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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 15 / Feminismus
Gewalt im Internet

Feministische Netzpolitik im Kapitalismus

Vereine und Wissenschaftlerinnen engagieren sich gegen Frauenfeindlichkeit im Internet
Von Gitta Düperthal
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»Feministische Netzpolitik muss mindestens kapitalismuskritisch sein ...« (Nutzerinnen von offenem W-LAN in einem Park in New York, 21.8.2015)

Im Internet nehmen sexistische Hasskommentare, Cyberstalking und -mobbing gegen Frauen zu. Diese Form der Frauenfeindlichkeit sehen Wissenschaftlerinnen als Gefahr für die Demokratie an und thematisieren digitale Gewalt, Überwachung und Kontrolle, Algorithmen sowie künstliche Intelligenzen. Das Internet betrifft wichtige Lebensbereiche; Bildungsprozesse und auch die Verwaltung werden zunehmend digitalisiert. »Wenn Frauen aus dem Netz vertrieben werden, können sie an demokratischen Prozessen kaum mehr teilhaben«, erklärte Francesca Schmidt, Vorstehende des Vereins für feministische Netzpolitik »Netzforma«, am Dienstag gegenüber junge Welt.

Allerdings werde in dem Bereich juristisch und politisch kaum reguliert. Daher wird immer häufiger darüber debattiert, ob Internet ein »Safe Space«, also ein sicherer Raum sein kann – frei von Sexismus und Diskriminierung. Beispielhaft für existierende Problematiken steht die Wikipedia, oft als »das Lexikon« im Internet beschrieben. Der vermeintliche »Ort für neutrales Wissen« hat ein Diversitätsproblem, meint Schmidt. Männer, die bei Wikipedia mindestens 90 Prozent der Community ausmachen, setzten deren Regeln fest und verfestigten so einen eingeschränkten Zugang zur Welt. Daher sei es auch kein Wunder, dass es bei Wikipedia an Einträgen zu weiblichen historischen und politischen Persönlichkeiten sowie feministischen Inhalten fehle.

Angesichts dessen drängt sich für manche die Frage auf, ob es ein »feministisches Internet« geben sollte, und – wenn ja – wie ein solches aussehen könnte. Zu dem Thema arbeitet »Motif«, ein von den Wissenschaftlerinnen Katrin Fritsch und Helene von Schwichow gegründeter Thinktank. Eines ihrer Projekte ist das »feministische Zukunftsarchiv«, in dem mehr als 50 Autorinnen aus aller Welt eigene Zukunftsvisionen in bezug auf das Internet eingebracht haben. So heißt es dort etwa: »2030 ist der Umgang mit Shitstorms eine regelmäßige Aufgabe im Schulunterricht.« Thematisiert werden auch »Dynamiken von Aufregungswellen in sozialen Medien gestern und heute« – ein Phänomen, dem man »früher« hilflos ausgesetzt gewesen sei. Dem stellen die Autorinnen eine Warnfunktion entgegen, die »organisierte, internalisierte Solidarität (OIS)«: Um »Expert*innen zu mobilisieren, die Fakten checken«, oder auch »Buddies«, Freundinnen und Freunde, die in Shitstorms solidarisch eingreifen, um Betroffene schützen zu können.

Auch von Unternehmerinnenseite gibt es mittlerweile Vorstöße, das Internet »feministischer« zu gestalten. So berichtete die Wiener Tageszeitung Die Presse im Februar, die US-Managerin Whitney Wolfe Herd, die mit einer Dating-App zur Milliardärin geworden ist, wolle »ein Internet für Frauen« schaffen. Das Ziel der Unternehmerin, die vor allem auf einen hohen Anteil an Frauen unter ihren Angestellten setzt: eine »digitale Welt, in der Gleichberechtigung, Respekt und Rücksichtnahme vorherrschen«.

»Netzforma« sieht hingegen den Zusammenhang zwischen gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und den Dynamiken im Internet. So ist Schmidt überzeugt: Die Beschleunigung digitaler Gewaltsysteme resultiere daraus, dass damit Geld verdient werden könne. Facebook-Feeds zielten darauf, dass Menschen nach Affekten und Aufmerksamkeit heischen. Die Idee sei, dass man sich so lange wie möglich dort aufhalte, soviel Werbung wie möglich konsumiere. Dabei handle es sich um ein kapitalismusimmanentes Problem. Feministische Netzpolitik müsse daher mindestens kapitalismuskritisch sein – auch wenn Schmidt die Vorstellung von einer anderen Gesellschaft fehle.

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