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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 15 / Medien
Mordanschlag auf Journalisten

Der Ankläger

Nach Anschlag: Niederländischer Kriminalreporter de Vries gestorben
Von Gerrit Hoekman
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Mord auf offener Straße: Trauerbekundungen am Tatort (Amsterdam, 8.7.2021)

Am frühen Abend des 6. Juli wurde der investigative Kriminalreporter und Fernsehmoderator Peter Rudolf de Vries im Zentrum von Amsterdam auf offener Straße niedergeschossen. Über eine Woche rang der 64jährige im Krankenhaus mit dem ­Tode, am 15. Juli verlor er den Kampf.

Die Hintergründe der Tat sind zwar längst nicht klar, aber die meisten vermuten die organisierte Kriminalität hinter dem Mord. Zwei Männer wurden noch am selben Tag festgenommen. Am Montag ist ihre Untersuchungshaft um drei Monate verlängert worden. Die beiden Verdächtigen sollen in Verbindung mit Ridouan Taghi stehen, dem vermeintlichen Kopf eines international vernetzten Drogenkartells in den Niederlanden, das für zahlreiche Morde verantwortlich sein soll. Taghi wurde in Dubai verhaftet und im Dezember 2019 unter strengen Sicherheitsvorkehrungen an die Niederlande ausgeliefert.

Der »Marengo-Prozess« gegen ­Taghi und 16 andere Mitangeklagte findet seit zwei Jahren in Amsterdam statt. Der Ausgang hängt vor allem an einem Kronzeugen, der in einem anderen Fall selbst unter Mordverdacht steht und sich bereit erklärt hatte, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Kurz danach wurde sein Bruder ermordet. Im September 2019 wurde Derk Wiersum erschossen, damals Anwalt des Kronzeugen.

Peter de Vries bot sich dem Kronzeugen als Berater an, was ihm durchaus Kritik einbrachte. Denn de Vries wurde dadurch selbst Partei. »Er präsentierte sich als Verbrechensbekämpfer. Er klagte an. Er vertrat Familien, war Vertrauter von Schwerverbrechern, sagte aber auch gegen sie aus, etwa in dem von ihm geschmiedeten Triumvirat mit den Schwestern von Willem Holleeder«, schrieb der Journalist Paul Vugts am 16. Juli für die Zeitung Het Parool.

Holleeder entführte gemeinsam mit seinem Schwager Cor van Hout und drei anderen 1983 den Bierbrauer Alfred Heineken und dessen Chauffeur. Gegen ein Lösegeld von 35 Millionen Gulden (ca. 15 Millionen Euro) wurden beide nach drei Wochen wieder freigelassen. Die Entführer wurden schnell gefasst und kamen bis 1991 ins Gefängnis.

Peter de Vries und Cor van Hout schrieben zusammen einen Bestseller über die Entführung. Der Journalist und der Heineken-Entführer wurden gute Freunde. Im Januar 2003 wurde van Hout in Amstelveen ermordet. Auftraggeber war sehr wahrscheinlich ­Holleeder. Als der 2018 wegen mehrerer Morde vor Gericht stand, die er in Auftrag gegeben haben soll, sagte der von Kollegen als durchaus eitel und zuweilen oberlehrerhaft beschriebene de Vries als Zeuge aus. Holleeder wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Nach dem Anschlag auf de Vries vergleichen inzwischen nicht wenige die Niederlande mit einem »Narco-Staat«, in dem Drogenkartelle der Regierung die Macht streitig machen. Eduard van Scheltinga sah bereits 2018 gewisse Ähnlichkeiten: »Der Kern des Pro­blems ist, dass in der parallelen Drogen­ökonomie reiche Kriminelle auftauchen, die mit den Millionen, die sie zur Verfügung haben, Macht kaufen«, stellte der Politiker der Sozialistischen Partei (SP) damals auf der SP-Homepage fest.

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