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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 16 / Sport
Olympia

Unvorbereitet wie nie

Kaum Geimpfte, steigende Coronazahlen, zu wenige Krankenbetten – Japan ist auf Olympia nicht gefasst
Von Igor Kusar, Tokio
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Mutmaßlicher Covidpatient in Yokohama, Japan (18.7.2021)

Es werden Olympische Spiele werden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat – kein Sportfest, sondern bloß eine Begegnung der weltbesten Athleten in seelenloser Atmosphäre. Die Sportstätten in Tokio und den benachbarten Präfekturen sind für Zuschauer gesperrt. Die Hauptstadt befindet sich seit dem 12. Juli im vierten Notstand, eine Olympiastimmung mag nicht aufkommen. Selbst die Sponsoren bekommen kalte Füße. Am Montag gab Toyota bekannt, auf die Ausstrahlung von TV-Spots mit Olympiabezug zu verzichten. Die Kritik, die Sommerspiele könnten zu einem sogenannten Superspreader-Event werden, schade – so die Toyota-Verantwortlichen – dem Ruf des Autobauers. Die einzige Reaktion auf die schlechte Stimmung, zu der Premierminister Yoshihide Suga fähig ist, sind seine immergleichen Worte, die er wie ein Mantra vorbetet: »Wir werden sichere und geschützte Spiele durchführen.«

Obwohl die Pandemie nun schon seit eineinhalb Jahren grassiert, ist Japan auf Olympia nicht vorbereitet. Die Impfungen haben erst spät eingesetzt, bisher haben nur knapp 25 Prozent der Bevölkerung den vollen Schutz erhalten. Die täglichen Infektionszahlen haben in Tokio wieder die 1.000-Marke geknackt, Tendenz steigend. Prognosen sprechen von mindestens 2.000 oder gar 4.000 täglichen Neuinfektionen in drei Wochen. Trotzdem wurde die Zahl der Krankenbetten für Neuinfizierte nicht signifikant erhöht. Deshalb wird von japanischen Intellektuellen immer wieder der Vergleich mit dem Vorabend des Zweiten Weltkriegs 1941 herangezogen, als sich ein ungenügend vorbereitetes Japan anschickte, die US-Amerikaner in Pearl Harbor anzugreifen. Damals wie heute gibt es niemanden, der die einmal gefällten Entscheidungen rückgängig machen könnte. Der damalige Premierminister Hideki Tojo meinte lakonisch, indem er sich auf einen bekannten Tempel an den Hängen von Kioto bezog: »Manchmal muss man einfach von der Terrasse des Kiyomizu-dera springen.« Vor 80 Jahren ­jubelte die Bevölkerung, diesmal versinkt sie in einen gefährlichen Fatalismus des »shoganai« (japanisch für »da kann man nichts machen«).

Doch unterhalb der Oberfläche macht sich Unzufriedenheit breit. Die widersprüchliche Haltung der Regierung, die von den Japanern Zurückhaltung verlangt und gleichzeitig Olympia den Vorrang gibt, wird immer deutlicher. Kein Wunder, dass Sugas Popularitätswerte immer weiter sinken und bereits die sensible 30-Prozent-Marke gerissen haben. Überdies fuhr seine Regierungskoalition bei den Parlamentswahlen in der Präfektur Tokio Anfang Juli eine Niederlage ein und verpasste die angestrebte Mehrheit. Selbst der Kaiser mischte sich in die Debatte um Olympia ein und äußerte seine Besorgnis angesichts der Gefahr explodierender Infektionszahlen.

Und als ob das nicht schon genug wäre, kam es am Donnerstag zu einem Eklat: Die Olympiaorganisatoren entbanden den Kreativdirektor der Eröffnungsfeier, Kentaro Kobayashi, von ­seinen Aufgaben. Anlass war das Auftauchen eines Videos von einem Auftritt des früheren Komikers von 1998, bei dem er sich über den Holocaust lustig gemacht hatte.

Doch nicht nur die einheimischen Verantwortlichen stehen in der Kritik, sondern auch das arrogante und abgehobene Benehmen des ausländischen »Olympiaadels«, wie IOC-Boss Thomas Bach und Co. in Japan manchmal genannt werden. Bachs Kollege Richard Pound etwa meinte Ende Mai, die Spiele würden stattfinden, auch wenn sich Suga dagegenstellen sollte. In den japanischen Medien wird Bach deshalb gerne mit Douglas MacArthur verglichen, dem Oberbefehlshaber der US-Besatzungstruppen in Japan nach 1945. Ob angesichts dieser Zustände die von den Organisatoren erhoffte Olympiaeuphorie doch noch kommen wird, ist mehr als fraglich – trotz des zu erwartenden Medaillenregens für die japanische Mannschaft, die bei den Vorbereitungen auf die Spiele einen erheblichen Vorteil hatte.

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