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Aus: Ausgabe vom 26.07.2021, Seite 15 / Politisches Buch
Linke in Italien

Nicht nur Glanzlichter

Durch die Brille der »neuen Linken«: Jens Renner über die Geschichte linker Politik in Italien
Von Christian Stache
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»Rotes Jahrzehnt«: Kundgebung streikender Arbeiter in Mailand (25.11.1970)

Dem Unterfangen, die Geschichte der italienischen Linken auf 150 Seiten unterzubringen, muss fast notwendigerweise ein Zug ins Anekdotische anhaften. Von der Gründung der Sozialistischen Partei Ende des 19. Jahrhunderts über die Kommunistische Partei Italiens, die Resistenza und die operaistische »neue Linke« bis zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 und zur »Bewegung der ›Sardinen‹« Ende 2019 – es gibt einfach zu viel zu berichten.

Folglich erhält der Leser in dem Buch des langjährigen Redakteurs der Monatszeitung Analyse & Kritik, Jens Renner, zumeist nur Kenntnis von den historiographisch einschlägigen Ereignissen einer bestimmten Epoche, den Namen und Positionen zentraler Protagonisten, Bewegungen und Parteien, denen der Autor jeweils einige Sätze zur politischen Einordnung beigestellt hat. Mehr ist nicht drin. Ob sich Geschichte allgemein und die der Linken Italiens speziell sinnvoll in einem solchen quasilexikalischen Stil erfassen lässt, sei dahingestellt. Als »Einführung« erfüllt der Band jedenfalls seinen Zweck. Er gibt einen Überblick. Der geschichtlichen Entwicklung folgend, liegt der Schwerpunkt bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf der sozialistischen und kommunistischen Parteiengeschichte. Bei der Behandlung der Nachkriegsgeschichte berücksichtigt der Autor die außerparlamentarischen Linken stärker.

Renner behandelt aber unter anderem auch die Entwicklung der 1991 gegründeten mosaiklinken Sammlungspartei Partito della Rifondazione Comunista, deren Niedergang er vor allem auf die wiederholte Tolerierung von und Beteiligung an »Mitte-Links«-Koalitionen zurückgeführt. »Wer regiert, verliert« – eine nicht zu überlesende Warnung an alle Freunde des »rebellischen Regierens« hierzulande. Renner seziert zudem mit Sachkunde den Zerfall der linken Parteien nach 1989/90 in opportunistische Rackets, linkssozialdemokratische und kommunistische Kleingruppen mit Parteienstatus, aber ohne jegliche Organisationsfähigkeit oder politische Macht.

Die sozialistischen und kommunistischen Parteien Italiens kommen bei Renner insgesamt nicht sonderlich gut weg. Das hat gewiss etwas mit der in der »Einleitung« angerissenen Biographie des Autors und seiner offenen Sympathie für die »neue Linke« Italiens zu tun. Aber eben nicht nur. Die nicht dem Namen, aber der Sache nach reformistische Nachkriegspolitik des PCI in der Ära Palmiro Togliatti, die eurokommunistische Linie der 1970er Jahre und der damit verbundene »historische Kompromiss« mit den Konservativen sind trotz aller großen Wahlerfolge bis in die 1980er Jahre hinein keine Glanzlichter linker Geschichte.

Positiv sticht Renners Lesart der Arbeiten Antonio Gramscis heraus. Im Gegensatz zu kulturalistischen Interpretationen, die von Intellektuellen der Bewegungslinken und akademischen Zirkeln in den vergangenen Jahrzehnten popularisiert worden sind, stellt er die »Gefängnishefte« als »eine Theorie von Staat und Revolution« in die Tradition des leninistischen Marxismus. Er kritisiert zu Recht, dass (nicht nur) die Eurokommunisten Gramsci als »wahren Inspirator ihrer Strömung« vereinnahmten.

Renner ist vor allem den außerparlamentarischen Bewegungen von Arbeitern und Studenten, den militanten Massenaktionen und den linksradikalen Organisationen in der Folge des »›langen Jahres‹ 1968« und im anschließenden »roten Jahrzehnt« gewogen. Im Zentrum der Darstellung steht hier die operaistische Politik, die nicht nur von Gruppen wie Potere Operaio oder Lotta Continua geprägt wurde, sondern auch von autonomen Betriebsorganisationen, wilden Streiks und informellen Kampfformen in den Werken von Fiat oder Pirelli sowie von feministischer Selbstorganisation (Lotta Feminista). Ein wenig verwundert in diesem Zusammenhang, dass Renner den Postoperaismus, also die Kreuzung aus operaistischen und poststrukturalistischen Ideen und Politiken, gar nicht diskutiert, obwohl diese in den nuller Jahren nicht nur für die italienischen Disobbedienti von Bedeutung war.

Durch die Gesamtdarstellung wird leider das Narrativ einer Art linearen Fortschritts von der »alten« zur »neuen« Linken vom Standpunkt des (vermeintlichen) Siegers aus fortgeschrieben, anstatt auch letztere für den Verfall linker Politik, Programmatik und Organisation in die Verantwortung zu nehmen. Ein solcher lässt sich nämlich bei der Lektüre – sozusagen als Nebenprodukt – selbstverständlich auch in Italien konstatieren (und eben nicht allein der »alten« Linken anlasten).

Dazu passt, dass Renner ein Projekt leider nur streift, das die Erneuerung der traditionellen Arbeiterbewegung mit Kritik an den damals neu aufkommenden Ansätzen verband, aber zugegebenermaßen nur sehr kurz existierte: den sehr frühen Operaismus, wie ihn dessen »Erfinder« Raniero Panzieri vor und in den ersten Ausgaben der Quaderni Rossi (Rote Hefte) entwickelte. Sich den falschen Alternativen verweigernd, wurde seine Strategie von den auseinandertreibenden Polen der italienischen Linken zerrissen und zu einer Randnotiz in deren Geschichte. Zu Unrecht.

Jens Renner: Die Linke in Italien. Eine Einführung. Mandelbaum, Wien/Berlin 2021, 176 Seiten, 12 Euro

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dr. rer. nat. Harald W. aus 58089 Hagen ( 2. August 2021 um 17:09 Uhr)
    Das ist eben, wenn man den Kontext, den Gegner, weglässt. Im italienischen Parlament sitzt eine veritable Mussolini-Nichte in inhaltlicher Nachfolge als Neofaschistin! Die dortige CD(S)U, die Demcrazia Christiana, wurde als Regierungspartei wegen Mafiaverquickungen und unzähliger Skandale aufgelöst! Im Gegenzug wurde der linke Staatsrechtsprofessor Antonio Negri (...) zu 30 Jahren Haft ohne jede Grundlage verurteilt – als Rotoe-Brigaden-Theoretiker. Wie bei den Berufsverboten und dem »deutschen Herbst« in der BRD. (...)
  • Leserbrief von E. Rasmus aus Berlin (28. Juli 2021 um 10:59 Uhr)
    Ich danke Doris Prato für den geschichtlich sehr erhellenden Leserbrief. Besonders, wenn man sich nicht so gut auskennt, ist es eben schwierig, das Weglassen und auch scheinbare Versehen als typisch für reformistische Geschichtsauslegungen zu erkennen, die die Gegenwart und Zukunft in den Dienst bestehender Verhältnisse stellen.
  • Leserbrief von Doris Prato (27. Juli 2021 um 10:38 Uhr)
    Gegen die inhaltliche Darstellung des Büchleins von Jens Renner ist nichts einzuwenden. Zu kritisieren ist das, was fehlt, worin sich gezeigt hätte, dass der Autor mit Kommunisten nichts am Hut hat, sich in seiner Analyse und Kritik in den Jahren, als die DKP um ihre Existenz kämpfte, genüsslich darüber ausließ.
    Problematisch wird es, wenn die Brigate Rosse als ehrliche, unabhängig agierende Linke dargestellt und deren Unterwanderung durch die Geheimdienste mit der CIA an der Spitze, die ungeheuren Todesopfer, der Schaden, der für die Linke entstand, mit keinem Wort erwähnt werden, ebenso die Rolle der in diesem Kontext operierenden faschistischen Putschloge »P 2«. Hier bedient Renner seine A&K-Leserschaft mit Vertretern der sogenannten Verschwörungstheorien, denen es letzten Endes darum geht, der CIA eine »weiße Weste« zu verschaffen.
    Das Kernproblem, dem Renner von Beginn an ausweicht, ist, dass sich die Arbeiterbewegung und ihre Linke von Anfang an in der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ideologie entwickelten, was sich bis in die Gegenwart so fortsetzt, bis zum Eindringen des Revisionismus in die IKP und ihrer Liquidierung, die die ganze Linke, beginnend mit dem gegen sie nach dem Scheitern des Compromesso storico Berlinguers 1978 geführten Enthauptungsschlag, schwer getroffen hat. Eine Definition (Kriterien), was heute unter Linken zu verstehen ist, was zu unterscheiden ist, was u. a. betrifft, wer antikapitalistische Positionen bezieht, fehlt ebenso.
    Konsequent linke Quellen, um nur Domenico Losurdo zu erwähnen, werden ignoriert, denn das würde seiner Pflege des Mythos von »ungebrochenen« Kommunistinnen wie Rossana Rossanda zuwiderlaufen. Losurdo ging beispielsweise auf deren Haltung zum neokolonialistischen Überfall der USA und weiterer NATO-Staaten 2011 zur Beseitigung der Regierung von Ghaddafi in Libyen ein, die er »ein trauriges Beispiel für den Zerfall linker Werte« nannte. Als Italien – frühere Kolonialmacht in dem Land – zunächst zögerte, sich zu beteiligen, tadelte die Generalsekretärin der CGIL, Susanna Camusso, am 22. Februar 2011 die Regierung und rief zur »kriegerischen Intervention« auf. Ihre Haltung unterstütze Rossanda, in dem sie im Manifesto vom 9. März 2011 forderte, jeden »Vorbehalt« fahren zu lassen und »die Rebellen entschieden zu unterstützen«. Das zeigte, so Losurdo, »die kulturelle und politische Verwüstung, die die Linke befallen hatte. Das historische Gedächtnis war ausgelöscht: Hundert Jahre zuvor hatte Italien gegen Libyen einen Kolonialkrieg entfesselt, und dieser verlief nicht ohne Genozide. Nicht einmal Stellungnahmen führender Politiker der dritten Welt, die sich für Verhandlungslösungen aussprachen oder wie z. B. der Präsident von Nicaragua, Daniel Ortega dazu aufriefen, ›Bruder‹ Ghadaffi gegenüber der (…) vom Neokolonialismus entfesselten ›wüsten Kampagne‹ zu verteidigen, trugen dazu bei, dass sich die beiden bekannten Vertreterinnen der italienischen Linken zurückhielten« (nachzulesen in Domenico Losurdo: Wenn die Linke fehlt … Gesellschaft des Spektakels, Krise, Krieg. Papyrossa, Köln 2017, S. 62f.). Dass dieses brillante Werk des kommunistischen Philosophen, dessen Einschätzungen sich in den vier Jahren seit seinem Erscheinen vollauf bestätigt haben, im Literaturverzeichnis fehlt, ist ein regelrechtes Armutszeugnis.

Regio:

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