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Aus: Ausgabe vom 24.07.2021, Seite 8 / Inland
Christopher Street Day

»Es geht um gesellschaftliche Akzeptanz«

Politik und Lebensfreude: Berliner Christopher Street Day findet am Sonnabend statt. Ein Gespräch mit Jörg Litwinschuh-Barthel
Interview: Markus Bernhardt
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Am »Christopher Street Day« wird für die Akzeptanz von LSBTIQ-Menschen demonstriert (Berlin, 26.6.2021)

An diesem Sonnabend soll in Berlin der Christopher Street Day, kurz CSD, stattfinden. Sind diese Demonstrationen heutzutage noch notwendig?

Ja, definitiv, in manchen Gegenden wichtiger denn je. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten in Sachen Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Antidiskriminierung viel erreicht worden ist, geht es darum, die nichtheterosexuellen Lebensentwürfe als nicht unerheblichen Teil der Gesellschaft zu zeigen. Es handelt sich immerhin um mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. Akzeptanz ist erst dann wirklich erreicht, wenn diese vielfältigen Lebensentwürfe ganz normal sind.

Aber geht es bei den CSD-Paraden nicht maßgeblich ums Feiern?

Ich sehe keinen Widerspruch zwischen politischer Demonstration und selbstbewusst dargestellter Lebensfreude. Deshalb bin ich auch empört darüber, dass die Veranstalterinnen und Veranstalter des CSD Bremen in diesem Jahr die Darstellung von Fetischen auf dem CSD untersagen wollte. Ein fatales Signal, das zu Recht für viel Empörung gesorgt hat.

Welche Themen bestimmen den CSD in diesem Jahr?

Viele CSDs grenzen sich mit ihren Motti deutlich von rechts ab, andere betonen die Vielfalt der Communities. Immer häufiger werden wieder Repression und Gewalt thematisiert. Es geht um gesellschaftliche Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bi-, Tans*-, intergeschlechtlichen und queeren – also LSBTIQ-Menschen. Und es geht auch immer um Solidarität und gegenseitige Unterstützung untereinander. Es nehmen auch immer viele Heterosexuelle an den Protesten teil, um sich solidarisch zu zeigen oder einfach auch, um sich zu amüsieren. Auch das ist gut so.

Welche Rolle spielt die zunehmende Gewalt gegen die LSBTIQ-Bewegung, die in der Bundesrepublik und dem europäischen Ausland verstärkt zu beobachten ist?

Die Politik ist nicht ausreichend sensibel genug für das Thema. Die Situation in Deutschland ist sicherlich eine andere als beispielsweise in einigen osteuropäischen Ländern, wo es seit Jahren zu brutaler Gewalt kommt, die maßgeblich von extremen Rechten und religiösen Fanatikern begangen bzw. befördert wird. Einige osteuropäische Regierungen befördern dieses Klima des Hasses und der Ausgrenzung ganz gezielt. In diesem Monat wurde Alexander Laschkarawa, der für den georgischen Sender TV Pirweli arbeitete, beerdigt. Im galicischen A Coruña waren es bis zu zehn Personen, die kürzlich den jungen schwulen Krankenpfleger Samuel Luiz Muñiz zu Tode prügelten. Erst vor wenigen Wochen wurden die Organisatorinnen und Organisatoren des ersten CSD im thüringischen Altenburg massiv bedroht, beleidigt und angefeindet. Vor ihrem Mut habe ich großen Respekt. Mehr als 600 Teilnehmende kamen, um ihre Solidarität zu bekunden.

Auch in Berlin kommt es regelmäßig zu brutalen Übergriffen auf Lesben, Schwule und Transgender.

Auch das ist besorgniserregend. Zumindest wird von staatlicher Seite gegengesteuert. Es gibt eigene Ansprechpartnerinnen und -partner bei Polizei und Staatsanwaltschaften, und LSBTIQ-feindliche Straftaten werden von den Behörden gesondert erfasst. Es gibt ein eigenes Antidiskriminierungsgesetz in Berlin.

Wagen Sie eine Bilanz und eine Prognose: Welche Themen werden ansonsten in den nächsten Jahren für die LSBTIQ-Bewegung und die Bundesstiftung von Bedeutung sein?

Wir haben viele wichtige Themen mit angepackt, die auch in den nächsten Jahren noch eine Rolle spielen werden: zum Beispiel die Entschädigung der Opfer des Paragraphen 175 StGB und der homosexuellen, »unehrenhaft« entlassenen Angehörigen etwa der Bundeswehr, Sichtbarkeit von Lesben, Enttabuisierung von Homosexualität im Fußballsport, Verbot von Konversionsbehandlungen, Aufbau eines Zeitzeugenarchivs, Geflüchtete. Von besonderer Bedeutung wird die Auseinandersetzung mit fundamentalistischen religiösen Gruppierungen sein. Hier dürfen wir nicht länger wegschauen.

Jörg Litwinschuh-Barthel ist hauptamtlicher Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

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