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Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 11 / Feuilleton
Americana

Showtunes in Superslowmotion

Lambchop entschleunigen den Broadway
Von Tina Manske
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Gegenstrebige Fügung: Die Lampchop-Elektro-Jam

Das neue Album der US-Band Lambchop trägt den schönen Namen »Showtunes«. Dabei gleicht es mehr einer musikalischen Reise, die an späte Talk-Talk-Platten erinnert. Der Eindruck entsteht durch die Langsamkeit, die exquisit eingesetzten Bläser und natürlich das Klavier. Schon auf dem Album »Is a ­Woman« von 2002 wurden die sonoren Gesänge von Frontmann Kurt Wagner vornehmlich per Piano begleitet. Damals griff noch Tony Crow in die Tasten, mittlerweile hat Wagner gemerkt, dass er ja selbst Piano spielen kann: Für »Showtunes« hat er Gitarrenmelodien mittels einer Software in MIDI-Songs verwandelt und diese auf dem Klavier nachspielt. Auf den heute obligatorischen Einsatz von Autotune hätte man bei Wagner dagegen noch weit lieber verzichtet als bei allen anderen. Das schon immer sehr durchlässige Bandgefüge wurde derweil für dieses Album erneut erweitert. Mit dabei sind dieses Mal James McNew von Yo La Tengo, der für seine Zusammenarbeit mit Gayngs and Poliça bekannte Ryan Olson und Andrew Broder.

Der Albumtitel verweist auf ein Genre, das man bisher eher nicht mit Lambchop verband, sondern mit Theater und Kabarett – »Showtunes« sind ja vor allem schmissige Broadway-Songs. Anders als ein Broadway-Stück dauert das Album allerdings gerade mal etwas mehr als 30 Minuten. Aber welch beglückende Minuten sind das! Denn das titelgebende Genre wird sehr frei interpretiert, nämlich Lambchop-typisch als sehr intimes Zusammenspiel mehrerer fast jazzig verwendeter Instrumente, von denen jedes einzelne seine eigene Agenda zu haben scheint. Das Tolle ist, dass das musikalisch gar nicht funktionieren dürfte. Zuviel Unterschiedliches passiert da auf verschiedenen Ebenen, so vieles treibt mehr auseinander als zusammen.

Nicht das zentrale Stück – es gibt hier nichts Zentrales –, aber das für das Album bezeichnende Stück ist ­»Fuku«, das selbst mindestens drei eigenständige Songs beinhaltet. Es beginnt mit Radioheadschen Klicker-Beats und Elektroschnippseln, mündet dann aber nicht in den erwarteten Minimal-Computersound, sondern in eine Superslowmotion-Ballade. Wenn das ein Showtune ist, dann das einer Alptraumszene in einem David-Lynch-Film. Lyrics sind hier eher zweitrangig, die Arrangements sprechen für sich. Sie hallen lange nach, und doch kann man nicht genug davon bekommen.

Lambchop: Showtunes (City Slang/Rough Trade)

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