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Aus: Ausgabe vom 19.07.2021, Seite 4 / Inland
Nach Tod von Antifaschistin

Bewegender Abschied

Esther Bejarano wurde am Sonntag in Hamburg beigesetzt. Bei Trauerfeier findet Rolf Becker klare Worte
Von Kristian Stemmler, Hamburg
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»In unseren Herzen lebst du weiter«: Der Sarg von Esther Bejarano in der Kapelle des Jüdischen Friedhofs Ohlsdorf

Immer wieder brach Rolf Becker die Stimme. Vor allem bei den letzten Sätzen seiner Rede rang er um Fassung. »Du bist und bleibst anwesend, bleibst bei uns«, sagte der Schauspieler und Aktivist. Gerichtet an eine Frau, die ihn, wie Becker zuvor berichtet hatte, nicht nur als guten Freund, sondern als ihren »kleinen Bruder« gesehen und geliebt hatte. Es war wohl der berührendste Moment der Trauerfeier für Esther Bejarano am Sonntag mittag in der Kapelle des Jüdischen Friedhofs Ohlsdorf in Hamburg. Nach einem kurzen Moment kam – ungewöhnlich bei einer Trauerfeier – spontan Beifall auf, der auch draußen vor der Kapelle und weiter auf der Zufahrtsstraße zum Friedhof, wo viele hundert Menschen vor Lautsprechern die Veranstaltung verfolgten, zu hören war.

Im kleinen Andachtsraum der Kapelle hatten 30 Menschen Platz finden können, darunter Esther Bejaranos Tochter Edna und ihr Sohn Joram sowie als Repräsentanten der Politik Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit und die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (alle SPD). Es war Becker und den Besuchern draußen zu verdanken, dass aus der Trauerfeier nicht nur ein würdiges Abschiednehmen von Esther Bejarano wurde, die am 10. Juli im Alter von 96 Jahren gestorben war, sondern auch eine beeindruckende politische Manifestation. Anders als bei vielen Würdigungen nach ihrem Tod, kam an diesem Tag noch einmal all das zur Sprache, was für die Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau, die aktive Antifaschistin, Musikerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees Deutschland im Zentrum des Kampfes stand.

Schon eine Stunde vor Beginn der Trauerfeier waren Menschen in kleinen Gruppen an der Westseite des Ohlsdorfer Friedhofs entlang zum Jüdischen Friedhof im Süden des riesigen Geländes geströmt. Fast durchweg schwarzgekleidet, darunter viele junge Menschen, manche mit dem Antifa-Logo auf dem T-Shirt. Auf den Friedhof durften nur geladene Gäste, die in der Kapelle oder direkt davor an der Feier teilnahmen. Viele hundert versammelten sich daher auf der Zufahrtsstraße. Nicht wenige hatten selbstgemachte Schilder mitgebracht. Auf denen stand: »In unseren Herzen lebst du weiter …« oder »Wir werden nicht schweigen, versprochen Esther!«

Bürgermeister Tschentscher bezeichnete es als ein »großes Geschenk für unsere Stadt«, dass Esther Bejarano sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland Ende der 1950er für Hamburg als neue Heimat entschieden hatte. Sie habe »wichtige Impulse« gesetzt für »Demokratie, Erinnerungskultur und Gleichberechtigung«. Die politischen Inhalte, für die Bejarano stand, kamen bei ­Tschentscher nicht vor – dafür aber um so mehr in Beckers Rede.

Er schilderte sie als eine Frau, die »aufgeschlossen, trotz allem und für alles« gewesen sei, »zornig über zunehmendes Unrecht«. Sie habe sich immer für »die Schwächsten« eingesetzt, die Menschen, die im Kapitalismus unter die Räder kämen, etwa für Obdachlose. Den Umgang des Senats mit den Geflüchteten der sogenannten Lampedusa-Gruppe habe sie mit den Worten kritisiert, man könne »nicht heute immer noch Menschen wie Tiere behandeln«. Der Rechtsruck in Europa habe Esther Bejarano mit tiefer Sorge erfüllt. Becker unterschlug auch nicht, dass sich die Verstorbene vehement gegen eine Diffamierung berechtigter Kritik an Israel als antisemitisch gewandt hat. Sie habe Israel die Ausgrenzung der Palästinenser vorgeworfen, von einem »brutalen Besatzungsregime« gesprochen. Esther Bejarano und ihr Mann Nissim seien Kommunisten gewesen, so Becker.

Neben ihrem schon 1999 verstorbenen Ehemann wurde Esther Bejarano nach der Trauerfeier beigesetzt. In Hamburg soll ein Platz, eine Straße oder Schule nach ihr benannt werden – eine Art Wiedergutmachung dafür, dass die Stadt es versäumt hat, sie zur Ehrenbürgerin Hamburgs zu machen, als sie noch lebte.

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  • Leserbrief von Dr. Lothar Zieske aus Hamburg (21. Juli 2021 um 09:02 Uhr)
    Eine Ergänzung zu meinem Leserbrief vom 19.7.: Inzwischen ist Rolf Beckers Rede mit einigen wenigen Veränderungen auf der Homepage des Auschwitz-Komitees in der BRD (https://www.auschwitz-komitee.de/5937/rolf-becker-zum-abschied-von-esther/) zugänglich. Rolf Becker bittet aber um »Rücksprache vor jeglichen Kürzungen und Veränderungen bei Veröffentlichung des Textes«.
  • Leserbrief von Dr. Lothar Zieske aus Hamburg (19. Juli 2021 um 15:27 Uhr)
    Ich möchte Kristian Stemmler sehr dafür danken, dass er sowohl den »bewegenden Abschied« als auch »Rolfs Beckers klare Worte« angemessen dargestellt hat. Letzteres ist um so wichtiger, als Esther Bejarano auch nach ihrem Tod in den Medien als tapfere liebe alte Dame dargestellt wird, deren – wahrscheinlich als »extremistisch« wahrgenommene – pointierte politische Äußerungen etablierte politische Kreise und angepasste Medien wie zu ihren Lebzeiten auch nach ihrem Tod nicht gern erwähnt wissen wollen. So gab das »Hamburg-Journal« des NDR von Rolf Beckers Rede nur die fast von Tränen erstickten abschließenden Worte wieder, von seinen politischen Äußerungen kein Wort. Das nenne ich »beschränkten Rundfunk« (vgl. Ossietzky 8/ 2014, S. 286 f.). Ich wäre der jW sehr dankbar, wenn sie Rolf Becker zu bewegen versuchte, seine Rede zum Abdruck für die »Themen«-Seite (gerne auch zwei Folgen!) zur Verfügung zu stellen.
    Dr. Lothar Zieske, Hamburg
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Josie M. aus 38448 Wolfsburg (19. Juli 2021 um 11:55 Uhr)
    Vielen Dank für diesen Artikel. Vor allem möchte ich auch, und zwar mit Tränen der Erleichterung, Rolf Becker für seine Trauerrede danken. Man kann nur hoffen, dass deren Inhalt auch in das Bewusstsein der anwesenden SPD-Repräsentanten gedrungen ist.
    Josie Michel-Brüning

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