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Aus: Ausgabe vom 28.07.2021, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Gefeuert wegen Schnelltests

Leipzig: Pizzakette Domino’s entlässt Lieferfahrer. Er hatte gewerkschaftliche Forderung nach Gesundheitsschutz initiiert
Von Benjamin Kirchhoff
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Dauereinsatz: Sollen schnell und zuverlässig sein, Infektionsschutz stört da nur

Der Pizzaservice »Domino’s« hat in der Coronakrise enorm profitiert. Da alle Restaurants während des Shutdowns geschlossen wurden, konnte das Unternehmen auch in der Messestadt expandieren. Allein in Leipzig betreibt die Domino’s Effekt GmbH jetzt acht Pizzabäckereien, eine ist sogar die größte der Kette in Deutschland. Insgesamt arbeiten für die Franchisenehmer Peter Plaschke und Daniel Willing bis zu dreihundert Beschäftigte.

In der Filiale Leipzig-Süd hatten Aaron Schmidt (Name geändert) und seine Kollegen während der Coronakrise mit Hilfe der Basisgewerkschaft Freie Arbeiterinnen und Arbeiter-Union (FAU) eine Betriebsgruppe aufgebaut, um für den lebensnotwendigen Schutz vor den neuartigen Viren mobil zu machen. »Wir haben monatelang nach Schnelltests gefragt. Das wurde ignoriert«, so der ehemalige Fahrer am Dienstag gegenüber jW. Daraufhin organisierten sie im Mai dieses Jahres eine Unterschriftensammlung und reichten sie bei der Geschäftsführung ein. Zwei Tage später erhielt Schmidt seine Kündigung. »Ich habe mich weggeworfen gefühlt«, so beschreibt der Lebensmittelausfahrer seine erste Reaktion auf die Entlassung.

Der Exrider hatte schon früher arbeitsrechtliche Nachfragen an seinen Storemanager gerichtet. »Unsere Einschätzung ist, dass ich als Rädelsführer identifiziert wurde und dass so versucht wurde zu zeigen, dass man sich nicht organisieren sollte«, bekräftigte der Gewerkschaftsaktivist. Er spricht von Union Busting, also von Methoden der systematischen Bekämpfung einer betrieblichen Organisierung. »Die Geschäftsleitung wusste nicht, dass es eine Betriebsgruppe gibt. Aber sie hat gemerkt, dass sich etwas entwickelt. Ich denke, dass mit der Kündigung weiteres verhindert werden sollte«, so Schmidt, der künftig studieren wird. Zu diesen Vorwürfen wollte sich Firmeninhaber Peter Plaschke auf Nachfrage der jW nicht telefonisch äußern.

Der Storemanager hatte die Kündigung lapidar mit »betrieblichen Gründen« gerechtfertigt. Schmidt bezweifelt diesen Kündigungsgrund, denn »2020 war für das Unternehmen ein erfolgreiches Jahr«. Am kommenden Montag wird die Kündigungsschutzklage des früheren Fahrers, der Hilfe von einem Gewerkschaftsanwalt erhält, vor dem Arbeitsgericht Leipzig gegen seinen ehemaligen »Arbeitgeber« verhandelt. Klar ist: »Ich möchte da weiterarbeiten. Ich habe die komplette Pandemie da gearbeitet. Es ist nicht einzusehen, dass man nach minimalsten Forderungen einfach so ausgetauscht wird.«

Der geschasste Pizzaauslieferer geht davon aus, dass sein ehemaliger Storemanager von den Geschäftsführern die Order bekam, nach der Unterschriftenliste an ihm ein Exempel zu statuieren. Denn seine Arbeitsleistungen seien »vorbildlich« gewesen. »Ich mache meinen Job gerne. Ich war in der Woche vor meiner Entlassung der zweitschnellste Fahrer. Und als einer der Dienstältesten habe ich viele neue Kollegen angelernt.«

Die Betriebsgruppe stehe bei der Verhandlung geschlossen hinter ihrem Kollegen, bestätigt auch der Gewerkschaftssprecher Sören Winter. Die Kollegen fordern – unterstützt durch die FAU – von der Geschäftsleitung, keine weiteren Kündigungen auszusprechen. Außerdem sollten ausreichend Schnelltests während der Arbeitszeit zur Verfügung gestellt werden, die Rüstzeiten müssten bezahlt und der Urlaub allen Beschäftigten gewährt werden. Mehr noch: Die Arbeitszeit sollte nicht von der Leitung manipuliert und das Trinkgeld sollte solidarisch unter den Beschäftigten verteilt werden. Das seien alles Standards des deutschen Arbeitsrechts, die bei Domino’s systematisch untergraben würden, so Winter.

Die Betriebsgruppe sei in mehreren Stores vertreten und zu weiteren öffentlichen Aktionen bereit, wenn die Kündigung nicht zurückgenommen werde. Erst im Juni veranstalteten die Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Basisgewerkschaft eine Fahrraddemonstration mit 150 Teilnehmern im Umkreis der Domino’s-Filiale in der Leipziger Südvorstadt.

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