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Aus: Ausgabe vom 24.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Die guten Bürger von Bad Guldenberg

Christoph Hein revitalisiert den Kleinstadtroman – und schreckt doch vor den Härten Ostdeutschlands zurück
Von Michael Bittner
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»Denk von jedem das Schlechteste, und du fällst niemals auf die Schnauze« – Christoph Hein

Über die ostdeutsche Provinz wird soviel geredet und geschrieben wie lange nicht mehr. Die nationalistischen Massendemonstrationen im Gefolge von »Pegida« und der Erfolg der AfD sorgen für Unbehagen und Rätselraten über die ostdeutsche Seele. Zu den Jubiläen der Jahre 1989 und 1990 entbrannte aufs neue der erbitterte Streit um die deutsch-deutschen Ungerechtigkeiten. Und eine Generation von jungen Ostdeutschen meldet sich erstmals lautstark mit ihren Erinnerungen an die »Baseballschlägerjahre« der Nachwendezeit zu Wort.

Dass sich der Schriftsteller ­Christoph Hein, vor wie nach 1989 renommiert als gesellschaftskritischer, realistischer Erzähler, literarisch dieser Themen annimmt, überrascht nicht. In seinem neuen Roman »Guldenberg« wählt er dafür die traditionsreiche Form des Kleinstadtromans, die in der deutschen Literatur etwa von Heinrich Mann gepflegt wurde. Im Mikrokosmos der Provinzstadt soll das gesellschaftliche Ganze mit all seinen Widersprüchen im Kleinformat erscheinen und so erzählbar werden. Das Genre hat allerdings eine Tücke: Es kann zu dem naiven Glauben verführen, die sozialen Widersprüche wären nur die Folge verkorkster persönlicher Beziehungen.

Im Mittelpunkt von Christoph Heins neuem Roman steht – nicht zum ersten Mal in seinem Werk – das fiktive Kurstädtchen Bad Guldenberg an der Mulde. Es ist der nordsächsischen Kleinstadt Bad Düben nachempfunden, in der Hein als Pfarrerssohn aufwuchs. Guldenberg ist in vielerlei Hinsicht typisch für die ostdeutsche Provinz: Die Altstadt rund um den Marktplatz ist schick saniert, sogar ein verfallenes Konzerthaus im Jugendstil wurde mit Hilfe von Fördermitteln wiederhergestellt. Doch ist unklar, wer in der finanziell mager ausgestatteten Kleinstadt Konzerte ausrichten oder sie besuchen soll. An halbwegs erträglich bezahlter Arbeit mangelt es ebenso wie an jungen Menschen. In der Bürgerschaft herrscht Neid der Wendeverlierer gegen die Gewinner, es rumoren aber auch noch Konflikte aus vergangenen Epochen. So ist die Stimmung in der Stadt geprägt durch »Gleichgültigkeit der Bewohner füreinander« und »kühle Freundlichkeit«. Ein angetrunkener Geschäftsmann verrät in der Kneipe mit seinem Lebensmotto auch das giftige Grundmisstrauen vieler Guldenberger: »Denk von jedem das ­Schlechteste, und du fällst niemals auf die Schnauze.«

Auf wenig Begeisterung stößt es bei den Einheimischen, als im leerstehenden »Alten Seglerheim« minderjährige, männliche Asylbewerber aus Syrien und Afghanistan untergebracht werden. Die Behauptung der Guldenberger, nun werde eine Idylle zerstört, wird vom Erzähler als Lüge entlarvt. Nicht nur ist das Zusammenleben in der Stadt ohnehin schon gestört. Auch waren Fremde selbst zu besseren Zeiten in Guldenberg noch nie gern gesehen. Ein früherer Bürgermeister ist noch in bester Erinnerung dafür, dass er einst die »Zigeuner« aus der Stadt vertrieb. So sind denn die Menschen, die den Migranten wohlgesonnen sind, nur eine kleine Minderheit: der aufrechte Bürgermeister Konstantin Kötteritz, der katholische Priester Alexander Fuschel und ein fünfköpfiges Frauenteam um die Heimleiterin Marikke Brummig, das sich um die Geflüchteten kümmert.

Die Lage eskaliert, als in der Stadt das Gerücht aufkommt, einer der ­jungen »Südländer« habe ein junges Mädchen vergewaltigt. Es ist nicht mehr nur ein gescheiterter Querulant wie Fred Krausnick, der gegen das »Negergesindel« hetzt. Auch im Stadtrat und bei der Polizei sind sich die Männer einig darin, dass die Ausländer verschwinden müssen. Welche Neidgefühle dabei insgeheim mitspielen, verrät unwillkürlich ein Kneipengast: »Fünf Frauen kümmern sich rund um die Uhr um die! Das hätte ich auch mal gern.« Es kommt, wie es kommen muss: Das Flüchtlingsheim wird zum Ziel eines Brandanschlages.

Christoph Hein, der sich nie als Tendenzautor, sondern immer als »Chronist« verstand, bemüht sich jedoch, schematische Moralisierung zu vermeiden. Auch die Geflüchteten schleppen Aggressionen und Vorurteile mit sich herum, auch unter ihnen kommt es zu Gewalt. »Beim Thema Juden und Homosexuelle, da rasten viele der Jugendlichen aus«, klagt Marikke Brummig und ergänzt: »Das Schlimmste ist, dass die Jugendlichen sich von einer Frau nichts sagen lassen.« Seltsamerweise gehorchen die Migranten in den Szenen des Romans ihren Betreuerinnen aber immer aufs Wort – es ist nicht die einzige Unstimmigkeit des Buches. Wenn viele Ausländerfeinde von Guldenberg über den Brandanschlag erschrecken und zur Vernunft zurückfinden, wirkt das wie eine Idealisierung, vergleicht man den Roman mit tatsächlichen Entwicklungen in Städten wie Bautzen, wo sich die Kleinstadtrechte nur immer weiter verhärtet und militarisiert.

Einiges in diesem Roman wirkt allzu ausgedacht, die meist in gehobenem Plauderton geführten Dialoge bisweilen papiern, der allwissende Erzähler unpassend souverän. Viele Figuren erscheinen nur so flüchtig, dass sie kaum eine wirkliche Gestalt gewinnen – besonders leider die Flüchtenden. »Guldenberg« ist ein lesenswerter Roman, aber die ganze Härte und Trostlosigkeit der Auseinandersetzungen in der ostdeutschen Provinz zeigt er nicht.

Christoph Hein: Guldenberg. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2021, 284 Seiten, 23 Euro

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