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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 8 / Inland
Lage von Geflüchteten und Migranten

»Am Ende wird die Solidarität gewinnen«

Geflüchtete Frauen demonstrieren mit Bustour für Abschaffung des Lagersystems für Asylsuchende. Ein Gespräch mit Elisabeth Ngari
Interview: Carmela Negrete
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Banner der Kampagne »Women in Exile« am Mittwoch in Potsdam

Ihre Initiative »Women in Exile« hat eine Aktionstour gestartet, um auf bestehende Probleme hinzuweisen. Was planen sie konkret?

Wir sind eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, die 2002 in Brandenburg gegründet wurde und machen zur Zeit eine Bustour, die wir am Mittwoch mit einer Kundgebung am Steubenplatz vor dem Brandenburger Landtag begonnen haben. Wir wollen über das System der Lagerunterbringung von Geflüchteten sprechen, das Hauptanliegen unserer Arbeit als Verein. Diese Art und Weise der Unterbringung diskriminiert Menschen. Asylverfahren ziehen sich oft in die Länge, und die Menschen sind gezwungen, jahrelang dort zu leben, manche sogar über zehn Jahre. Deshalb setzen wir uns für unsere Rechte ein und fordern, dass die Lager abgeschafft werden. Wir versuchen mit dieser Bustour auf die Zustände aufmerksam zu machen.

Sie sind ein Frauenverein. Ist die Situation von Frauen besonders?

Definitiv. Diese Isolation, die Unterbringung an abgesonderten Orten erzeugt viel Frustration, die sich oft in Gewalt und Depressionen niederschlägt. Es gibt viele interne Konflikte, wobei es sexualisierte Gewalt bis hin zu vereinzelten Vergewaltigungen gibt. Auch Suizid ist ein großes Pro­blem. Vor rund zwei Jahren starb eine Frau, die damals in einem solchen Lager lebte. Wir wollen deshalb besonders für die Rechte von Frauen und Kindern an diesen Orten kämpfen und die Grenze durchbrechen, die unsere Teilhabe an der Gesellschaft verhindert.

Hat die Pandemie die Situation verschlechtert?

Ja, während der Pandemie wurde alles schwieriger und teilweise auch gefährlicher. Geflüchtete mussten nicht nur mit den bestehenden Pro­blemen umgehen, wie beispielsweise den schlaflosen Nächten aus Angst vor der Abschiebung. Es gab auch viele Sorgen wegen der hygienischen Zustände. Es wurden immer wieder Quarantänen verhängt: Alle saßen dann da und konnten nicht raus, selbst wenn sie Dinge benötigten, die vorher vielleicht jemand vorbeigebracht hätte. Die Angst vor der Ansteckung war an einigen Orten auch groß, da Abstände und andere Maßnahmen nicht eingehalten werden konnten.

Wie lange geht die Bustour und welche Städte werden Sie besuchen?

Wir starten in Potsdam, von da aus geht es nach Hamburg, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern. Rostock, Berlin und Stralsund sind drei der zehn Städte, die wir besuchen werden und die wir auf unserer Webseite aufgelistet haben. Auf der Tour wollen wir verschiedene Lager besuchen, uns gegenseitig ermutigen und Erlebnisse der Bewohner öffentlich machen. Die 40 Frauen und Kinder werden bis zum 4. August unterwegs sein. An diesem Tag wird es dann eine Kundgebung am Oranienplatz in Berlin geben. Auch andere Organisationen unterstützen uns. Seebrücke Potsdam arbeitet mit bei unserer Bustour, hat unsere Demonstration in Potsdam organisiert. Außerdem arbeiten wir mit Solibus e. V. zusammen.

Ihr Verein wurde bereits im Jahr 2002 ins Leben gerufen, die Gründe, weswegen Sie jetzt mit Ihrer Bustour demonstrieren, scheinen ähnlich wie damals. Hat sich in dieser Zeit nichts geändert?

Es hatte sich schon etwas verbessert. Teilweise war die Residenzpflicht gelockert worden, sie wurde allerdings zwischen 2015 und 2016 wieder verschärft. Die Bewegungsfreiheit ist genauso wie die Abschaffung aller Lager eine unserer wichtigen Forderungen. Man keine Menschen jahrelang in Lager einsperren und behaupten, dass man etwas für sie tut. Man kann Menschen nicht integrieren, die buchstäblich isoliert sind, am Rande der Städte oder mitten im Wald, wo viele der Flüchtlingslager liegen. Wir wissen, dass am Ende die Solidarität gewinnen wird. Wir hoffen, dass es mit der Praxis der Lager besser früher als später vorbei sein wird und für die Geflüchteten ein Leben in Würde möglich wird.

Elisabeth Ngari ist Mitbegründerin von »Women in Exile«

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