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Aus: Ausgabe vom 23.07.2021, Seite 4 / Inland
Drogenpolitik

Die kalte Schulter

Gedenktag für Drogentote: Prävention scheitert an politischem Unwillen
Von Markus Bernhardt
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Spritzentausch in der integrativen Drogenhilfe Frankfurt am Main (4.7.2017)

Mehrere tausend Menschen haben am Mittwoch an einer Reihe von Protestaktionen und Mahnwachen teilgenommen, die in über 80 bundesdeutschen Städten anlässlich des Internationalen Gedenktages für verstorbene Drogengebraucherinnen und -gebraucher stattgefunden haben. Der Gedenktag war erstmalig 1998 begangen worden und geht zurück auf das Engagement der Mutter des am 21. Juli 1994 in Gladbeck verstorbenen jungen Drogenkonsumenten Ingo Marten.

Mit insgesamt 1.581 Drogentodesfällen wurde im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik die höchste Zahl seit 20 Jahren verzeichnet. Um solche Todesfälle zukünftig zu verhindern, sprachen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkaktionen in diesem Jahr einmal mehr für eine Entkriminalisierung des Drogenkonsums sowie den Ausbau niedrigschwelliger Hilfen aus. Bisher scheitern jedoch einfache Maßnahmen am nicht vorhandenen Umsetzungswillen der etablierten Politik. So fehlen etwa die flächendeckende Einführung öffentlicher Drogenkonsumräume, der Ausbau der Substitution oder auch das Drug-Checking, welches Konsumentinnen und Konsumenten ermöglichen soll, ihre Drogen anonym auf mögliche Verunreinigungen und den Wirkstoffgehalt untersuchen zu lassen.

Allerdings machten 1.581 verstorbene Drogengebraucherinnen und -gebraucher auch »deutlicher denn je, dass es damit alleine nicht mehr getan ist«, warnte Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug bei der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH), am Donnerstag auf jW-Anfrage. Der Tod vieler Menschen sei schließlich »die Folge jahrzehntelanger Verfolgung und Kriminalisierung mit allen sozialen und gesundheitlichen Folgen«, erinnerte er. »Ich erwarte von der nächsten Bundesregierung – egal, in welcher Zusammensetzung –, dass der Erwerb und Besitz geringer Mengen zum Eigenbedarf egal welcher Substanz nicht mehr unter Strafe gestellt wird. Der Staat ist ultimativ aufgerufen, sich jenseits von Prohibition Gedanken um den Schutz seiner Millionen Bürgerinnen und Bürger zu machen, die heutzutage illegale psychoaktive Substanzen konsumieren«, forderte Schäffer, der sich auch im Netzwerk JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte) engagiert und am Mittwoch an der Gedenkveranstaltung von »Vision e. V. – Verein für innovative Drogenselbsthilfe« in Köln teilnahm.

Allein in der Domstadt waren im vergangenen Jahr 50 Menschen »an den Folgen von Schwarzmarkt und unter den oft katastrophalen Konsumbedingungen« gestorben, bemängelte auch David Tepr von Vision e. V. »Viele dieser Todesfälle wären zu vermeiden, wenn die Politik im Bund und in den Ländern den Mut hätte, das Hilfesystem weiterzuentwickeln.« Drogenkonsumräume seien ein Baustein, um Leben zu retten. Jedoch biete die Metropole Köln aktuell einzig sieben Konsumplätze an, monierte seine Vereinskollegin Claudia Schieren. Die Menschen konsumierten daher weiterhin in der Öffentlichkeit, allein, stellte sie klar. Ohne medizinische Unterstützung stürben sie dort gegebenenfalls auch allein.

Schon seit Jahren sprechen sich Interessenvertretungen und Verbände wie die »Bundesarbeitsgemeinschaft der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit« und die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin für strukturelle und medizinische Veränderungen in der Substitution und Präven­tion aus. Insbesondere sei es notwendig, den Zugang zur Substitutionstherapie niederschwelliger zu gestalten. »Für viele nichtbehandelte Opioidkonsumentinnen und -konsumenten führen die immer noch strikten Regelungen, gepaart mit engen Vergabefenstern, zu Versagensängsten, die ausschlaggebend sind, dass sie sich gegen diese Behandlung entscheiden«, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Aufruf. In der Vergangenheit hatten sich selbst der Bund deutscher Kriminalbeamter (BDK) und weitere Angehörige aus dem Polizei- und Justizapparat dafür ausgesprochen, den Drogenkonsum zu entkriminalisieren. Bisher stießen sie jedoch eim Gesetzgeber auf taube Ohren.

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