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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 7 / Ausland
Brasilien

Hetzjagden gegen Roma

Brasilien: Mehrere Tote nach Vorfällen im Bundesstaat Bahia. Gerechtigkeit für Opfer gefordert
Von Carmela Negrete
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Angehörige der Roma-Gemeinde in Bahia, Brasilien: »Wie Tiere von der Militärpolizei gejagt« (Salvador, 28.3.2013)

In Brasilien ist es in der vergangenen sowie in dieser Woche zu regelrechten Hetzjagden auf Roma gekommen. Alles begann am 13. Juli in der Stadt Vitória da Conquista im Süden des brasilianischen Bundesstaates Bahia, als zwei Polizisten erschossen wurden. Am Abend startete die Polizei Razzien gegen mutmaßliche Täter, die wiederum mit dem Tod von drei Menschen endeten. Brasilianische Medien berichteten, diese seien durch Schusswaffen der Einsatzkräfte getötet worden. Einen Tag später wurde zudem ein 14jähriger in einer Apotheke erschossen. Der Fernsehsender Glovo berichtete, bei ihm habe es sich um den Bruder eines der Festgenommenen, die als zur Romagemeinde zugehörig beschrieben werden, gehandelt, was das Motiv Rache nahelegt.

Laut der »Einheit der Roma Brasiliens« (»União Cigana do Brasil«) stellte die tödliche Auseinandersetzung den Startschuss für eine Hetzjagd auf Roma dar. In deren Rahmen seien mindestens 15 Personen angeschossen wurden, sechs von ihnen starben. Autos und Häuser wurden angezündet, insbesondere in Bahia. Auch durch die sozialen Medien schwappte eine Welle des Antiziganismus, in zahlreichen Kommentaren wurde die Romagemeinde beleidigt.

In einer Erklärung vom Sonnabend, die bereits von rund 260 weiteren Organisationen und Einzelpersonen unterschrieben wurde, fordert die »Einheit der Roma Brasiliens« die Öffentlichkeit auf, »für das Leben der Romagemeinde im Bundesstaat Bahia zu intervenieren«. Deren Angehörige würden »wie Tiere von der Militärpolizei gejagt«, wofür die Täter bestraft und vor Gericht gebracht werden müssten, »in Einklang mit den Gesetzen des Landes«. Der entsprechende Eintrag auf Facebook endet mit den Worten: »Wenn sie versuchen, uns zu töten, vereinen wir uns, um zu überleben und für unsere Würde und Gerechtigkeit zu kämpfen.«

Die Präsidentin der Nationalen Vereinigung der Romafrauen, Edvalda Bispo dos Santos, die auch das Brasilianische Romainstitut in Bahia koordiniert, erklärte in einer über Facebook verbreiteten Videobotschaft, sie verabscheue »die Attacken gegen die Romagemeinden«. Statt die Täter vor Gericht zu bringen, werde »gegen Menschen vorgegangen, die nichts mit den Taten zu tun haben«. »Wo ist das Recht auf Leben der Roma? Romaleben zählen auch! Insbesondere die der Unschuldigen. Wir werden nicht länger schweigen.«

Am Mittwoch besuchte eine Delegation der brasilianischen Regierung die Stadt Vitória da Conquista, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen, wobei sie sich vor allem mit Lokalpolitikern trafen. Während sich Präsident Jair Bolsonaro zwar vordergründig an die Seite der Roma stellt, spricht die Politik der von ihm angeführten Regierung eine andere Sprache. Im April erklärte beispielsweise Bildungsminister Abraham Weintraub, er hasse den Begriff »Volk der Roma«, da es »nur ein brasilianisches Volk« gebe. Die Äußerung löste nicht nur unter Angehörigen der Roma, sondern auch unter Vertretern anderer sogenannter traditioneller Völker Brasiliens große Empörung aus.

Gerade die Coronapandemie zeigte einmal mehr die strukturelle Diskriminierung der Romagemeinden in Brasilien, beispielsweise im Rahmen des Impfprogramms. Obwohl sie offiziell zu den sogenannten traditionellen Völkern gezählt werden, wurde ihnen eine Einteilung als Prioritätsgruppe im Impfprogramm verwehrt.

Laut der Volkszählung von 2010 identifizieren sich rund 800.000 Brasilianerinnen und Brasilianer als Roma, was 0,4 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. In einem Bericht der Vereinten Nationen von 2015 heißt es, die Volksgruppe leide weiterhin unter rassistischen Klischees. So würden Roma in Brasilien »oftmals als Diebe, Bettler und Wahrsager stigmatisiert«.

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