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Aus: Ausgabe vom 24.07.2021, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
Marxismus

»Klassenbewusstsein ist nicht angeboren, es muss entwickelt werden«

Über die Bedeutung der Kommunistischen Partei für Frankreich und auf Solidarität beruhende internationale Beziehungen. Ein Gespräch mit Pierre Thorez
Interview: Andrei Doultsev
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Maurice Thorez während einer Rede am 2. Oktober 1947 im Pariser Sportpalast vor rund 20.000 Zuhörern. 1946 bis 1947 – mit kurzer Unterbrechung – hatte er das Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten inne

Was bedeutet Ihr Vater Maurice Thorez für Sie? Wie sehen Sie ihn heute?

Mein Vater hob nie die Stimme. Eine leise Bemerkung genügte, um auf meine Brüder und mich Einfluss zu nehmen. Trotz seiner umfangreichen Arbeit beschäftigte er sich viel mit uns, er zeigte uns Frankreich und Europa, brachte uns bei, andere Menschen zu schätzen, und half uns, Natur- und Gesellschaftsgesetze zu verstehen. Ich kenne nur wenige Menschen mit einem Charakter, wie ihn mein Vater hatte.

Ich erinnere mich auch daran, wie sehr er von anderen geschätzt wurde. Als ich heranwuchs, wurde mir klar, worauf dieser Respekt beruhte. Mein Vater hat uns beigebracht, dass wir in den Spiegel schauen sollten, bevor wir von anderen etwas verlangten: Man kann von anderen nicht etwas fordern, was man selbst nicht imstande ist zu tun. Und man darf keiner Versuchung nachgeben.

Noch als Jugendlicher war er Arbeiter in einem Bergwerk geworden. Der Kern seiner Persönlichkeit war sein Zugehörigkeitsgefühl zur Arbeiterklasse. Selbst später, als er mit vielen Schriftstellern und Künstlern befreundet war, vergaß er darüber nie seine Herkunft. Politische Arbeit war für ihn der Sinn seines Lebens. Als er in seiner Jugend die Verhältnisse sah, in denen seine Familie, seine Freunde und die Arbeiterklasse insgesamt lebten, als er den Ersten Weltkrieg miterlebte, verstand er, dass dies menschenverachtend war. Er sah, dass die Menschen an und für sich gut sind, aber die bürgerliche Gesellschaft und die Ausbeutung sie deformieren, dass die Welt verändert werden muss.

Wie hat sich die Kommunistische Partei Frankreichs, der PCF, unter Maurice Thorez entwickelt?

Er und seine Genossen – Jacques Duclos, Marcel Cachin und andere – hatten erreicht, dass die Partei die Bestrebungen des Volkes widerspiegelte und gleichzeitig marxistisch-leninistisch war. In der Theorie klingt das einfach, aber in der Praxis gelingt diese Koppelung nicht immer, sie erfordert Sisyphusarbeit. In Frankreich ebnete diese Taktik der Volksfront den Weg – dadurch konnte der PCF in den Vorkriegsjahren zu einer entscheidenden Kraft werden.

Nach dem Krieg kam die führende Rolle des PCF in der Résistance hinzu. Es gab einen Wendepunkt im Massen­bewusstsein durch den Sieg der UdSSR und der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, nach der Stalingrader Schlacht waren fast alle Franzosen Kommunisten geworden. Und: Alles, was dem Klassenfeind abgerungen wurde – bezahlter Urlaub, Verstaatlichung des Eisenbahnnetzes, Aufbau eines staatlichen Sozialversicherungs­systems –, wurde durch den PCF erreicht. Je stärker die Kommunisten waren, desto besser ging es den Menschen hier. Heute sprechen einige von »Personenkult« … Maurice Thorez war ein Symbol für die Idee des Kommunismus in Frankreich und für Gerechtigkeit. Menschen setzen manchmal eine Person einer Idee gleich. Es gab einen Kult, aber es gab auch eine Persönlichkeit (lacht).

Wie trug Ihr Vater dazu bei, dass Frankreich, dessen Arbeiterbewegung nach der Niederschlagung der ­Pariser Kommune 1871 am Boden lag, zu einem Zentrum des internationalen Klassenkampfes wurde?

Der erste wichtige Schritt nach dem konstituierenden Kongress des PCF im Dezember 1920 war die Organisation von kommunistischen Betriebsgruppen. Den Kommunisten gelang es, beim Proletariat das Verständnis für die Notwendigkeit des Klassenkampfes zu entwickeln – die Partei machte der Arbeiterklasse klar, dass das Problem nicht die bösen Kapitalisten waren, sondern der Kapitalismus als System, die ­Ausbeutung an sich. Klassenbewusstsein ist nicht ­angeboren, es muss entwickelt werden.

Bemerkenswert sind die Umstände, unter denen das Tagebuch Ihres Vaters entstand …

Die Entstehungsgeschichte des Tagebuchs ist nahezu tragikomisch: Mein Vater litt in späteren Jahren unter einer rechtsseitigen Lähmung und musste wieder das Schreiben lernen, deshalb rieten ihm die Ärzte – er wurde übrigens in der UdSSR behandelt –, das Schreiben mit regelmäßigen Tagebucheinträgen zu üben. Zuerst schrieb er mit der linken Hand, dann, als es ihm besser ging, auch wieder mit der rechten. So wurde aus den kurzen Notizen, die im Laufe der Jahre immer ausführlicher wurden, ein Tagebuch, das er bis zu seinem Tod 1964 führte. Besonders interessant ist es, zu verfolgen, was mein Vater las, welche Zitate er herausschrieb und was er über das eine oder andere politische Geschehen dachte. Sein Tagebuch ist ein Kaleidoskop des Generalsekretärs einer kommunistischen Partei jener Jahre. Einerseits ist das Tagebuch meines Vaters als Zeitdokument aufschlussreich. Wichtiger ist es aber meiner Meinung nach, dass dieses Tagebuch junge Menschen dazu anregt, sich am politischen Kampf zu beteiligen und das Wesen unserer Partei, unserer Ideologie besser zu verstehen.

Nach Chruschtschows Bericht auf dem XX. Parteitag der KPdSU über Stalins »Personenkult« notierte sich Maurice Thorez am 30. April 1956 ein Stalin-Zitat über die fehlende Kritik an den »Führern« der Arbeiterklasse: Dies könne zur Folge haben, dass die Arbeiterführer »überheblich werden und sich für unfehlbar halten. (…) Es ist klar, dass dies zu nichts anderem führen kann als zum Untergang der Partei.« Hat Ihr Vater das Verhalten Chruschtschows als persönliche Abrechnung aufgefasst?

Ich kann das schwer beurteilen, ich war damals zehn Jahre alt. Bemerkenswert ist ja auch, was Chruschtschow bei einer Veranstaltung 1961 sagte – mein Vater zitierte ihn: »Wir alle sind Stalinisten.« Worüber mein Vater viel sprach, war die Komintern. Er erinnerte sich oft an die Taktik von Dimitroff und Stalin, die Volksfronten gegen den Faschismus in Spanien und Frankreich aufbauten: Sie hatten als erste die Gefahr des Faschismus erkannt, und mein Vater betonte dies immer wieder.

Außerdem ging es beim XX. Parteitag nicht nur um den »Personenkult«, viel wichtiger für meinen Vater war der Beschluss, für den Frieden zu kämpfen. Angesichts der Existenz von Atomwaffen, die alles Leben auf der Erde auslöschen können, hat mein Vater verstanden, dass die Rettung der Welt vor einem Atomkrieg Priorität hat. Er hielt es für sehr wichtig, dass die Sowjetunion die führende Kraft in der Weltfriedensbewegung war.

Wichtig war der Einfluss Ihres Vaters auf die antikoloniale Bewegung: Sowohl Französisch-Indochina, zu dem Vietnam gehörte, als auch Algerien waren in den 1950er Jahren wichtige Knotenpunkte der Entkolonialisierung …

1923 war mein Vater Präsident des Komitees gegen den Marokko-Krieg, deswegen wurde er damals inhaftiert. Da Frankreich in den 20er Jahren ein Kolonialreich war, wurden Vertreter aus den Kolonien in das Zentralkomitee des PCF geholt. Einer der Gründer der Partei war Ho Chi Minh. Aufgrund dieser Taktik standen Kommunisten und mit dem PCF sympathisierende Personen an der Spitze der nationalen Befreiungsbewegungen in vielen französischen Kolonien.

In vielerlei Hinsicht halfen wir hier den sowjetischen Genossen: Während die KPdSU an der Spitze des ersten Arbeiter- und Bauernstaates stand, war der PCF unter Maurice Thorez der Vorposten des Kommunismus im Westen und führte den Kampf um die Unabhängigkeit der Kolonien an. Als der Generalsekretär des ZK der KPdSU, Nikita Chruschtschow, 1960 Frankreich besuchte, besprach der sowjetische Botschafter Sergej Winogradow, ein Freund unserer Familie, mit meinem Vater die Einladung des französischen Präsidenten General de Gaulle an Chruschtschow, Algerien zu besuchen, das damals eine französische Kolonie war. Die Algerier führten einen erbitterten Krieg für ihre Unabhängigkeit, und im Süden der algerischen Sahara testeten die Franzosen Atomwaffen. Sowohl mein Vater als auch Winogradow rieten Chruschtschow von einem Algerien-Besuch ab. Sie sagten ihm, dass sein Besuch der französischen Kolonie ein falsches Signal an alle Völker der Welt, die für Freiheit und Unabhängigkeit kämpfen, bedeuten würde – und er hörte auf sie.

Unsere Feinde sprechen bis heute von einer »Hand Moskaus«, was ganz und gar nicht stimmt. Die Beziehungen beruhten auf Brüderlichkeit. Die Kapitalisten verstehen das nicht, das passt nicht in ihr Weltbild. Die USA projizieren ihr eigenes Diktat gegenüber ihren Verbündeten auf unsere Beziehungen. Wir hingegen dachten an unsere gemeinsamen Interessen, nicht einmal an die Interessen unserer Parteien, sondern an die Interessen unserer Völker, daran, was für ihre friedliche Zukunft wichtig ist. Und die Kommunisten der älteren Generation waren sich dieser Verantwortung für das Schicksal der Menschheit bewusst.

Welche Rolle spielte Ihre Mutter Jeannette Vermeersch im Leben von Maurice Thorez und in der Partei?

Eine sehr wichtige. Ihre Gegner bezeichneten sie abschätzend als »Sektiererin«. Das stimmt nicht. Sie war eine gute Taktikerin, sie half meinem Vater, die Stimmungen in der Partei zu verstehen, und nahm an fast allen Sitzungen teil. Als die französische Regierung, der damals Kommunisten angehörten, 1946 die Unabhängigkeit Vietnams abgelehnt hatte, war es meine Mutter, die darauf bestand, dass die PCF-Fraktion in der Nationalversammlung für die Unabhängigkeit Vietnams stimmte. Auf diese Weise sandte der PCF eine Botschaft an das Volk, dass er gegen die Entscheidung der Regierung war, und bekräftigte auf diese Weise seine Glaubwürdigkeit. Es war zugleich eine Botschaft an die Wähler: »Wir protestieren gegen diese Entscheidung, aber wir glauben, dass es notwendig ist, Kommunisten in der Regierung zu haben.« Meine Mutter war mit Ho Chi Minh befreundet, der eine Zeitlang bei meinen Eltern gewohnt hatte.

Ähnliches geschah bei den Kommunalwahlen 1965, als es um die Abstimmung einer Wahlliste zusammen mit den Sozialisten in den drei großen Städten Nîmes, Alès und Beaucaire ging. Die Sozialisten beanspruchten alle drei Rathäuser für sich, meine Mutter sagte jedoch: »Eine Stadt für euch, eine für uns und eine für einen überparteilichen Kandidaten.« Die Sozialisten protestierten, und die Mutter bat die Zeitung L’Humanité, eine Erklärung über das Verhalten der Sozialisten zu veröffentlichen, über das Angebot der Kommunisten und über die Tatsache, dass der PCF sich unter diesen Bedingungen dazu gezwungen sah, bei den Wahlen allein anzutreten. Am Ende haben wir in allen drei Städten gesiegt.

Eine wichtige Rolle spielte Jeannette Vermeersch auch 1968, als sie nach dem Tod meines Vaters das Politbüro verließ. Sie wandte sich entschieden gegen die Erklärung des Zentralkomitees des PCF, als die Parteiführung ihr »Unverständnis« über den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei nach den Prager Ereignissen zum Ausdruck brachte. Sie unterstützte die Sowjetunion und war davon überzeugt, dass man dem Klassenfeind keinen Zwiespalt in den eigenen Reihen zeigen dürfe.

Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Frauen in den westlichen Ländern damals für ihre Rechte hart kämpfen mussten. Jeannette Vermeersch war ein Symbol der Frauenbewegung in Frankreich.

Bis 1992 waren Sie Mitglied der Association France-URSS, der Freundschaftsgesellschaft UdSSR-Frankreich. Nach dem Niedergang der Sowjetunion 1991 wurden Sie im Jahr darauf Mitbegründer der »Gesellschaft der Freunde des russischen Volkes«. Was verbindet Sie mit Russland?

Die Freundschaftsgesellschaft UdSSR-Frankreich war sehr stark. Allein in Le ­Havre gab es mehr als 500 Mitglieder. Unsere Sektion wurde von Jean Justiniani, der als Englischlehrer tätig war, geleitet. Er war kein Parteimitglied, sympathisierte aber mit uns. Justiniani liebte die Sowjetunion: Le Havre war Partnerstadt von Leningrad, und es verging kein Tag, ohne dass sowjetische Schiffe hier vor Anker lagen. Wir organisierten Treffen mit Einwohnern, Fußballwettspiele und gingen von Tür zu Tür.

Ich habe viele Freunde in Russland, darunter ehemalige Seeleute. Viele von ihnen leben in St. Petersburg. Schwieriger ist es, die Kontakte zu meinen Kameraden zu pflegen, die in der Schwarzmeerflotte gedient haben, nach den Ereignissen in der Ukraine sehen wir uns kaum noch. Ich bin mit Geographen und vielen anderen Menschen aus dem Land der Sowjets, mit denen mich das Leben zusammengeführt hat, befreundet …

Ich beobachte sehr gespannt die Entwicklung in Russland. Als Geograph ist mir die Regel lieb: »Zeig mir, wie du dein Territorium organisiert hast, und ich sage dir, wer du bist.« Dadurch kann man eine Gesellschaft an dem Lebensraum, den sie schafft, erkennen. Mein Sohn ist ebenfalls Geograph, und als er sein Studium aufnahm, fuhren wir nach Leningrad. Er fragte mich: »Wo sind hier die bürgerlichen Viertel? Wo wohnen die Arbeiter?« Eine solche Aufteilung gab es nicht. Im Akademischen Stadtbezirk von Moskau erhielten sowohl ein Akademiemitglied als auch eine Reinigungskraft, die an der sowjetischen Akademie der Wissenschaften putzte, Wohnungen im selben Haus. Das war eine Errungenschaft des Sozialismus. Heute ist es anders: Die einfachen Menschen werden langsam aus der Innenstadt verdrängt, die soziale Spaltung schreitet in den Städten voran. Aber es gibt auch einen umgekehrten Prozess, eine Nostalgie nach der Sowjetzeit. Dank Sozialismus haben die menschlichen Beziehungen ein anderes Niveau erreicht, weil die Revolution das bürgerliche Bewusstsein seinerzeit beseitigt hat. Der freie Markt deformiert wiederum das Bewusstsein, das zu Sowjetzeiten entwickelt worden ist.

Ihrem Vater war es gelungen, Intellektuelle in die Partei zu holen: ­Pablo Picasso, Fernand Léger und Louis Aragon waren aktive Mitglieder des PCF. Wie hat er das geschafft?

Revolutionäre Vorgänge wirken sich auf alle Bereiche der menschlichen Tätigkeit aus. Das Ereignis, das den gesamten Verlauf des 20. Jahrhunderts bestimmte, war die Große Sozialistische Oktoberrevolution. Sie führte einen unerwarteten Aufschwung in Literatur, Kunst, Kino, Theater und Architektur herbei. Sie eröffnete eine neue Welt. Dies spiegelte sich in Paris wider, das damals die Hauptstadt der Künste war. Fortschrittliche Kräfte sahen ihre Zukunft im Kommunismus, in der Dritten Internationale. Ihre Sympathien für die UdSSR brachten sie in die Reihen des PCF. Henri Barbusse und Romain Rolland unterstützten diese Bewegung. Mein Vater verstand die Bedeutung der Kunst für die Propaganda der kommunistischen Ideen. Louis Aragon und seine Frau Elsa Triolet, die Schwester von Lili Brik, spielten eine sehr wichtige Rolle beim Aufbau der kulturellen Beziehungen. Majakowski und Schostakowitsch hatten einen großen Einfluss auf Aragon und Picasso, und Eisenstein revolutionierte mit seinen Filmen das Kunstgeschehen im Westen.

Interessant ist aber auch, dass Thorez und Aragon, der die Intellektuellen­gruppe im PCF leitete, gegen Kleinbürgertum in Kunst und Literatur kämpften. Ihre Gegner waren damals Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, denen Ihr Vater Individualismus vorwarf.

Diese Persönlichkeiten hatten es sich bequem gemacht, indem sie die kapitalistische Gesellschaft und das Bürgertum kritisierten und zugleich Antikommunisten waren. Als die Revolution auf Kuba ausbrach, unterstützte ihre Clique den Prozess, als es aber zum Aufbau des Sozialismus kam, waren sie verschwunden. Dies ist eine rein individualistische Einstellung. Für meine Eltern gab es kein schlimmeres Schimpfwort als »Kleinbürger«. Die kleinbürgerlichen Intellektuellen blockieren die gesellschaftliche Entwicklung.

Haben Sie die Hoffnung, dass der einst mächtige PCF zu alter Stärke zurückfinden wird?

Ich bin Optimist. Ich mag nicht das Wort »Hoffnung«. Ich habe einen Willen, und die Voraussetzungen sind gegeben. Frankreich braucht Kommunisten. Unser National­sekretär Fabien Roussel hat Großes zu leisten. Die gegenwärtige Krise beweist, dass das kapitalistische System den Herausforderungen nicht gewachsen ist. Die Tatsache, dass Impfstoffhersteller Milliarden verdienen, den Zugang zum Impfstoff einschränken und die öffentliche Gesundheit gefährden, hat vielen einen Eindruck von der wahren Natur des kapitalistischen Systems vermittelt.

Natürlich leiden wir sehr darunter, dass es die UdSSR, die Organisation des Warschauer Vertrags, den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe, die eine starke Stütze für uns waren, nicht mehr gibt. Die Sowjetunion gründete auf der Idee der Solidarität der Werktätigen. Es genügt das Beispiel, wie die Sowjetunion die spanischen Kommunisten während des Bürgerkriegs und später die algerischen Befreiungskämpfer unterstützt hat. Wer transportierte die verwundeten Algerier in Krankenhäuser? Das Schiff, auf dem ich diente, beförderte sie zur Behandlung in die Sowjetunion. Wer unterstützte Kuba? Die Raketen auf Kuba hatten in erster Linie Kuba verteidigt, und die Zusage der UdSSR, dort keine Raketen zu stationieren, war eine Bedingung dafür, dass die Amerikaner im Gegenzug die Finger von der Insel lassen würden. Wenn sie auf Kuba einmarschiert wären, hätte die Sowjetunion U-Boote dorthin geschickt, und auch ihre Raketen hätten das Ziel erreicht. Niemand wagte es, mit der Sowjetunion und auch nicht mit ihren Verbündeten zu scherzen. Wie viele Schiffe mit Hilfsgütern Richtung Vietnam verließen indessen wöchentlich die Häfen von Odessa, Wladiwostok und Leningrad? Als ich zu Sowjetzeiten in Moskau im Regierungskrankenhaus in Behandlung war, wurden mit mir zusammen Partisanen aus Südamerika und Afrika behandelt – die UdSSR half ihren Verbündeten ohne jegliche Gegenleistung.

Pierre Thorez ist Sohn des früheren Generalsekretärs (1930–1964) der Französischen Kommunistischen Partei (PCF), Maurice ­Thorez. Das Tagebuch von Maurice Thorez wurde im vergangenen Jahr in Frankreich veröffentlicht (»Journal 1952–1964«, Fayard, Paris 2020, 788 S., 34 Euro).

Pierre Thorez …… wurde 1946 geboren. Von 1964 bis 1969 diente er als Matrose und Schmierer auf Schiffen der sowjetischen Schwarzmeerflotte. Im Jahr 1971 schloss er sein Geographiestudium an der Pariser Sorbonne ab. Er schrieb das erste wichtige französischsprachige Werk über die Geographie der Sowjetunion und war jahrelang als Schullehrer und von 1990 bis 1997 als Dozent an der Universität von Le Havre tätig.

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