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Aus: Ausgabe vom 20.07.2021, Seite 2 / Inland
Hochwasser in der BRD

»Monumentales« Versagen

Kritik an mangelhaftem Katastrophenschutz nach Überschwemmungen
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Die überflutete Bundesstraße 256 im nordrhein-westfälischen Erftkreis (17.7.2021)

Mit dem Rückgang der akuten Gefahr in den Hochwassergebieten nimmt die Debatte über Versäumnisse beim Schutz der Bevölkerung Fahrt auf. Eine britische Wissenschaftlerin warf den deutschen Behörden »monumentales« Systemversagen bei der Flutkatastrophe vor. Teile der Opposition im Bundestag kritisierten den für Katastrophenschutz zuständigen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) heftig. Der machte sich am Montag unter anderem an der zwischenzeitlich von einem Dammbruch bedrohten Steinbachtalsperre in Nordrhein-Westfalen ein Bild der Schäden. Dort entspannte sich die Lage ebenso wie in den meisten anderen Hochwassergebieten im Westen Deutschlands und in Bayern.

Aus Sicht der Hydrologin Hannah Cloke von der englischen Universität Reading ist in Deutschland viel schiefgegangen. Klare Hinweise, die im Rahmen des europäischen Frühwarnsystems EFAS bereits vier Tage vor den ersten Überschwemmungen herausgegeben worden seien, seien offenbar nicht bei der Bevölkerung angekommen, sagte sie der Zeitung Sunday Times. Die Forscherin war am Aufbau von EFAS (European Flood Awareness System, auf Deutsch: Europäisches Hochwasseraufklärungssystem) beteiligt, das nach den verheerenden Überschwemmungen an Elbe und Donau im Jahr 2002 gegründet wurde.

Allein in Rheinland-Pfalz wurden bis Montag nach Polizei-Angaben 117 Unwettertote gezählt. In Nordrhein-Westfalen waren es zuletzt 46. Der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Armin Schuster (CDU), sagte mit Blick auf Kritik, derzeit sei man in der Phase »retten, bergen, Obdach bieten et cetera«. Weiter meinte er im Deutschlandfunk: »Ich habe meinen Mitarbeitern sogar quasi untersagt, Manöverkritik zu machen. Wir helfen jetzt.« Seehofer sagte, der Katastrophenschutz in Deutschland sei gut aufgestellt. Bund, Länder und Kommunen müssten sich aber auch gemeinsam Gedanken machen, welche Lehren aus dem Krisenmanagement zu ziehen seien.

Linken-Parteikovorsitzende Susanne Hennig-Wellsow brachte eine Rücktrittsforderung ins Spiel. »Seehofer trägt die politische Verantwortung für das desaströse Versagen der Bundesregierung«, sagte sie einer Mitteilung zufolge. (dpa/jW)

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  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (20. Juli 2021 um 09:36 Uhr)
    Die Überflutungen in West-Deutschland, die durch die anhaltenden Regenfälle in der letzten Woche ausgelöst wurden, haben katastrophale Ausmaße erreicht. Gemäß offiziellen Angaben sind in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mehr als hundert Menschen ums Leben gekommen. Doch nicht nur die schrecklichen Folgen, auch die rein meteorologischen und hydrologischen Daten des Ereignisses sind extrem. In manchen Regionen fielen mehr als 200 Liter Regen pro Quadratmeter – und das innerhalb von nur 24 Stunden. Somit habe eines der »bisher stärksten gemessenen Regenereignisse« gebirgige Gebiete wie die Eifel getroffen. Fraglich wäre ob bessere bauliche Schutzmaßnahmen etwa im Tal der Ahr angesichts der herausschießenden Wassermassen, genutzt hätten. Weiterhin liege in engen Tälern die Vorwarnzeit unter einer Stunde – nicht bei mehreren Tagen wie beim Rhein in Köln. Das erkläre, warum es an vielen Orten nicht gelungen sei, gefährdete Menschen rechtzeitig zu evakuieren. Eine Wetterlage wie die derzeitige ist in Mitteleuropa aber auch in der Vergangenheit schon wiederholt aufgetreten und hat Überschwemmungen ausgelöst, zum Beispiel im Erzgebirge im Jahr 2013. Es handelt sich bei der Wetterlage um ein nahezu ortsfestes Höhentief. Besonders heikel dabei ist, dass feuchte Luftmassen mit einer hohen Neigung zur Schauer und Gewitterbildung in einer Region festgesteckt bleibt. Das führt zu ungewöhnlich hohen Regenmengen. Wann solche stagnierenden Regenkonstellation auftreten, hängt generell vom absoluten Zufall ab, es ist nicht vorhersehbar.
  • Leserbrief von Richard (19. Juli 2021 um 22:24 Uhr)
    Was es mit der Kritik en detail auf sich hat, kann man bei Sputnik gut nachvollziehen (https://snanews.de/20210719/unternehmer-ehrenamt-flutkatastrophe-2898048.html). Da scheint mir das typische Hierachieproblem vorzuherrschen. Was mich an solchen Strukturen dann immer nervt ... Die Typen, die eigentlich das Sagen haben müssten, weil sie in der Position sind und auch entsprechendes Gehalt beziehen, scheinen oft auch nur genau deswegen an ihren Posten gelangt zu sein: Reden und des Gehalts wegen, nicht aber wegen der Kompetenzen und der Verantwortung, die damit einhergeht. Wenn man sich von solchen Leuten dann auch noch flapsige Bemerkungen anhören muss, so von oben herab, voller Abgehobenheit und Ignoranz ... dann möchte man schon mal alles hinschmeißen. Anderen (Sonntagsredenschwingern) bei der Karriere helfen, indem man ihre Inkompetenz geradebügelt und sich dann auch noch dämliche Sprüche anhören muss, und obendrein sowieso auch noch viel schlechter abgesichert sein ... Da reicht es dann irgendwann auch. Andererseits ... Wenn man es selber besser macht als solche Typen, dann fahren sie einem auch noch gerne in die Parade, weil sie einen als gefährliche Konkurrenz wahrnehmen. Wie heißt es so schön? Manch einer wird solange befördert, bis er/sie/es komplett gar keinen Plan mehr davon hat, was eigentlich zu tun ist. Aber gut ... Ich will das mal nicht auf konkrete Personen beziehen. Einerseits ist die Lage vielleicht auch einfach zu chaotisch und muss sich erst einmal einspielen, andererseits ... Dass sie so chaotisch ist, spricht allerdings auch nicht gerade für die Strukturen. Erst hab’ ich heute noch eine andere Position angenommen und die Kritik als typisch deutsche Nörgelei abgetan (das können hier nämlich auch einige sehr gut; gerade der WDR hat sich beispielsweise auch nicht mit Ruhm bekleckert; dieser soll keine oder nur in Nebensätzen erwähnte Warnmeldungen rausgegeben haben, wie es eigentlich sein Auftrag wäre). Die Schilderungen auf Sputnik sind jedoch erschreckend ... erschreckend bekannt ...

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