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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Sommerloch

Kulturkampf an der Ostsee

Sommer, Sonne, Sonstiges: Die Reservate für FKKler werden kleiner
Von Bernhard Spring
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Wer will schon irgendeinen Nackedei auf dem Urlaubsfoto vom Leuchtturm haben?

Mal eben an die Ostsee, die Düne rauf, die Hose aus und rein ins Wasser: Wenn es nur so einfach wäre! Wer für einen Abstecher ans Meer möchte, sollte Badehose und Bikini einpacken, denn die Anhänger der Freien Körperkultur haben es in diesem Sommer besonders schwer.

Zwar scheint sich unter den älteren Mitbürgern die Abneigung gegen Bade­kleidung beharrlich zu halten. Und auch urbane Freigeister entdecken immer mehr die Freude am unverhüllten Badespaß. Doch vor allem den westdeutschen und internationalen Badegästen ist der Anblick von nackter Haut außerhalb der Pornokanäle offenbar ein Graus. Deshalb wurden die FKK-Strände seit der »Wende« immer kleiner und dabei an den steinigen Rand vom Strand verbannt. Denn wer will schon irgendeinen Nackedei auf dem Urlaubsfoto vom Leuchtturm haben?

Die Coronapause haben viele Badeorte genutzt, um ihre Strandordnung zu überarbeiten, und dabei den FKK-­Bereich neu abgesteckt. Die aktuelle ­Lage sieht so aus: In Sellin auf Rügen darf nur am Südstrand auf Badekleidung verzichtet werden, in Binz sind zwar knapp 300 Meter Strand für die Nackten reserviert, diese befinden sich aber gut zwei Kilometer von der zentralen Seebrücke entfernt. Wer in Baabe den FKK-Strand sucht, findet ihn am Ortseingang vom benachbarten Göhren. In Ahlbeck auf Usedom dürfen sich Nacktbadende gern »unweit der polnischen Grenze« ausziehen.

Konflikte sind bei diesem aggressiven Verdrängungsprozess programmiert: Sind (wahlweise einheimische) FKKler Strandgäste zweiter Klasse? Warum dürfen Textiler zum FKK-Strand flanieren, Nackte aber keinesfalls ihr Reservat verlassen? Und überhaupt: Was soll das ganze Trara um ein paar Zentimeter Haut?

Vielleicht steckt ja etwas Politisches hinter der Anfeindung der Nacktheit: Hier kassiert eine konservative Zensur das Adamskostüm, um die Ostsee zu einer noch austauschbareren Urlaubsregion für den beliebigen Massentourismus zu machen. Nebenher wird ein harmloses ostdeutsches Kulturgut plattgemacht. Soziologen sprechen vom »tiefen Kolonialismus«. In Warnemünde ist dieser Prozess noch voll im Gange. Die Rostocker Bürgerschaft möchte die Strandordnung reformieren und dabei den FKK-Bereich quasi halbieren. Ein Kommunaler Ordnungsdienst (KOD) soll künftig darüber wachen, dass sich nur noch an den Strandabschnitten 18 bis 22b ein nahtloser Sonnenbrand zugezogen wird. Der Ortsbeirat von Warnemünde schiebt die Abstimmung über das Vorhaben aber immer wieder auf. So schwebt das Damoklesschwert über der Düne zwischen den Hotels Neptun und Best Western. Wie lange noch? So lautet die bange Frage. Aktivisten verzichten trotzig auf Strandmuschel und Strandzaun, um sich so nackt wie möglich zu präsentieren, samt Intimschmuck und Orangenhaut. Pessimisten gehen nachdenklich am Strandabschnitt 25 ins Wasser. Vielleicht zum letzten Mal nackt?

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Dr. med. habil. Werner M. aus Dessau-Roßlau (23. Juli 2021 um 12:44 Uhr)
    Nachdem ich eine Kindheit und Jugend mit FKK in der DDR verbracht habe, hat es mich 2014 auf Usedom schon sehr irritiert, dass sich das »Textilstrandareal« sehr ausgeweitet hatte und die FKK-Freunde mit den Hunden gemeinsam an den Rand verbannt worden waren ... wobei die Hundehalter keineswegs alle auch FKK-Bader waren. An den im Artikel genannten »FKK-Wächter« kann ich mich aus meiner Kindheit aber durchaus erinnern. Aber im Gegensatz zu seinem »Nachfolger«, um den es im Artikel geht, wies er Textilbader gern darauf hin, dass Angezogene am FKK-Strand nicht so gern gesehen waren.
    C. Hoffmann
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gerd B. aus Berlin (22. Juli 2021 um 23:01 Uhr)
    Fast alles richtig, bis auf eine kleine Ungenauigkeit: Die FKK-Bewegung war keine Erfindung der DDR, sondern ist älter. Da die Bewegung in der DDR nicht unterdrückt, sondern freundlich geduldet wurde, erreichte sie in diesen Jahrzehnten ihre größte Verbreitung.
    Gerd Bedszent

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