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Aus: Ausgabe vom 26.07.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Nahrungsmittelfrage

Abermillionen hungern

Menschenrechtsorganisationen kritisieren Vorgespräche zum Welternährungsgipfel im September
Von Bernd Müller
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Zuwenig von allem: Der pure Überlebenskampf im Trikont (Lagos, Nigeria 10.7.2021)

In der Coronakrise hat sich der Hunger in der Welt ausgebreitet. Ein kürzlich von den Vereinten Nationen vorgestellter Bericht besagt folgendes: Bis zu 811 Millionen Menschen sind unterernährt. Wie es gelingen kann, den Hunger bis zum Jahre 2030 global zu besiegen, wird Gegenstand des Welternährungsgipfels im September sein.

Von Montag bis Mittwoch finden in Rom Vorgespräche statt, die von verschiedenen Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen kritisiert werden. Misereor, »Brot für die Welt«, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), FIAN und das Netzwerk Inkota kritisierten am vergangenen Freitag in einer gemeinsamen Erklärung, »dass der Vorgipfel die Anliegen der von Hunger und Armut Betroffenen ignorieren« könnte. Statt menschenrechtlich verpflichtende Lösungsansätze umzusetzen, könnten bestehende Probleme zementiert werden.

»Mit seiner Vielzahl an Diskussionsforen erweckt der Gipfel den Eindruck großer Inklusivität«, heißt es in der Erklärung der Organisationen; aber der Eindruck täusche. Denn zum Beispiel werde das Machtgefälle zwischen Agrarkonzernen und kleinen oder mittelständischen Erzeugern nicht berücksichtigt. »Die Stimmen der Bäuerinnen und Bauern, die im Zentrum der Ernährungssysteme stehen und stehen müssen, drohen so überhört zu werden«, kritisierte Paula Gioia, Beauftragte für internationale Fragen der AbL.

Kritisiert wird ferner: Der Gipfel wurde bekanntgegeben, ohne das für Welternährungsfragen zuständige Komitee der Vereinten Nationen (CFS) mit einzubeziehen, heißt es in der Erklärung. Schlüsselpositionen seien mit Führungskräften der »Allianz für eine grüne Revolution in Afrika« (AGRA) besetzt worden, die eng mit der Agrarindustrie zusammenarbeite. Versuche, den UN-Ernährungsgipfel demokratischer zu gestalten und am Recht auf Nahrung auszurichten, seien ohne Erfolg geblieben. »Wir sehen in diesem Vorgehen mangelnde Transparenz, die zu Lasten der einfachen Produzenten und Konsumenten gehen könnte«, erklärte Lutz Depenbusch, Referent für Landwirtschaft und Ernährung bei Misereor. Der gesamte Ansatz des Gipfels berge die Gefahr, »dass gegensätzliche Ernährungssysteme gleichberechtigt nebeneinandergestellt werden«. Dadurch könnten Beschlüsse, die im CFS zugunsten von »agrarökologischen Landwirtschaftsmodellen« getroffen wurden, wieder in Frage gestellt werden. Der nachhaltige Umbau der Ernährungssysteme könnte so um Jahre zurückgeworfen werden.

Astrud Lea Beringer von der Menschenrechtsorganisation FIAN erklärte, der aktuelle Prozess stelle »die Interessen der Agrar- und Ernährungsindustrie über menschenrechtliche Verpflichtungen«. Dadurch würde das Menschenrecht auf Nahrung entwertet. Diese Haltung habe mehr als 500 Organisationen aus der ganzen Welt dazu bewogen, dem Gipfeltreffen fernzubleiben und Gegengipfel zu organisieren. Die AGRA, an der sich jetzt unter anderem die Kritik entzündet, steht seit längerem in der Kritik. Im vorigen Jahr stellte ihr eine Studie eines Bündnisses verschiedener Organisationen ein schlechtes Zeugnis aus. In den 13 Schwerpunktländern, in denen die AGRA aktiv ist, hungern demnach 30 Prozent mehr Menschen als 14 Jahre zuvor, als die Allianz von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gegründet wurde. Kleinbauern seien demnach stärker verschuldet, und traditionelle klimaresistente und nährstoffreiche Nahrungsmittel wurden verdrängt.

Fakt ist auch: In Afrika nahm 2020 der Hunger am stärksten zu. Das geht aus einem Bericht hervor, der kürzlich von fünf Organisationen der Vereinten Nationen gemeinsamen herausgegeben wurde. Die Rate der Unterernährung lag demnach in Afrika bei 21 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie in jeder anderen Weltregion. Weltweit hatten demnach rund 2,3 Milliarden Menschen nicht das ganze Jahr über hindurch Zugang zu angemessener Ernährung. Werde der gegenwärtige Trend nicht gebrochen, dann werde das Ziel deutlich verfehlt, den Hunger bis 2030 weltweit zu besiegen. 660 Millionen Menschen würden dann immer noch hungern.

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