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Aus: Ausgabe vom 27.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Film

Sage und Humbug

»The Green Knight« von David Lowery ist so tiefsinnig wie Identitätspolitik: Die Symbole sind wenigstens alle gleichberechtigt hohl
Von Maximilian Schäffer
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Ritter ohne Rüstung, dafür aber mit Pferd und unrasiert: Dev Patel als Sir Gawain

Zu Weihnachten kommt nicht der Coca-Cola-Mann, auch nicht das Christkind, sondern der Grüne Ritter. Ein Riese mit baumartiger Rinde, der mit der Christenheit gerne unzüchtige Spiele spielt. Wem es gelingt, ihm einen Hieb zu versetzen, der bekommt seine mächtige Streitaxt. Nach einem Jahr aber, wieder am Weihnachtstag, muss derjenige denselben Hieb wiederum über sich ergehen lassen. Nach Regeln für Mutige spielen bekanntlich nur Übermütige – der liederliche Junggeselle Gawain ist so einer. Bislang hatte der nur Suff und Weiber im Kopf. Auf die Idee, ein Held zu sein, kam der Neffe des Königs nicht. Frage: Wann ist ein Mann ein Mann? Antwort: Wenn er dem Riesen den Kopf abschlägt. Ein Jahr vergeht, und Gawain muss zur Grünen Kapelle, Heimat des riesenhaften Waldschrats, um sich nach Maßgabe der Disziplin den Kopf abhacken zu lassen. Auf seinem Weg begegnet ihm allerhand Magie, und von dieser Reise also handelt »The Green Knight«.

Coming-of-Age ist in einem phantasmagorisch »woken« Mittelalter nicht weniger schwierig als in der realen Welt. Afroamerikanische Edelfrauen verdrehen einem den Kopf und gierige alte, klemmschwule Gastgeber wollen einem an die Wäsche. Verirrt im Wald trifft Gawain eine wunderschöne, eventuell heilige Jungfrau, die leider keinen Kopf, vielleicht nicht einmal einen Leib hat. Lust und Wahrheit stellen sich andauernd von selbst auf die Probe. Was Traum und was Wirklichkeit ist, was mittelalterliche Sage und was neuzeitlicher Humbug, lässt Regisseur und Drehbuchautor David Lowery den Zuschauer kaum ausmachen.

Wenn man so will, vermischt ­Lowery in seinem aktuellen Werk die Themenfelder seiner alten Filme. Für Disney führte der zu jenem Zeitpunkt erst 36jährige 2016 Regie bei dem Realfilm-Remake von »Elliot, der Drache« (Pete’s Dragon), dem Trickfilm von 1977 noch im Stil der allerletzten alten Schule der Disney-Studios. Ein Jahr später schlug Lowery mit »A Ghost Story« meditativ-übernatürliche Töne an. »The Green Knight« möchte nun allem voran eine sehr poetische Interpretation verschiedenster Stoffe aus diversen Mythenreservoirs sein. »Poetisch« heißt im Werbejargon der Filmwelt nichts anderes als »langweilig«. Vorgewarnt seien alle Fans von »Herr der Ringe« oder »Conan der Barbar«, weil 125 Minuten Länge bei diesem Film kein eher kurzweiliges Heldenepos, sondern »bildgewaltiges« Arthousekino bedeuten.

Ohrenbetäubend brüllt der Soundtrack im Sekundentakt Streicher, Chöre und Synthesizer durch den Raum. So wird dem Zuschauer die atmosphärische Intention einer jeden Szene mit der Dampfwalze vermittelt: Hier traurig sein! Da Angst haben! Da aufatmen! Drillübung für die Sinne, an der Hand durch die papierdünne Narration ins Kunstland. Was man nicht versteht, muss tiefsinnig sein, kann ja nicht sinnlos sein, hat man schließlich zehn Euro für bezahlt. So schöne Männer und Frauen mit verschiedenen Hautfarben, Frisuren, Kleidern, so wenig Platz für irgendeine Andeutung von Reflexion. Ein Film so tiefsinnig wie Identitätspolitik – Hauptsache, alle Symbole und Zeichen sind gleichberechtigt hohl.

Dev Patel (»Slumdog Millionaire«) spielt seinen trotteligen Möchtegernritter angenehm komisch. Schlechte Kunst stellt sich Slapstick zur Seite, damit die Dümmsten und die Schlausten gleichermaßen wenigstens ab und zu gekitzelt werden, während das geistige Mittelmaß von Kreuzworträtseln beeindruckt ist. Düstere Kulturlandschaft mit vier Buchstaben? Wald. Sexuelle Orientierung mit zwei? Bi. Gawain knutscht nach der Heiligen Winifred auch mal einen Mann, zwar nicht aus freiem Willen, aber es gefällt ihm dann doch. Regisseur Lowerys Vater war Theologe, der Sohn ist Atheist und Veganer. Soviel Rache muss sein.

Wer sollte sich »The Green Knight« anschauen, wenn es viel besser erzähltes Popcorn- und viel tiefgründigeres Intellektkino gibt? Liebhaber von Wagner-Opern sind gut beraten auf diesen Film nicht zu verzichten. Brachiale Musik, Herzschmerz und Phantasie, Kunst und Krempel in scheinbar endlosen Stunden selbst auferlegter Wichtigkeit treiben jedem Ring-Knecht die Tränen ins Auge. Mit etwas Abstand von der Leinwand lassen sich sogar Migräneepisoden und epileptische Anfälle vermeiden. Und die Moral von der Geschicht’? »Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen.«

»The Green Knight«, Regie: David Lowery, Irland, USA u.a. 2021, 125. Min., Kinostart: 29.7.

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