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Aus: Ausgabe vom 29.07.2021, Seite 7 / Ausland
Proteste in Kolumbien

Abschiebung nach Attentat

Deutsche wird aus Kolumbien ausgewiesen – wenige Tage nach einem Tötungsversuch, der ihrer Person galt
Von Frederic Schnatterer
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Cali, das Zentrum der Proteste in Kolumbien, ist gleichzeitig das Zentrum der Repression (29.5.2021)

Die Deutsche Rebecca Sprößer, die sich im kolumbianischen Cali an den Protesten gegen die Regierung beteiligt hatte, ist am Dienstag (Ortszeit) aus Kolumbien ausgewiesen worden. Das erklärten die zuständigen Behörden des Landes, die den Schritt damit rechtfertigten, dass sich die 34jährige an Aktionen beteiligt habe, »die nichts mit ihrem Status als Touristin zu tun hatten und die öffentliche Ordnung beeinträchtigten«. Zudem dürfe Sprößer während der Dauer der Sanktionierung nicht mehr nach Kolumbien einreisen, so die kolumbianische Migrationsbehörde. Der TV-Sender RCN zeigte Bilder von Sprößer in Begleitung von Migrationsbeamten am internationalen Flughafen der Hauptstadt »El Dorado«, wo sie in einen Flieger nach Deutschland gesetzt wurde. Die Tageszeitung El Espectador berichtete, die deutsche Botschaft in Bogotá habe die Ausweisung bestätigt.

Erst am Donnerstag hatte die Aktivistin ein Attentat in Cali überlebt, wie sie am Freitag über ihr Facebook-Profil bekanntmachte. Ein Angreifer habe auf sie und einen Freund aus kurzer Distanz geschossen, »bis seine Waffe keine Munition mehr hatte«. Der Begleiter, der vor Sprößer gesessen habe, habe ihr das Leben gerettet, wurde jedoch selbst durch insgesamt 13 Kugeln – darunter drei in den Kopf und mehrere in die Brust – schwer verletzt. Es sei eindeutig, dass es sich bei dem Angriff nicht um einen Raubüberfall gehandelt habe: »Das war ein Attentat mit dem Ziel, zu töten«. Bereits zuvor war in sozialen Medien zum Mord an Sprößer aufgerufen worden, per Telefon wurde ihr gedroht.

Die Aktivistin, die laut Medienberichten am 15. März nach Cali gekommen war, um Urlaub zu machen, blieb in der südwestkolumbianischen Stadt, die sich ab dem 28. April zum Zentrum der landesweiten Protestbewegung gegen die rechte Regierung unter Präsident Iván Duque entwickelte. Dabei dokumentierte sie die brutale Polizeigewalt, insbesondere gegen Mitglieder der sogenannten ersten Linie (»Primera Línea«), die an Blockadepunkten im gesamten Stadtgebiet den Selbstschutz vor Übergriffen der Einsatzkräfte organisierten. Die Videos und Interviews verbreitete sie in sozialen Medien. Seit mittlerweile drei Monaten demonstrieren in Kolumbien landesweit Tausende für bessere Arbeitsbedingungen, ein gerechtes Rentensystem, den Schutz von Menschenrechtsaktivisten und für ein Ende der staatlichen Repression.

Wie RCN Radio berichtete, erfolgte die Verhaftung von Sprößer am Dienstag abend vor den Räumlichkeiten der Stiftung »Solidaritätskomitee für die Gefangenen«. Dort habe die Aktivistin Gespräche zu dem auf sie verübten Attentat geführt, erklärte Walter ­Agredo, Mitglied der Stiftung. »Als wir aus dem Gebäude kamen, wurde sie von Beamten der Migrationsbehörde angesprochen«, so Agredo weiter. Dann sei sie festgenommen worden.

Vor allem in den vergangenen Wochen hatten kolumbianische Medien vermehrt über die Aktivistin berichtet. In einem Interview von Anfang der vergangenen Woche – nur drei Tage vor dem Attentat auf Sprößer – beim regierungsnahen Radiosender La FM stellte der Journalist Luis Carlos Vélez die 34jährige als Gewalttäterin dar und erklärte unter anderem, es sei »sehr bedenklich, dass Leute wie Sie in mein Land kommen, um das zu tun, was sie in ihrem Land nicht tun können«.

Der deutsche Botschafter in Kolumbien, Peter Ptassek, hatte Ende der vergangenen Woche auf Twitter erklärt, er beobachte die Situation rund um Sprößer »mit Sorge«. In der Folge des Attentats sei Kontakt zu der Aktivistin aufgenommen worden. Zu ihrer Abschiebung äußerte sich die Botschaft bis jW-Redaktionsschluss hingegen nicht. Anders eine Vielzahl an Aktivistinnen und Aktivisten, die Sprößer in den sozialen Netzwerken für ihre Arbeit in Cali dankten. Auch Gustavo Petro, linker Senator und ehemaliger Präsidentschaftskandidat des Bündnisses »Menschliches Kolumbien«, verurteilte ihre Ausweisung, die er als »einer Diktatur würdig« bezeichnete.

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