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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Ein Fang der besonderen Art

Unerfreuliche Verwicklungen, widrige Lebensumstände, korrupte Behörden – in »Gaza mon amour« geht es trotz allem eher lustig zu
Von Ronald Kohl
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Irgendwann will er sie ansprechen, danach wird man weitersehen

Ein kleines Fischerboot fährt Nacht für Nacht bei Wind und Wetter aufs Meer hinaus. Der alte Mann am Steuer müsste laut lachen, wenn er diesen Satz lesen würde, denn die Entfernung zur Küste beträgt nur ein paar hundert Meter. Mehr ist nicht erlaubt und seine Ausbeute entsprechend gering. Der gesamte Fang ließe sich mühelos in einem gewöhnlichen Einkaufsnetz verstauen. Issa (Salim Daw) nimmt es gelassen. Viel mehr könnte er an seinem Marktstand ohnehin nicht verkaufen.

Die wirtschaftliche Misere ist ein beständiges Hintergrundgeräusch im Film »Gaza mon Amour«. Auf diesen permanenten Summton der Armut reagiert jede der Figuren auf ihre Weise.

Issas einzigem Freund Samir (George Iskandar), der einen der typischen Gemischtwarenläden besitzt, hängt alles zum Halse heraus: die Luftangriffe, die regelmäßigen Stromsperren und nicht zuletzt seine Kundschaft, die zu weiten Teilen schon seit Monaten nur noch anschreiben lässt. Und so träumt Samir, der gut dreißig Jahre jünger ist als der Fischer Issa, von Europa und opfert seine Ersparnisse für die Bezahlung eines dubiosen Schleppers.

Auch der sechzigjährige Issa plant eine radikale Veränderung seines bisherigen Lebens. Nach Jahrzehnten als Junggeselle will er plötzlich heiraten. Er hat sich in eine verwitwete Schneiderin verliebt, die ein kleines Geschäft in der Nähe seines Marktstandes betreibt. Irgendwann will er sie ansprechen. Danach wird man weitersehen.

Beide Freunde betrachten das Vorhaben des anderen mit größter Skepsis. Vor allem ist sich der Gemischtwarenhändler Samir sehr sicher, dass es Issa niemals gelingen wird, sich mit dem Parfum, das er nun schon seit Ewigkeiten benutzt, erfolgreich einer Frau zu nähern. Deshalb hält er ihm eine kleine Schachtel einer modernen Marke unter die Nase. »Probier’s doch mal. Es hat mehr Klasse und passt besser zu deinem Alter.« Issa kneift seinem Freund in die Wange und zieht ihm die Haut straff. »Ich sehe jünger aus als du.« Dann macht er sich auf den Weg zu seinem Kutter.

In dieser Nacht geht ihm ein Fang der besonderen Art ins Netz. Eine antike Statue. Genauer gesagt, der griechische Gott Apollo höchstpersönlich, nackt und mit einem mächtigen Ständer. Von da an wird es richtig lustig. Nur nicht für Issa.

Neben den widrigen Lebensumständen nehmen die Filmemacher, Arab und Tarzan Nassar, einen zweiten, ebenfalls sehr unerfreulichen Teil des Alltags in Gaza aufs Korn: die Behörden. Just in dem Moment, da Issas Schwester die Heiratspläne ihres jüngeren Bruders in die richtige Richtung zu lenken versucht und mit einem Schwung Bewerberinnen bei ihm aufkreuzt, stürmt die Polizei das Haus und beschlagnahmt die Statue, die allerdings aufgrund eines kleinen Unfalls nicht mehr ganz vollständig ist. Außerdem wird Issa verhaftet. Anscheinend soll er solange im Knast bleiben, bis man die Statue im Ausland verscherbelt hat. Gesteuert wird die ganze Aktion von einem sehr wichtigen Minister. Es bleibt unklar, ob es sich dabei um den Kultur- oder den Wirtschaftsminister handelt. Vielleicht ist es auch der Rüstungsminister. Der trägt zwar Zivil, hat aber eine kleine Rakete auf seinem Schreibtisch zu stehen.

Nach einigen Turbulenzen können die Behörden dem interessierten Käufer im Ausland die nun wieder komplette Statue liefern, und Issa wird aus der Haft entlassen. Sein Freund Samir hat sich zwischenzeitlich auf den Weg nach Europa gemacht und das kleine Fläschchen mit dem neuartigen Parfum für Issa als Geschenk hinterlassen. Der nebelt sich damit ordentlich ein, bevor er endlich die verwitwete Schneiderin besucht.

Und auch die Hamas hat aufgerüstet. Unterwegs sieht Issa, wie unter großem Jubel eine Rakete am Arm eines Krans durch die Luft schwebt. Der Zuschauer erfährt allerdings nicht, ob diese Rakete im direkten Tausch gegen den Apollo mit dem angeklebten Pimmel nach Gaza geliefert wurde.

In der Presseinformation zum Film heißt es nur, dass die antike Statue, die als Anregung für das Drehbuch gedient hat, bei einem israelischen Luftangriff zerstört wurde. Das wäre sicher auch kein schlechter Schluss gewesen. Doch die Filmemacher haben sich dafür entschieden, in der letzten Szene die Wirkung von Issas neuem Parfum anzudeuten.

»Gaza mon amour«, Regie: Arab und Tarzan Nassar, Palästina/Frankreich (u. a.) 2020, 87 Min., bereits angelaufen

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