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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 15 / Feminismus
Filmkritik

Zärtlichkeit und Sexarbeit

Nüchterner Blick auf den Alltag im Bordell und eine Beziehung jenseits der Heteronormativität. Der Film »Glück« von Henrika Kull
Von Meike Voelker
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Im Zentrum des Films: Die Liebe zwischen den beiden Sexarbeiterinnen Sascha (l.) und Maria

Maria kramt in ihrer Tasche, lächelt, stellt einen kleinen Kerzenhalter auf den Imbisstisch und steckt eine lila Kerze hinein. So einfach kann Romantik sein in Henrika Kulls zweitem Spielfilm »Glück«. Die queere Liebesgeschichte spielt irgendwo zwischen einer Welt, in der weibliche Körper sexualisiert werden, und einer, in der sie selbst aus dieser Objektifizierung Kapital schöpfen.

Die Anfang 40jährige Sascha (gespielt von Katharina Behrens) arbeitet schon lange im Berliner Bordell »Queens« und ist beliebt bei Kolleginnen wie Kunden. Als die junge, von Tattoos übersäte Maria (gespielt von Adam Hoya) im Bordell anfängt, ist sie sofort fasziniert von Saschas souveräner Art. Und auch Maria übt ihre ganz eigene Anziehung auf Sascha aus: Sie ist unangepasst und queer, kritzelt im Pausenraum Poesie in ihr kleines Notizbuch und raucht ähnlich viel.

Sinnlich folgt die Kamera den heimlichen Flirtversuchen der beiden, sieht zu, wie sie einander umkreisen, bleibt ganz nah, bis die Leinwand nur noch von ihrer Liebe gefüllt ist, manchmal unsicher und doch leuchtend. So lösen sich die beiden Protagonistinnen bewusst von heteronormativen Skripten der Zärtlichkeit und versuchen sich immer wieder neu am Lieben.

Auch die Kamera lässt konventionelle Erzählungen hinter sich: Der von der »Hure, die zu kaputt zum Lieben ist«, trotzen Maria und Sascha voller Kraft und mit Mut zur Zerbrechlichkeit. Vor allem aber gelingt es dem Film, die Arbeit im Bordell weder zu glorifizieren noch auf die dort Arbeitenden mit einem bemitleidenden Blick hinabzuschauen. Statt dessen wird die Sexarbeit nüchtern skizziert: Das routinierte Überstreifen eines Cardigans beim Aufstehen vom Bett gehört genauso dazu wie der Griff nach dem Kondom und die Zigarette im Pausenraum. »Glück« zeigt die oft nackten Körper respektvoll, ohne sie vorzuführen, und schafft es, auf Voyeurismus zu verzichten.

Ihre Authentizität erlangt diese Darstellung nicht zuletzt durch die langjährige Recherchearbeit der Regisseurin: Kull hat seit 2010 in unterschiedlichen Bordellen mit Sexarbeiterinnen, aber auch ihren Kunden gesprochen, in einigen hinter der Bar gearbeitet oder den Hausdamen assistiert. »Glück« spielt in einem dieser Bordelle, gedreht wurde bei laufendem Betrieb. So mischt der Film professionelle Schauspielerinnen mit echten Sexarbeiterinnen und Gästen. Maria etwa wird vom transgeschlechtlichen Mann Adam Hoya gespielt, der über viele Jahre selbst von der Sexarbeit gelebt hat.

Der Film traut sich dabei eine erfrischende Ehrlichkeit zu: Die Zuschauenden hören Gesprächsfetzen mit, in denen die Arbeiterinnen ihre Wut über die schlechte Bezahlung in anderen Bereichen der Lohnarbeit äußern. Sexarbeit wird hier vor allem als eines präsentiert: eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Kull weigert sich, Ausbeutung von Frauen nur im Sexgewerbe zu sehen und bietet statt dessen einen systemischen Blick: Sie fragt nicht nur »ob denn selbstbestimmte Sexarbeit möglich ist«. Vielmehr interessiert sie »die Frage, ob selbstbestimmte Arbeit im Kapitalismus überhaupt möglich ist«.

Die Regisseurin weiß selbst, dass der Film keine Aussagekraft über Zwangsprostitution und Menschenhandel treffen kann. Ihr Film ist spezifisch, zeigt Bilder von der in Deutschland deutlich häufiger existierenden Sexarbeit als selbstständige Dienstleistung. Zu oft wird dieses Thema moralisiert, selten als Arbeits- oder gar Klassenkampf verstanden. Sexarbeit gehöre verboten, so die »einzig wahre« feministische Position. Der Film bricht damit und suggeriert unterschwellig, dass mehr als eine formale Abschaffung von Sexarbeit notwendig wäre.

»Glück« ist eine Studie darüber, wie unterschiedlich Sexarbeiterinnen mit ihren Kunden, aber vor allem mit sich selbst und ihrer Weiblichkeit umgehen. Doch im Zentrum des Films stehen immer Maria und Sascha und ihre zaghaften Versuche von Zärtlichkeit, Verbundenheit und Verletzlichkeit. Es geht viel um das titelgebende Glück und noch mehr um die Angst, es nicht erreichen zu können.

»Glück«, Regie Henrika Kull, Deutschland 2021, Kinostart: 22. Juli

Siehe auch: Jenny Künkel, Kathrin Schrader: Sexarbeit – Feministische Perspektiven. Unrast Verlag, Münster 2019, 104 Seiten

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