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Aus: Ausgabe vom 20.07.2021, Seite 5 / Inland
Insolvenzen

Selbständig und pleite

Zahl der Solo- und Kleinunternehmer im Zuge der Coronakrise eingebrochen. Vor allem Frauen sind die großen Verliererinnen
Von Ralf Wurzbacher
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Fehlt in der Regel: Staatlicher Krisenschutz für Betroffene (Berlin, 28.10.2020)

Wenn ein Promikoch wie Alfons Schuhbeck krisenbedingt die Brocken hinwirft, sind Schlagzeilen obligatorisch. »Nachdem die vollmundig angekündigten Staatshilfen bei mir bis heute ausgeblieben sind, muss ich für meine Betriebe Insolvenz anmelden«, gab der allseits bekannte Oberbayer am Sonntag bekannt und überschrieb seine Mitteilung mit: »Das nächste Corona-Opfer«. Verlieren dagegen Selbständige zu Zehntausenden ihre Existenzgrundlage, läuft das unter »Schwamm drüber«. Nach einer Ende der Vorwoche vorgelegten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat die Pandemie eine Vielzahl an Solo- und Kleinunternehmern in die Knie gezwungen. Der Anteil derer, die zu Beginn der Krise noch einer selbständigen Tätigkeit nachgingen, ist demnach »im Vergleich zu den Vorjahren um knapp elf Prozentpunkte auf rund 74 Prozent« gesunken.

Das Statistische Bundesamt zählte 2019 noch rund vier Millionen Selbständige. Nimmt man die Daten des DIW, könnten davon im Pandemiejahr rund eine Million ihr Geschäft aufgegeben haben. Im selben Zeitraum kamen zwar neue Gründungen hinzu. Allerdings blieb auch deren Zahl weit hinter der Größenordnung der Vorjahre zurück. Laut einer Erhebung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) von Anfang Juli wagten 2020 bei 537.000 Neugründungen 68.000 weniger Menschen den Sprung in die berufliche Selbständigkeit als im Jahr davor. Von jenen, die gemäß DIW-Auswertung das Frühjahr nicht »überlebten« (26 Prozent), wechselten rund 42 Prozent in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, während knapp 58 Prozent in der »Inaktivität« landeten. Ihr Anteil erhöhte sich im Vergleich zu 2019 um 70 Prozent.

Wie schon viele andere vor ihm monierte auch DIW-Forscher Alexander Kritikos die unzureichende Unterstützung durch die Bundesregierung. Vor allem hätten viele Soloselbständige nicht von den sogenannten Soforthilfen profitiert. Die Zuschüsse bemessen sich an den beruflichen Fixkosten, die bei Einpersonenbetrieben aber kaum eine Rolle spielen. Besserung hätte laut Kritikos zwar die »Neustarthilfe«, eine einmalige Zahlung von 7.500 Euro, versprochen. Er fürchte jedoch, die Maßnahme »kam zu spät«. Als »nicht systematisch« hatte schon in der Frühphase der Krise der frühere Vorsitzende des Sachverständigenrats, Lars Feld, die Zuwendungen bemängelt. Dabei hält der Negativtrend im laufenden Jahr an. Nach den DIW-Befunden liegt die Quote der das Jahresende 2020 »Überlebenden« mit 76 Prozent abermals auf sehr niedrigem Niveau, wobei von denen, die auf der Strecke blieben, sogar drei Viertel keine Anschlussbeschäftigung gefunden haben.

Einmal mehr sind Frauen die großen Verliererinnen: Von ihnen bewahrten nur 68 Prozent ihren Status, bei Männern sind es 80 Prozent. Der Anteil selbständiger Frauen ist in den am schwersten von der Krise gebeutelten Branchen besonders hoch, etwa im Handel, der Gastronomie oder Hotellerie. »Damit entwickelt sich die Covid-19-Pandemie mehr und mehr zu einer Krise für selbständige Frauen, die etwas mehr als ein Drittel aller Selbstständigen ausmachen«, konstatierte das Wirtschaftsinstitut. Bereits Anfang Juni hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) einen pandemieverschuldeten Rückgang bei den sogenannten Minijobs vermeldet. Diese Verluste gehen ebenfalls weit überwiegend auf das Konto des weiblichen Geschlechts. Schon in einer früheren Analyse hatten DIW-Forscher nachgewiesen, dass selbständige Frauen im Frühjahr 2020 häufiger starke Einkommensverluste verzeichneten als Männer und zudem häufiger Depres­sions- und Angstsymptome zeigten.

Anzunehmen ist, dass auch unter den von der BA gemeldeten 132.000 Selbständigen, die zwischen April 2020 und Juni 2021 Grundsicherung beantragt haben, Frauen einen überproportional hohen Anteil ausmachen. Zwar hatte die Bundesregierung den vorläufigen Zugang zu Hartz-IV-Leistungen coronabedingt erleichtert, trotzdem klagten immer noch viele Betroffene über bürokratische Fallstricke und Verzögerungen bei der Bewilligung. Um überhaupt an Geld zu kommen, mussten nicht wenige ihre Rücklagen komplett aufzehren, um dann doch mitunter monatelang auf grünes Licht vom Jobcenter zu warten.

Noch mehr Kunden stehen der BA aufgrund steigender Unternehmenspleiten ins Haus. Die Bundesregierung hatte die Insolvenzantragsfrist wiederholt ausgesetzt, bis schließlich Ende April Schluss damit war. Nach Schätzung der Auskunftei Creditreform haben im ersten Halbjahr 2021 rund 65.000 Privatleute und Firmen Insolvenz angemeldet. Das ist der höchste Wert seit sieben Jahren. Erheblich zugenommen haben dabei Verbraucherinsolvenzen – auf 46.000 Fälle nach 28.240 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

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