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Aus: Ausgabe vom 20.07.2021, Seite 8 / Inland
Akzeptierende Drogenarbeit

»Sie sind weder willenlos noch dumm«

Wer in der BRD Drogen konsumiert, wird kriminalisiert. Gedenktag für verstorbene Gebraucher am Mittwoch. Ein Gespräch mit Philine Edbauer
Interview: Markus Bernhardt
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In dem Konsumraum eines Zentrums für integrative Drogenhilfe setzt sich ein Drogenabhängiger einen Schuss (2017)

Am 21. Juli findet traditionell der Internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebraucherinnen und -gebraucher statt. Was ist an diesem Tag geplant?

An über sechzig Orten im deutschsprachigen Raum finden Diskussionsrunden, Aktionen, Messen und Demonstrationen statt, um der Verstorbenen zu gedenken und Öffentlichkeit für Maßnahmen zu schaffen, mit denen sie vielleicht noch leben würden. Organisiert wird der Gedenktag von Mitgliedern des bundesweiten Netzwerks JES (»Junkies, Ehemalige, Substituierte«, jW), lokalen Suchthilfeeinrichtungen und Elternkreisen. Online kann man sich mit dem Hashtag »DuFehlst« anschließen. Um eine Aktion beispielhaft zu benennen: In Leutkirch im Allgäu wird dieses Jahr ein Gedenkstein gelegt, um würdevoll der Verstorbenen zu erinnern. Es ist ein Mahnmal gegen die Entmenschlichung und Ausgrenzung, die kranke Drogengebrauchende erfahren.

Insgesamt 1.581 Menschen sind im vergangenen Jahr infolge von Drogenkonsum verstorben. Hätte das durch eine andere Politik verhindert werden können?

Der Konsum von gängigen illegalen Drogen von Cannabis bis Heroin muss nicht zwangsläufig zu Problemen führen. Aber die Kriminalisierung treibt bereits junge Menschen, die teils mit Traumata belastet sind, in prekäre Situationen und gibt ihnen das Gefühl, keine Hilfe wert zu sein.

Wie kommt es zu den Todesfällen?

Es trifft mitunter geschwächte Langzeitabhängige mit schweren Begleiterkrankungen oder auch Suchtkranke, die nicht behandelt werden, weil sie keine Krankenversicherung haben. Tödliche Überdosierungen können mit Mischkonsum oder Unkenntnis über den Wirkstoffgehalt als Folge des illegalen Marktes zusammenhängen. Alle Fälle sind gleichermaßen tragisch. Es gibt Informationsdefizite, und einige Bundesländer und Städte sträuben sich gegen wirksame Maßnahmen wie Drogenkonsumräume, Substitution und »Drug Checking«. Immer noch ist die Annahme verbreitet, abstinenzorientierte Suchthilfe sei das Maß aller Dinge. Das ist einerseits fachlich falsch und entmündigt andererseits die Betroffenen. Abhängige Drogengebraucherinnen und -gebraucher sind weder willenlos noch dumm.

In diesem Jahr hat Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig sich bereiterklärt, den diesjährigen Gedenktag als Schirmherrin zu begleiten. Ist es nicht ein Widerspruch, dass ausgerechnet die CSU-Politikerin diese Funktion erfüllen soll, obwohl ihre Drogenpolitik bei Betroffenen und Fachleuten auf Ablehnung stößt?

Ludwig hat begrenzte Möglichkeiten, auf Drogenpolitik einzuwirken, aber qua ihrer Position haben ihre Aussagen Aufmerksamkeit und Gewicht. Daher sind ihre Botschaften zu akzeptierender Drogenarbeit, die sie als Schirmherrin an ihre Unionskolleginnen und -kollegen aus Bund und Land sendet, wichtig. Schmerzhaft finde ich jedoch, wie Ludwig die Amtszeit benutzt hat, um ihre Bekanntheit als CSU-Politikerin auszubauen. Sie hat sich ein Image als Helferin der Schwachen, Schützerin der Jugend und Hardlinerin gegen Kriminelle aufgebaut. Das ist so unerträglich, weil sie in genau diesen Bereichen den Empfehlungen von Fachleuten zuwiderhandelt. Statt neue Projekte zu starten, die ihr Konterfei tragen, hätte sie auch bereits existierende finanziell stärken können.

Welche Maßnahmen und Schritte erwarten Sie im Nachgang an die Bundestagswahl im Herbst von einer künftigen Regierung?

»Drug Checking« muss aus der gesetzlichen Grauzone geholt, wissenschaftlich begleitete Modellprojekte der Bundesländer dürfen nicht mehr behindert und Besitzmengen aller illegalen Drogen müssen entkriminalisiert werden. Die Cannabis-Legalisierung wurde zum Wahlkampfthema und ist zum Greifen nah, wenn die Union nicht die stärkste Kraft wird. Auf einen Schlag würden Millionen Konsumierende von der Unsicherheit über die tatsächliche Wirkstoffzusammensetzung und Streckstoffe entlastet werden, wie es bereits in Uruguay, Kanada und einigen Staaten der USA geschehen ist.

Philine Edbauer koordiniert die Initiative »My brain, my choice« für eine grundlegende Neuausrichtung der Drogenpolitik. Den Gedenktag begleitet die Initiative am Mittwoch ab 13 Uhr am Kottbusser Tor in Berlin.

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