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Aus: Ausgabe vom 21.07.2021, Seite 10 / Feuilleton
Ökotrophologie

»Auf die Seite der Sieger schlagen«

Viren, Eichhörnchen und Monsterfische in Brandenburg und andere Gefahren. Gespräch mit Uli Hannemann
Von Frank Willmann
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Vorbild im sommerlichen Überlebenskampf: Mutiertes Eichhörnchen

Wie gefällt Ihnen denn der Sommer bisher so?

Ob mir der Sommer gefällt, tut nichts zur Sache. Das geht auch niemanden was an. Der Sommer macht eh, was er will – für den bin ich nur eine klitzekleine Maus. Ich kann im Grunde schon froh sein, wenn mir der Sommer allein für diese Frage nicht achtkant Blumen, Hitzewellen und Hagelgewitter in die Fresse haut. Einfach so, weil er es kann. Da bin ich echt lieber still.

Corona, mutierte Eichhörnchen, hundefressende Monsterfische. Ist es nicht erstaunlich, dass Sie überhaupt noch leben?

Man muss sich stets auf die Seite der Sieger schlagen. »If you can’t beat them join them.« So fühle ich mich ­Virus, Eichhorn oder Monsterfisch weit näher als deren bedauernswerten Opfern. Tücke, Feigheit, Opportunismus und unsoziales Verhalten werden traditionell mit dem eigenen Überleben, Stipendien und Getränkemarken belohnt. Oder wie der Skatspieler sagt: »Wer schreibt, bleibt.«

Man hört, Sie halten sich über das Wochenende gern auf Ihrer Brandenburger Datsche auf. Ist das nicht gefährlich?

Nach mehreren Jahren Verheerung durch Dürre und Borkenkäfer fallen bei uns manchmal Bäume unvermittelt um wie unredliche Mittelstürmer, die im gegnerischen Strafraum ein plötzlicher Schwächeanfall ereilt. Da darf man halt in dem Moment nicht im Weg stehen. Dann ist alles gut. Freund Wolf macht uns noch keine Sorgen; dem schlottert schon die Buchse, wenn er bloß von weitem unsere Flipflops flatschen hört.

Popbubi Moritz von Uslar meinte in seiner letzten Schwarte, die Brandenburg-Nazis seien alle lieb geworden. Stimmt das?

Ich glaube kaum. Nur wenn man sie nicht ärgert, keine Dreadlocks trägt oder nicht schwarz ist, mag das stimmen. Und erst recht, wenn man in arisch-zentrierter Hybris nach dem Umsturz auf ein Pöstchen als Gauschrifttumsleiter spekuliert. Ich dreh’ denen am Badesee oft ’ne Nase, wenn sie nicht gucken – da kenn’ ich nix.

Gibt es denn in den Wüsten Brandenburgs genügend gesunde Nahrung für Sie?

Zwischen Baum und Borke ist fast immer noch Platz für einen Edeka-Markt sowie ein Erdbeerhäuschen samt brummiger Verkäuferin darin. Gern brate ich mir auch einen jungen Storch. Die Blaubeerernte scheint wegen der Trockenheit hingegen schon zum ­x-ten Mal in Folge auszufallen. Das ist bitter. Und Wiedehopf schmeckt nicht und brennt auch furchtbar leicht an.

Träumen Sie manchmal vom selbstgeschriebenen Bestseller?

Ich träume lieber vom fremdgeschriebenen Bestseller – da ist die Chance weitaus realistischer. Juli Zeh, Daniel Kehlmann, Sucharit Bhakdi zeigen, wie es geht. Ein angenehmer Nebeneffekt am fremdgeschriebenen Bestseller ist, dass Lesen viel schneller geht als Schreiben, und man kann gleichzeitig mit einer Hand ein Gurkenbrot essen. Theoretisch. Ich hasse Gurkenbrot.

Schopenhauer hatte seinen Dackel. Wen quälen Sie, wenn’s nicht läuft?

Gern quäle ich alternde Nachwuchsjournalisten mit krümelkackerischen Korrekturen: Schopenhauer hatte immer einen Pudel!

Treiben Sie Sport, oder ist der Körper unwichtig?

Ich treibe Sport, weil der Körper unwichtig ist. Der Körper ist eine arge Sau, der jeden Tag die Löffel langgezogen gehören. Ein Arsch mit Ohren, der versohlt sein will. Mein größtes Kapital und zugleich mein kleinster Zins. Altersungemäß und unsach­gerecht betriebene Leibeserziehung fickt den Körper kreuzweise und verweist ihn an seinen Platz als Klobürste der Seele. Da gehört er hin.

Sollen unsere Kinder Schriftstellerinnen werden?

Warum nicht? Immer noch besser als Diktatorinnen oder Immobilienmaklerinnen. Und ganz nebenbei werden sie flüssiger im Buchstabieren, Salbadern und Schwadronieren. Eher frage ich mich, sehe ich mir ihre Kommentare zur Pandemie so an, ob noch mehr unserer Schriftstellerinnen Kinder werden sollen.

Was ist der Schlüssel zum Misserfolg?

Meinen zahllosen Bewunderern pflege ich zu raten: Sprecht laut, bevor ihr denkt, und mit vollem Mund; esst viel fettes Fleisch vom Schwein; trinkt erst Bier, dann Wein, dann wieder Bier; beschimpft, die euch lieben, und lobt die Dummen; heizt im Sommer und eist im Winter; siebt das Mehl eures Talentes zwiefach und spuckt dann ­hinein; stochert auf der Suche nach Gott im frisch gefallenen Kot; macht Nägel mit Köpfen und schlagt sie krumm. Badet im Blut und blutet im Bad. Seid unbequem. Macht, was ihr wollt.

Uli Hannemann dichtet und richtet in Berlin-Neukölln. Von ihm ist im vergangenen Jahr im Satyr-Verlag das Buch »OH NEE, BOOMER! Wenn früher plötzlich alles besser wird« erschienen

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