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Aus: Ausgabe vom 28.07.2021, Seite 5 / Inland
Werksdemontage

Streik abgesagt

Vitesco: IG Metall Mitte hält Tarifpaket beim Autozulieferer für »vertretbar«
Von Oliver Rast
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Haben viele längst verloren, teils auch in die Verhandlungsführung der Gewerkschaften

Nach zähem Ringen steht fest: Der thüringische Standort Mühlhausen des Automobilzulieferers Vitesco wird dichtgemacht. Nicht sofort, indes spätestens bis Ende 2024. Und der Betrieb im hessischen Bebra soll bis 2025 komplett umgemodelt werden. Vom eigenständigen Produktions- und Entwicklungsstandort zum Herstellungsbetrieb für Bauteile elektromobiler Antriebstechnik. Das ist das vorläufige Verhandlungsergebnis der IG Metall (IGM) Mitte in der finalen Gesprächsrunde mit der Spitze der Continental-Tochter, das am Montag bekannt wurde.

Über den Abschluss werden die Gewerkschaftsmitglieder erst noch befinden müssen. Sowohl über den gemeinsamen Sozialtarifvertrag für beide Standorte, als auch über den separaten »Tarifvertrag Perspektiven Mühlhausen«. Die IG Metall rechtfertigt die Übereinkunft so: Von den etwa 1.000 Arbeitsplätzen werden rund 200 vernichtet. Ursprünglich wollte die Unternehmensführung die Hälfte der Belegschaft loswerden. »Der beabsichtigte Personalabbau«, so die IGM in einer Pressemitteilung am Montag, »soll über Altersteilzeit und eine vorübergehende Arbeitszeitabsenkung mit einem Teilentgeltausgleich durch den Arbeitgeber weitestgehend sozialverträglich gestaltet werden.«

Jörg Köhlinger, Leiter der IGM Mitte, bedauerte in der Mitteilung, dass Vitesco nicht bereit gewesen sei, den Betriebsteil in Thüringen zu erhalten. »Ohne das Ergebnis beschönigen zu wollen, halte ich das erzielte Tarifpaket aber für einen vertretbaren Kompromiss.« Der Schwerpunkt müsse nun die Suche nach einer Nachfolgelösung sein.

Die Gegenseite reagierte auf ihre Art, sperrig: »Mit dem Ziel, den Standort Bebra dauerhaft wettbewerbsfähig zu machen, müssen wir Synergien schaffen und Redundanzen vermeiden«, teilte Vitesco am Montag in einer Stellungnahme mit: »Dazu werden sämtliche operativen Aktivitäten auslaufen beziehungsweise sukzessive bis zum 31. Dezember 2024 von Mühlhausen nach Bebra transferiert.«

In Teilen der Belegschaft scheint es zu rumoren. Der Grund: Knapp 92 Prozent votierten im Vorfeld der letzten Verhandlungsrunde nach der Urabstimmung für einen Ausstand gegen die Demontagepläne der Bosse, für einen zeitlich unbefristeten wohlgemerkt. Und: Die Streikzelte waren vor den Werkstoren bereits aufgestellt, alles stand auf Sturm. »Hier werden wieder die Mitarbeiter über den Tisch gezogen«, empörte sich ein Gewerkschaftsaktivist auf dem Facebook-Account »Wir sind Conti«. Ein anderer erklärte hingegen, Gewerkschaft, Betriebsrat und Beschäftigte hätten »niemals komplett die Macht«, beispielsweise Produktionsverlagerungen oder Standortschließungen zu verhindern. Ihnen bliebe oft nur, »Einschnitte« zeitlich zu verzögern und den Preis hochzutreiben.

Das sieht Johann Kasimir, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, ähnlich. »Wir haben es geschafft, das Unternehmen doppelt in die Verantwortung zu nehmen«, wird er in den »Streiknachrichten«, einem Beschäftigten-Info, am Montag zitiert. Demnach gebe es »Haltelinien« bei der Arbeitsplatzvernichtung, und betriebsbedingte Kündigungen blieben eine absolute Ausnahme. Ob das die Beschäftigten überzeugt? Am Dienstag (nach jW-Redaktionsschluss) und am Mittwoch stimmen sie in zwei Teilbetriebsversammlungen über das IGM-Ergebnis ab.

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