3 Monate junge Welt für 62 €
Gegründet 1947 Montag, 2. August 2021, Nr. 176
Die junge Welt wird von 2567 GenossInnen herausgegeben
3 Monate junge Welt für 62 € 3 Monate junge Welt für 62 €
3 Monate junge Welt für 62 €
Aus: Ausgabe vom 22.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Wie das Vorbeiziehen einer fliegenden Untertasse

Zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises an den Schriftsteller Clemens J. Setz
Von Ken Merten
imago0123289622h.jpg
Nichts als die Wahrheit: Abgesandte aus der Welt der Poesie

Jüngst gestand selbst Barack ­Obama, dass die US-Luftwaffe auch nicht so genau wüsste, wen oder was sie da jagen würde. Den UFO-Gläubigen Clemens J. Setz entsetzte das nicht wenig, rückte doch damit seine kindliche Religion hinüber in die Welt harter Fakten. Als Aliens noch Poesie waren, eine Geistes­erschaffung, der man anhing, wurde man »überstimmt von den Regierungen der Welt«, schrieb er in der Zeit, »und das fühlte sich phantastisch an«. Ein Stück Umgang mit jener Welt aus Materie und Ideen ist flöten gegangen. Eine fragile Verlässlichkeit geht zur Neige.

Schriftsteller Setz, 1982 in Graz geboren, sucht in seinem jetzt schon kaum mehr zu überblickenden Werk wieder und wieder die Frage zu lösen, wie ein so weiches Tier Mensch in so harter, konkreter Umwelt klarkommen kann. Eine Antwort: Ein bisschen Dada hilft. Hysterisch-hypochondrische ­Väter ­rufen ansatzlos dem Sohn »­Allahu Akbar!« beim Spaziergang nach, um Druck vom Kessel zu nehmen. So in Setzens Erzählband »Der Trost runder Dinge« (2019). Auch dort, in einer anderen Geschichte, das Angebot, die Welt ihrer falschen Verkabelungen wegen zu mögen: eine offensichtliche Spam-Nachricht kann zuviel Informationen und zuviel Zuneigung enthalten, um wirklich noch reiner Rundbrief aus dem Zwielicht zu sein. Derartig privat können einen Fremde gar nicht ansprechen. Das sitzt tief.

Schließlich steht er aber auch dafür ein, das Leben durchzuspielen, zu dem das Unerträgliche gehört wie Schwarze Löcher zum Universum. Manipulation gehört dazu und triebhafter Hass. In aller Drastik und, darüber hinaus, in ihrer Komik sind die Menschen bei Setz in ihre Fassung Hineingezwängte: Männer, die sich Mamaliebe kaufen (in: »Die Liebe zur Zeit des Mahl­städter Kindes«, 2011), Kinder, die wie im ­Roman »­Indigo« (2012) nicht erfahren, was ­Nähe ist, weil sie in ihrem Umfeld automatisch Unbehagen auslösen. Wenn Setz die Welt mit Magischem Realismus anpackt, Ungleichzeitigkeiten übersteuert, Störsignale wie Nachrichten von fremden Planeten aufrauschen lässt, dann hat das nichts mit Hokuspokus zu tun. Jede Gemeinheit, jeder Ulk, jede Grenzauflösung zwischen Pop und Hochkultur von Clemens J. Setz angebracht, irritiert wie das Vorbeiziehen einer fliegenden Untertasse an einem klaren Sommerabend nur kurz: Denn alle wissen ­instinktiv, dass es da hingehört und sie es nicht anders denn als Wahrheit zu nehmen haben.

Die Jury des Georg-Büchner-Preises hat eben dieser entsprochen und die Welt wieder etwas verlässlicher gemacht: Clemens J. Setz bekommt am 6. November dieses Jahres in Darmstadt den Büchner-Preis verliehen.

Marx für alle!

Die junge Welt gibt's jetzt im Aktionsabo! Für 62 € erhältst du 3 Monate lang die gedruckte Ausgabe der jW, danach endet das Abo automatisch.

Jetzt selber abonnieren, verschenken oder schenken lassen!

Mehr aus: Feuilleton

Marx für alle! 3 Monate Tageszeitung junge Welt lesen für 62 €. Jetzt bestellen!