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Aus: Ausgabe vom 21.07.2021, Seite 1 / Titel
Humboldt-Forum

Feudaler Themenpark

Protestaktionen zur Eröffnung der Schlossattrappe des ehemaligen Hohenzollerndomizils in Berlin
Von Annuschka Eckhardt
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Prestigeprojekt für 680 Millionen Euro: Einweihung des Humboldt-Forums am Dienstag in Berlin

Der Berliner Kulturimperialismus hat sein beliebtestes Schönwetterprojekt fertiggestellt: Die Schlossattrappe des ehemaligen Hohenzollerndomizils, das sogenannte Humboldt-Forum, öffnete am Dienstag seine gusseisernen Tore für echte Geschichtsrevisionäre. Hinter den Mauern des Potemkinschen Dorfes befinden sich die in der Kolonialzeit geraubten Artefakte der »Stiftung Preußischer Kulturbesitz«. Vor der Fassade des Fake-Schlosses wehen rund 20 bunte Flaggen, auf denen das Wort »offen« in unterschiedlichen Sprachen geschrieben steht. Kleine Geschenktütchen mit aufgedrucktem Logo des Humboldt-Forums hängen an den Stühlen für die rund 200 geladenen Gäste der Eröffnungsfeier. Auf der Website des 680 Millionen Euro teuren Projektes heißt es kokett: »Schon in seiner Architektur zeigt sich die spannungsreiche Vielfalt des Hauses – mal gibt es sich barock, dann wieder ganz modern.« Bis 2008 stand dort der Palast der Republik, konzipiert als klassisches und für die Allgemeinheit zugängliches Kulturhaus mit allem Drum und Dran sowie als Sitz der Volkskammer. Trotz großangelegter Unterschriftenaktion und vehementer Proteste hatte der Bundestag am 19. Januar 2006 endgültig beschlossen, das Gebäude abzureißen.

An dem vermeintlichen Prestige­projekt gab und gibt es viel Kritik. Am Dienstag ganz konkret von der gegenüberliegenden Straßenseite: Ein Zusammenschluss aus verschiedenen Organisationen – unter anderem »Berlin Postkolonial«, »Barazani« und »Cultural Workers Against the Humoldt-Forum« – hat zum Protest gegen die feierliche Eröffnung aufgerufen. Mehr als 150 Menschen rufen lautstark: »Defund the Humboldt-Forum!« Auf einem riesigen weißen Transparent steht »Tear it down« (»Reißt es ab«).

Der Pressesprecher des Humboldt-Forums, Michael Mathis, begrüßt leicht verschwitzt einige der illustren Gäste persönlich. Irritiert schaut er auf den Protest auf der gegenüberliegenden Straßenseite und fragt: »Ist das gegen uns?« Gegenüber junge Welt erwähnt er am Dienstag, dass ungefähr die Hälfte der Tickets für die Eröffnungsveranstaltung im Radio verlost wurde, damit die Veranstaltung nicht »elitär« wirke. »Wir wollen hier ein Volksfest feiern«, verkündet er.

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Halten die Erinnerung an den Palast der Republik wach: Aktivisten fordern den Wiederaufbau (Berlin, 20.7.2021)

Nicht nach Feiern zumute ist den Protestierenden am gegenüberliegenden Lustgarten. »Wieviel Blut von Menschen wurde in der Kolonialzeit vergossen?« fragt der in Tansania geborene Sprecher des Vereins »Berlin Postkolonial«, Mnyaka Sururu Mboro. Noch immer seien die Gebeine der von den Truppen des Kaiserreichs ermordeten Herrero und Nama im »Besitz« der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die im Humboldt-Forum ausstellt, und könnten von ihren Nachfahren nicht angemessen bestattet werden. Jeff Kwasi Klein, Sprecher des Vereins »Each One Teach One« (EOTO), der sich für die Interessen schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland und Europa einsetzt, sagt am Dienstag gegenüber jW, dass ihn die »kaltschnäuzige Ignoranz gegenüber den Forderungen von Schwarzen und dekolonialen Organisationen« störe. Es gäbe keinerlei Legitimation, Raubkunst weiterhin zu exponieren.

Clemens Schöll, Sprecher des »Fördervereins Palast der Republik«, erklärt im jW-Gespräch, dass es ihn störe, dass mit der Schlossattrappe eine »Kontinuität seit dem Kaiserreich« suggeriert würde, die verdränge, dass es den Zweiten Weltkrieg und die DDR gegeben hätte: »Geschichte ist mehr als Gebäude von vor 1900.«

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  • Leserbrief von Oskar Drießler (22. Juli 2021 um 11:08 Uhr)
    Diese schlechte Kopie des steingewordenen Feudalismus, aus dem am 18. März 1848 über 600 (bürgerliche!) Revolutionäre niederkartätscht wurden, steht unter den gegebenen Verhältnissen genau richtig dort. Zeigt die dieses Monstrum initiierende Bundesregierung doch damit überdeutlich, auf welcher Seite sie steht. Wenn das nur mehr Menschen verstehen würden … So, wie der Palast der Republik die Machtausübung durch die werktätigen Klassen (bei allem Anlass zur Kritik im Detail: Es verhielt sich so) symbolisierte, symbolisiert das Humboldt-Forum die Änderung der Machtverhältnisse 1989 und signalisiert den Rückfall der Menschheit (mit – was die Anzahl der Staaten betrifft - wenigen Ausnahmen) um rund 150 Jahre. Nicht nur 40 oder 70, sondern tatsächlich 150 Jahre, denn im 19. Jahrhundert war das Klassenbewusstsein unter den Arbeitern weitverbreitet, während heute – jedenfalls in Europa und Nordamerika – sich fast nur noch die Kapitalisten ihrer Klassenzugehörigkeit und der damit verbundenen Verpflichtungen bewusst sind. Selbstverständlich: »We will tear it down«, und zwar dann, wenn der nach 1918 und 1949 dritte Versuch, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx), erfolgreich gewesen sein wird. Solange aber muss dieses Symbol der Unterdrückung uns jeden Tag erinnern und

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