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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 6 / Ausland
500 Jahre Kolonisierung

Reisefreiheit verwehrt

Französische und mexikanische Behörden blockieren Zapatista-Delegation
Von Ramona Gärtner
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Kämpfen gegen französische Behörden, um ihre Europareise fortsetzen zu können: Mexikanische Zapatistas (hier in Barcelona, 6.7.2021)

Weltweit uneingeschränkt reisen zu können, ist ein Privileg. Nur etwa vier Prozent der Weltbevölkerung sind jemals international geflogen, erinnerte die Klimagerechtigkeitsaktivistin Karla Fuchs in ihrem Redebeitrag auf einer Aktion zur »Reise für das Leben« am Dienstag in Frankfurt am Main. »Ob, wie oft und wohin du schon geflogen bist, sagt also viel darüber aus, inwiefern du zur globalen Elite der Reisefreiheit gehörst.« Die »Reise für das Leben« wird seit Oktober 2020 von der zapatistischen Bewegung aus Mexiko gemeinsam mit Tausenden Organisationen und Aktivisten in 30 Ländern Europas geplant. Mit Verweis auf die Coronapandemie wollen französische Behörden den 177 zapatistischen Aktivistinnen und Aktivisten ihr Recht auf Reisefreiheit nun verwehren.

Wer einen europäischen Pass hat, darf unabhängig vom Impfstatus aus Mexiko in die EU einreisen und muss sich in Quarantäne begeben, die durch einen negativen PCR-Test verkürzt oder beendet werden kann. Wer keinen solchen besitzt, muss entweder vollen Impfschutz durch einen in der EU zugelassenen Impfstoff vorweisen oder »wichtige« Gründe für die Einreise anführen können. Kritiker sehen darin von Behörden unter dem Vorwand der Pandemie praktizierten Rassismus.

Der 177köpfigen Delegation gehören Mitglieder der EZLN an, einer indigenen Bewegung aus Chiapas in Südmexiko, sowie Aktivisten des CNI (Nationaler Kongress der Indigenen in Mexiko) und der FPDTA (Volksfront zur Verteidigung von Land und Wasser). Anlass ist der 13. August 2021, an dem sich die Eroberung Mexikos durch spanische Kolonisatoren zum 500. Mal jährt. Doch der Delegation geht es nicht um eine Entschuldigung Spaniens oder gar der EU, ihre Reise sehen sie vielmehr als ein Projekt der Dekolonisierung: Es soll ergründet werden, was uns über Kontinente hinweg miteinander verbindet – was uns zu einem gemeinsamen, globalen Wir macht. Der Bruch mit kolonialen Denkweisen ist das Ziel.

Aus diesem Grund haben mittlerweile rund 1.000 Organisationen, Bewegungen, Intellektuelle und renommierte Künstler wie Manu Chao und die spanische Gewerkschaft CGT ein Schreiben an die französischen Behörden verfasst, um sich für die Einreisegenehmigung starkzumachen. Seit Monaten planen Bewegungen auf beiden Seiten des Atlantiks die Ankunft in Paris mit einer großen Willkommensfeier. Die Antwort der Behörden fiel dabei äußerst stumpfsinnig aus: Man habe sich nicht an die geltenden Vereinbarungen der Einreise gehalten, weswegen diese aktuell nicht möglich wäre.

Dass es sich bei den Zielen der Reise um die von den Behörden geforderten »wichtigen« Gründe handle, scheinen sie zu ignorieren. Vermutlich sind die einzigen »wichtigen« Gründe, die ihrer Logik nach existieren, wirtschaftliche. Die Aktivisten auf beiden Seiten des Atlantiks planen weitere Aktionen. In Mexiko wird sich vorrangig darauf konzentriert, die fehlenden Reisepässe für 62 Teilnehmende der Delegation zu erhalten und an die schwer zugänglichen Impfdosen zu gelangen. Mittlerweile hat die EZLN aufgrund von Schikanen seitens der mexikanischen Behörden bei der Beantragung von Reisepässen all ihre finanziellen Reserven aufgebraucht.

In Europa planen Aktivisten derzeit zahlreiche Aktionen, mit denen auf friedliche Weise das Gewährenlassen der Delegation eingefordert werden soll. Doch ob das gelingt, scheint angesichts der ersten Reaktion der französischen Behörden eher unwahrscheinlich. Die Aktivistin Mia Sommer kommentierte dazu auf einer Solidaritätsveranstaltung in Luckau (Wendland): »Wenn uns die EU weder zuhören noch verstehen will, sehen wir uns gezwungen, in ihrer Logik zu agieren und sie dort anzugreifen, wo es ihnen weh tut – und das ist meist überall da, wo Waren mehr Privilegien als Menschen genießen.«

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