht immer so »politisch korrekt« sein muss und die »Neger« halt auch mal Neger und die »Kameltreiber« Kameltreiber nennen darf. Und seine Rechtfertigung, er wisse gar nicht, wie das passieren hat können, so als sei ihm derlei Vokabular zuvor völlig fremd gewesen, ist der typische, sich nicht mit dem eigenen Rassismus befassen wollende Reflex der Mehrheitsdeutschen, den man ansonsten, aufs Kollektiv bezogen, beobachten kann, wenn in Hanau z. B. Mitmenschen nichtdeutscher Herkunft ermordet werden und man sich auch einig ist, dass das keine Ursachen irgendwo hat, es ist eine Anomalie, ein einzeltäterischer Deutscher, mit dem alle anderen Deutschen und die Gesellschaft nichts zu tun haben.
    • Anmerkung der jW-Redaktion (29. Juli 2021 um 09:36 Uhr)
      Stand Donnerstag morgen: Der Sportchef muss die Spiele vorzeitig verlassen. (jt)

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